Das älteste Kloster Norwegens

Kloster Utstein bei Stavanger,
und eine herrliche Landschaft

Frühmorgens schleicht unser Schiff durch die Schärenküste, vorbei an Inselchen und Inseln, auf Stavanger zu, eine der größten Städte Norwegens – und doch mit dem Charme eines kleinen Städtchens. In Stavanger waren wir schon einige Male, und daher haben wir beschlossen, zuerst mal mit einem Leihwagen über die Schäreninseln zu fahren, so lange wie es eine Straße gibt, über Inseln, durch Tunnels, über Brücken. Auf jeden Fall wollen wir das älteste Kloster Norwegens erreichen, Utstein, dessen ältesten Gebäude schon im 9. Jahrhundert errichtet wurden.

Der Tag in Stavanger beginnt mit einem kleinen Spaziergang am Hafen entlang hinauf in die Stadt, zur Autoverleihstation.

Los geht es mit einem schönen neuen weißen Hyundai.
Stavanger ist für seine Streetart bekannt und es gibt sogar ein Verzeichnis, in dem alle Wandzeichnungen aufgelistet sind. Jedes Jahr findet das NUART-Straßenkunst-Festival in Stavanger statt – wer interessiert ist, findet hier dazu ein paar Infos.

Von einer recht fröhlichen Wandmalerei wird man schon im Hafen empfangen. Nun fahren wir los auf der Suche nach den Arbeiten und entdecken auch eine schöne Sardinenbüchse an der Wand. Die Straße führt uns dann allerdings über eine der großen Brücken, die hier die einzelnen Inseln verbinden. In der Ferne steht ein großes Stahlbauwerk. Wir verfolgen die Spur. Werden hier in der Werft Kreuzfahrtschiffe gebaut, oder Teile dafür?

Wir nähern uns über viele kleine Wege und über ein Fabrikgelände einem riesigen Schiffsrohbau am Hafen. Es stellt sich heraus, dass dieser schon auf einen Frachter verladen ist. Es sich bei dem Schiff um die „Black Marlin“, einen riesigen Schwergutfrachter mit 218 Meter Länge und 48 Meter Breite. Er ist sehr hoch beladen mit riesigen Teilen, die nach Las Palmas verfrachtet werden sollen. Die Black Marlin ist ein sogenanntes Halbtaucherschiff und gehört der Offshore Heavy Transport aus Oslo. Zum beladen flutet das Schiff seine Wassertanks und sinkt so mit der tief liegenden Ladefläche unter Wasser. Das Transportobjekt wird mittels Schlepper über die Ladefläche gebracht, die Tanks werden anschließend leergepumpt, wodurch das Schiff mitsamt der Ladung auf dem Deck wieder aufsteigt. Ohne Kran kann die Black Marlin auf diese Weise riesige Teile transportieren, sogar ganze Schiffe.

Gelandet im Industriehafengebiet, aber eigentlich wollen wir nach Norden, zu den Schäreninseln. Wir fahren also die kurze Strecke zurück und dann rauf in den Norden.

Stavanger - Landschaft

Auf dem Weg entdecken wir ein Schild an der Straße „Vistehola“ – es scheint etwas zu sein, was man besichtigen kann. Wir biegen ab. Es stellt sich heraus, dass Vistehola (Svarthola, die Schwarze Höhle) einer der ältesten Siedlungsplätze Norwegens aus der Steinzeit ist. Die Höhle entstand vermutlich in der letzten Eiszeit und ist 9 Meter tief, 5 Meter breit und 3 Meter hoch. Die ersten Menschen haben sich vermutlich 6000 Jahre v.Chr. hier niedergelassen. Ausgrabungen in der dicken Erdschicht brachten viele Funde aus Knochen, Horn und Feuerstein zutage. Knöchel und Knochen bezeugen, wie man sich ernährte. So wurden Überreste von 50 verschiedenen Tier- und Vogelarten gefunden, außerdem ein Skelett eines etwa 15 Jahre alten Jungen (Vistegutten). Erstaunlich, wie sich hier der Meeresspiegel veränderte: Heute liegt die Höhle ein gutes Stück vom Meer entfernt und 16 m über dem Meeresspiegel. Zur Steinzeit reichte das Wasser bis an die Höhle.

