Hanoi – Ho Chi Minh, Pagoden und der Literatur-Tempel

Vietnam- und Kambodscha-Reise, Bericht 6

Zurück zur Reise – es war ein langer „Ausflug“ in die Geschichte Vietnams. Aber genau diese Geschichte wird uns auf unserer Reise immer begleiten. Am Morgen haben wir von unserem Hotelzimmer auf der vierten Etage aus einen guten Ausblick auf all das, was uns von der Stadt umgibt – das Altstadtviertel von oben gesehen, ein paar Hochhäuser, der See mit den Vergnügungsschiffen, hinter dem Hotel ein buddhistischer Tempel, direkt unter uns der geschäftige Verkehr auf der engen Hauptstraße.

Hanoi - II - Stadt vom Hotel aus

Nach dem Frühstück geht es zum Ho Chi Minh-Mausoleum – das „Pflichtprogramm“ in Hanoi, das nicht nur nach dieser Runde „Nachdenken“ einfach dazu gehört. Dieses Pflichtprogramm scheint auch für unseren vietnamesischen Reiseleiter verpflichtend zu sein in dem Sinne, dass alle Touristengruppen dahin geführt werden müssen. Denn als er mitbekommt, dass wir nachdenklich sind und vielleicht doch nicht mitgehen wollen, zieht er alle Register, damit wir auf diese Tour mitkommen.

Hanoi - II - Mausoleum

Angekommen an der Gedenkstätte, vor uns das Mausoleumsgebäude, ein großer kantiger Bau, gebaut 1973 bis 1975, mit Materialien aus ganz Vietnam erstellt. Es ist noch früh am Tag, es gibt noch keine sonst übliche lange Warteschlange. Sicherheitskontrolle, dann ein langer Weg durch die Parkanlage um das Mausoleum herum. Links und rechts alle zwanzig Meter ein stramm stehender junger Offizier in weißer Paradeuniform, den angehefteten Orden nach anscheinend hoch dekoriert. In Bewegung nur dann, wenn ein Besucher doch sehr bestimmt darauf hingewiesen werden muss, dass er auf dem Weg zu bleiben hat. Der Zugang ins Mausoleum liegt zu dem Platz hin, auf dem Ho Chi Minh 1945 die Unabhängigkeit Vietnams erklärte.

Einige Stufen führen zum Eingangstor, dann führen Treppen hinauf zur Aufbahrungshalle. Ab jetzt herrschen sehr strenge Regeln – ordentliche Kleidung, keine Gespräche oder Telefonate, die Hände nicht in den Hosentaschen, und Fotografieren strengstens verboten. Es geht nicht einfach um schauen oder besichtigen, es geht eindeutig um Verehrung, so wie alles arrangiert ist. Lydia will nicht mit zur einbalsamierten Ho Chi Minh im Sarkophag – und unser vietnamesischer Reiseleiter hat mit ihr zusammen heftig zu tun, dies gegenüber den diensthabenden Offizieren durchzusetzen. Letztendlich dürfen sie die Abkürzung rechts raus gehen.

Ich steige die Treppe hinauf zur Empore, die um den Sarkophag führt. Alle paar Stufen achtet ein Offizier darauf, dass man leise ist und nicht vom vorgegebenen Weg abweicht, langsam aber doch zügig schreitet, nicht Unzulässiges tut. Auf der Empore wird der gläserne Sarkophag umrundet, in dem der aufgebahrte einbalsamierte Ho Chi Minh liegt. Vier bewaffnete Offiziere stehen Wache. Es herrscht andächtige Stimmung.

Aber merkwürdig fühlt man sich nicht nur deswegen, sondern auch deshalb, weil man doch weiß, dass Ho Chi Minh so etwas nicht wollte, sondern verbrannt werden wollte und seine Asche in ganz Vietnam zerstreut werden sollte – und wenn man vorher noch gelesen hat, dass der Leichnam jedes Jahr für einige Wochen nicht zu sehen ist, weil er in Russland weilt, wo er „überarbeitet“ werden muss.