Weiter geht es zur nächsten Entdeckung, Visnestunet. Ein nettes Miniaturfreilichtmuseum. Eine Farm, 1875 erbaut – heute Museum -, die Einblick in den Aufbau älterer Gebäude, in Kulturgeschichte und Farmgeschichte bieten. Vistnestunet liegt in traumhafter Landschaft am Meer. Hühner, Schafe, ein Gemüsegarten, ein kleiner Wald, ein Strand mit großen Steinen … ein schöner Spaziergang auf kleinen Pfaden. Besonders auch die Natursteinwände des Hauses. Hier sind Steine aller Größen zu Mauern aufgeschichtet. Manche bis zu einem Meter lang und 50 cm hoch.

Auf der Weiterfahrt kommen wir an einem richtigen Sandstrand vorbei. „Sandestranden“ hat kleine Dünen und feinem gelben Sand. Hier wird im Sommer sicher viel gebadet, worauf einige Schilder hinweisen – uns wäre wahrscheinlich auch dann das Wasser noch viel zu kalt. Weiter geht es zum Leuchtturm „Tungenes Fyr“. Vom Parkplatz Tungevågen sind es etwa 500 m Fußweg bis zum Leuchtturm mit ein paar weißen Häusern drumrum und einer netten Gartenanlage, oben auf einer kleinen Anhöhe. Normalerweise gibt es hier ein Leuchtturmmuseum, ein Kulturzentrum, eine kleine Gemäldesammlung sowie ein Café. Leider sind wir noch früh im Jahr unterwegs, es wird noch für die Saison renoviert und alles ist geschlossen. Also wieder kein Cappuccino.

Wir freuen uns auf die nächste Insel, sind aber sehr überrascht, dass es nicht wie gedacht über eine lange Brücke geht, sondern hinein in einen Tunnel mit Namen „Rennfast“.

Und der hat es in sich: Mehr als 5 km lang, bis zu 220 Meter tief, unter dem Meer durch. Da kann einem leicht mulmig werden, denn wir durchqueren einen der längsten Unterwassertunnels der Welt; wie wir später feststellen, sind wir nicht nur durchgefahren, sondern am Morgen schon mal drüber gefahren, mit dem Kreuzfahrtschiff. Umso schöner, wenn man dann am anderen Ende auf einer herrlich grünen, sonnenbestrahlten Insel landet.

Durch eine paradiesische Landschaft geht es auf unser nächstes Ziel zu, Kloster Utstein auf der Insel Mosterøy. Wir fahren über größere und kleinere Inseln, meist mit Blick auf das Meer. Herrliche kleine Wasserflächen, in denen sich alles spiegelt. Satt grüne Wiesen und Hügel mit Steinbrocken und blökenden Schafherden mit vielen kleinen herumhüpfenden Lämmern gespickt, kleinere Steinbrocken zu Abgrenzungswällen aufgeschichtet, kleine Baumgruppen und oft solitär stehend uralte riesige Bäume. Zum Meer hin zersplittern sich die Inseln regelrecht zu kleinen und kleinsten Inselchen, dem Land zu entstehen Buchten, in denen Boote stehen. Überall, vor allem an den Buchten, stehen rote und weiße, fröhlich wirkende Holzhäuser meist mit kleinen Gärten.

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Eine herrliche Landschaft, und mitten drin die Klostergebäude mit alten ehrwürdigen riesigen Mauern, die geradezu magisch anziehen.

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Viele der Mauern stammen tatsächlich noch aus der ganz alten Zeit; sie könnten viele Geschichten erzählen – hier residierte bereits im 9. Jahrhundert der norwegische König Harald Hårfagre. Im 13. Jahrhundert wurde das Gebäude dann als Kloster den Mönchen von Stavanger überlassen. Heute ist es die am besten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage Norwegens.