Vor dem Mausoleum liegt der große Paradeplatz mit der Tribüne, von der aus Ho Chi Minh am 2. September 1945 die Unabhängigkeit Vietnams erklärte. Als wir da sind, wird gerade an eine Gruppe eine Auszeichnung verliehen. Der Platz wird, so wie wir beobachten, auch gerne für Erinnerungsfotos genutzt. Nebenbei: Bei netter Anfrage haben sich alle Vietnamesen gefreut, wenn wir ein Foto mit ihnen machen wollten.

Beim Platz liegt auch das Parlamentsgebäude, daneben mitten in einer Parkanlage ein prächtiges Gebäude aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, das einmal Parlamentsgebäude war und jetzt für Repräsentationszwecke genutzt wird. Drumherum viel alter Baumbestand, riesige Bäume mit den seltsamsten Blattformen, Früchten und Wurzeln. Einer der Bäume nennt sich „Kanonenkugelbaum“, wie wir später erfahren, weil seine Früchte so aussehen; andere Bäume haben Wurzeln, die hoch aus dem Boden aufragen wie Wände, bei wieder anderen kommen Wurzelspitzen wie kleine Pyramidenlandschaften aus der Erde. Überall herrlich bunte Blüten – entweder blühen die Bäume selbst oder die Pflanzen, die sich auf den Bäumen ein Plätzchen gesucht haben.

In einem kleineren Komplex im Park befinden sich die wenigen Zimmer, in denen Ho Chi Minh wohnte, samt Mobiliar. Ausgestellt sind in diesem Gebäude auch seine Staatsfahrzeuge.

Ein Stück weiter im Park dann das Ho Chi Minh Haus, das er später bewohnte, ein einfaches Stelzenhaus nach Vorbild der Häuser in den Bergen, mit Besprechungszimmer und Wohnräumen, daneben eine kleine Krankenstation.

Und auf dem Weg durch diese Anlage kamen bei uns von unserem vietnamesischen Reiseleiter dann auch sehr viele Informationen über die Macht der Partei an, über wohlhabende Parteimitglieder, Verdienste und Einkommensunterschiede, Korruption und Spitzelsysteme, Disziplinierung und Willkür. Vieles im Land sei im Vergleich zur Vergangenheit deutlich liberalisiert; aber nach wie vor würden mit strikter ideologischer Vorgabe diejenigen gefördert, die sich auf den „richtigen“ Weg begeben …

Ganz in der Nähe, in der Parkanlage nebenan, befindet sich die Ein-Säulen-Pagode Chùa Một Cột aus dem 11. Jahrhundert, die oft auch als eines der Wahrzeichen von Hanoi bezeichnet wird. Die kleine, in Form einer Lotusblüte erstellte Pagode steht in einem Lotusblütenteich, im Park rundherum viele Verkaufsstände, an vielen Mauern ringsum gibt es buddhistische Belehrungstafeln zum richtigen Verhalten, mit drastisch-bildhafter Darstellung der Folgen guten oder schlechten Handelns.

Wir wundern uns über die Pagode – so richtig nach 11. Jahrhundert sieht das Bauwerk nicht aus, vor allem nicht der massive Betonsockel, die Säule. Aber wie immer gibt es die vietnamesische Erklärung: Das Bauwerk wurde öfters zerstört, zuletzt 1954 beim Abzug der Franzosen im Indochinakrieg, und immer wieder aufgebaut. Im Park dahinter wird uns ein Bodhi Baum gezeigt – der Baum der Erleuchtung Buddhas. Ho Chi Minh erhielt bei einem Besuch in Indien in Bodhgaya einen Ableger des Baumes, unter dem Buddha seine Erleuchtung fand, und pflanzte ihn hier neben die Pagode – auch deshalb bemerkenswert, weil er dies als kommunistischer Staatschef tat.

Prächtig in Gold und Rotlack glänzend steht nebenan ein kleiner Tempel. Vor den Altären Opfergaben für alle Lebenslagen der Götter – ob Früchte, Kekse, Konservendosen, Hemden, Spielzeug oder Flachbildschirm, die hochwertigeren Dinge oft als Papiermodelle. Es wird all das geopfert von dem man ausgeht, dass es gebraucht werden könnte. In diesem Tempel nehmen wir zum ersten Mal eine merkwürdig aussehende Zitrusfrucht wahr, und die wir als Opfergabe noch oft in vielen Tempeln sehen werden. Sie wird Buddhas Hand genannt – und nach kurzer Recherche stellt sich heraus, dass es sich um eine bei uns nicht sonderlich bekannte Zitronat-Zitrone handelt.

Unser kleiner Bus fährt uns weiter zum sogenannten Literaturtempel „Van Mieu“ – eigentlich kein Tempel, sondern eine Kaiserliche Bildungsstätte aus dem 11. Jahrhundert, an der über Jahrhunderte die Eliten ausgebildet wurden, eine Anlage, die als erste Universität Vietnams bezeichnet wird. Die Straße vor dem Gebäude erstaunlicherweise war schon zu diesen Zeiten so etwas wie eine Fußgängerzone – am einen Ende der Straße steht eine große Stele mit dem Symbol, dass hier vom Pferd abgestiegen werden muss, und am anderen Ende der Straße die Stele, dass wieder aufgestiegen werden darf.

Anscheinend ist dieser Tempel auch ein beliebtes Ausflugsziel der Vietnamesen – vor dem Tempel Schulklassen, drinnen noch mehr. Durch ein mit vielen Drachen geschmücktes Tor geht es hinein in den ersten Innenhof. Und schon wieder ist man angekommen in der jüngeren Vergangenheit. So ziemlich alles wurde im Indochinakrieg und im Vietnamkrieg zerstört; einige der Gebäude und die Mauern wurden nach den Kriegen wieder in alter, zumindest ähnlicher Form wieder aufgebaut. Aus früheren Zeiten erhalten sind noch einige der Tore und Mauern. Insgesamt ist es mehr eine ruhige schöne Parkanlage mit mehreren Innenhöfen, an dem Tag, an dem wir da sind, allerdings ziemlich belebt: Studentinnen und Studenten in Festtags- oder in Doktorandenkleidung feiern heute ihren Studienabschluss und lassen sich im ehrwürdigen Rahmen fotografieren.

Im dritten Innenhof gibt es dann die wichtigsten Zeugnisse der Vergangenheit dieser Anlage, die noch vorhandenen 82 großen Steinstelen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, die alle auf Sockeln in Form von Schildkröten stehen – dem Symbol für Weisheit, Ausdauer, Langlebigkeit. Auf den Stelen sind die Absolventen der Hochschule samt Abschlussnote festgehalten sind, auf jeder Tafel ein Jahrgang. Die Prüfungen sollen die denkbar schwersten gewesen sein. Von etwa 1800 für die Prüfung zugelassenen Studenten sollen immer nur weniger als zehn bestanden haben, für höchste staatliche Dienste – aber schon die Zulassung zur Teilnahme soll von hoher Bedeutung und karrierefördernd gewesen sein.

An diesen Stelen zeigt sich auch, dass vietnamesisch lange Zeit keine Sprache mit eigener Schrift war. Bis ins 13. Jahrhundert wurden chinesische Schriftzeichen genutzt, danach eine an diese Schriftzeichen angelehnte Schrift. Im 17. Jahrhundert entwickelte ein französischer Missionar eine Systematik für Vietnamesisch auf Basis des lateinischen Alphabets; diese Zeichen wurden im 19. Jahrhundert immer mehr als Schriftsprache genutzt. Erst 1945 wurde von der Ho Chi Minh-Regierung diese Schrift zur vietnamesischen Schrift erklärt – uns damit ist Vietnam der einzige Staat in Asien, der eine westlich geprägte Schrift und nicht die sonst im asiatischen Bereich angewendeten bildhaften Zeichen nutzt.

Der vierte Innenhof war einmal der eigentliche Tempelbereich, in dem auch der Konfuzius-Tempel liegt. Inmitten des Raumes steht eine Konfuzius-Statue; umrahmt wird Konfuzius von seinen vier wichtigsten Schülern.

Das war ziemlich viel Programm für einen Vormittag. Für uns geht es jetzt durch die Stadt zu einem etwas verspäteten Mittagessen, und am Nachmittag startet die Fahrt zur Halong Bucht, das Thema unseres nächsten Reiseberichts.

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