Vorbei an den Umgrenzungsmauern geht es für uns hinein in die Anlage. Wir werden freundlich an der ehemaligen Pforte empfangen. Das Beste zuerst: Es gab Kaffee und Waffeln. In der Vorsaison ist es nicht einfach an Ess- und Trinkbares auf den Inseln zu kommen. Weder das Golfcafe, noch die Utsteinhotel konnten etwas Essbares anbieten und so waren wir jetzt am Nachmittag hocherfreut über leckere Waffeln mit Marmelade und Sahne. Obwohl es wohl die Reste vom Kreuzfahrtschiffbesuch am frühen Morgen waren.

Man betritt die Anlage und steht gleich im Kreuzgang, der klein aber aufwändig aus groben Steinen erbaut ist, in der Mitte Hochbeete mit Gemüse und Blumen. Vom Kreuzgang aus gehen verschiedenste Räume ab, mit hohen Gewölben, und dem Alter des Gebäudes entsprechen wenigen und kleinen Fenstern. Der Konvent, also der Versammlungsraum, daneben ein Raum, der als Bibliothek genutzt wurde. Das Refektorium, der Speisesaal, daneben die Küche, erkennbar das Spülbecken, das als das älteste Spülbecken Norwegens gilt, daneben ein kleines Fenster, das auf das Jahr 1250 datiert wird und früher mal anstelle einer Glasscheibe mit einem Pergament aus Schweineblase verschlossen war. Beeindruckend vor allem auch die Steinwände aus zum Teil riesigen Steinen, bei denen man keine Vorstellung hat, wie diese auf solche Höhen angehoben wurden.

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Anschließend geht es in die Klosterkirche. Ungewöhnlich – sie hat einen rechteckigen Grundriss, mit Innenmaß 7 Meter breit, 37 Meter lang. Zwischen Kirchenschiff und Chor ist der Turm platziert, eine Gebäudeanordnung, die in Norwegen einzigartig ist. Der bemalte Holzaltar im Chor stammt aus dem 17. Jahrhundert; er wird gekrönt von zwei schmucken Engeln und auf der rechten Seite des Altarbildes sieht man eine barbusige Dame. Alles in schönen Blau gehalten. Auch die Kanzel ist kunstvoll bemalt, ebenso wie die Kirchenbänke. Zusammen mit den groben Steinwänden ergibt das eine mystische Wirkung. Wenn man zur Decke schaut, blickt man in ein umgekehrtes Wikingerboot, traditionell gebaut mit Holznägeln.

„Halleluja!“ – ohne die Akustik zu testen geht es bei Lydia nicht. Beeindruckend schallt es in der Kirche „Halleluja!“ Die wunderbare Akustik des Raums ergibt sich insbesondere auch aus in den Wänden als Resonanzräume eingebauten Töpfen aus gebranntem Ton, die im 13. Jahrhundert aus England importiert wurden. Da in der Kirche auch Konzerte gegeben werden, stand mitten drin ein Flügel. Eben nachgefragt, Erlaubnis erteilt, hingesetzt und gespielt. Ein Traum in so einer Kirche, bei so toller Akustik die selbstkomponierten kleinen Werke „aufzuführen“.

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Aber gehen wir weiter ins Herrenhaus. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde Utstein zum Herrenhaus der damals mächtigen Garmann-Familie. Die Räume in der ersten Etage, in denen die Familie wohnte, sind sehr stilvoll und gut farblich abgestimmt eingerichtet. Überall an den Wänden Bildnisse der Familie, schöne große Fenster und Textiltapeten. Ein Himmelbett, gusseiserne Kamine …

Wer sich lange genug in den alten Gemäuern aufhält, hat vielleicht sogar noch eine ganz besondere Begegnung. In Norwegen rechnet man ja mit Trollen – aber in Utstein soll es ein Klostergespenst geben, die weiße Dame …

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Wieder draußen schlendern wir durch den schönen Garten mit vielen Frühlingsblumen, über frisch geschnittenen Rasen, vorbei wunderschönen alten Solitärbäumen mit Charakter. Der kleine Friedhof darf natürlich auch nicht fehlen und die dicke Mauer um das Ganze.

 

Stavanger - Stadt

Langsam wird es Zeit zurückzufahren, dann wir wollen auch noch ein bisschen durch die kleine lebhafte Altstadt bummeln, mit ihren bunten Häusern, kleinen Cafés und netten Menschen.

Wir kommen wieder!

Lydia Häufele und Bernd Jans

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