Über Land – von Hà Nội nach Bãi Cháy

Vietnam- und Kambodscha-Reise, Bericht 7

Es geht los, von Hà Nội nach Bãi Cháy an der Vịnh Hạ Long. Im vorherigen Bericht ging es ja kurz um die vietnamesischen Schriftzeichen, die wir überall sehen – wir fahren von Hanoi aus nach Bai Chay, einer kleinen Stadt an der berühmten Halong Bucht.

Halong Bucht-18

Wir sind ziemlich gespannt, was uns erwarten wird – schließlich ist das eines der wichtigsten und am häufigsten beschriebenen Reiseziele im nördlichen Vietnam. Natürlich tragen wir im Kopf die vielen Bilder mit uns herum, die wir über die Meereslandschaft mit den bizarren steilen Kalkfelsen und den schwimmenden Dörfern in allen möglichen Reportagen gesehen haben.

Aber zunächst geht es noch kreuz und quer durch Hanoi, hin zur großen Hauptstraße, die aus der Stadt hinausführt. Es ist eine neue Straße, quer durch die Stadt gelegt, mit einer etwa vier Kilometer langen Befestigungs- und Begrenzungsmauer, die komplett mit Mosaiken verziert ist – szenische Darstellungen aus dem Alltagsleben, Ornamente, Blumenmuster und mehr.

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Hinter der Mauer oder auf der Böschung drüber stehen die Wohn- und Geschäftshäuser, in Innenstadtnähe noch viele Bauten, die in der Kolonialzeit entstanden sind, etwas weiter draußen dann eher schmucklose Zweckbauten. An dieser Straße fällt so richtig auf, wie schmal die Häuser gebaut sind, nur so etwa drei bis fünf Meter breit; interessant ist, dass sich diese Bauweise auch bei traditionell orientierten Neubauten erhalten hat.

Es geht auf eine für vietnamesische Verhältnisse sehr lange Strecke, 160 km weit weg, zur Halong Bucht – Fahrtzeit etwa vier Stunden, weniger den Straßen selbst, sondern mehr dem Straßenverkehr geschuldet. Unser Busfahrer legt einen zackigen Fahrstil vor. Wer am Straßenrand etwas sehen will, muss schnell schauen – nicht wegen ungeahnter Höchstgeschwindigkeiten, sondern einem schnell durchgetretenen Gaspedal und kurzfristig heftig getretener Bremse. Wir sind im Schnell-Langsam-Rausch – die vielen Mopeds und wenigen Autos rundum machen es möglich.

Hanoi-Halong - Stadt-3

So ein wenig nutzen wir die Zeit, Infos über Vietnam bei unserem vietnamesischen Reiseleiter einzusammeln, zu Politik, Wirtschaft, zum Bildungs- und Gesundheitssystem und mehr, natürlich auch Fragen zu unserem ersten Ziel, der Halong Bucht, die weltberühmte Fels- und Klippenlandschaft im südchinesischen Meer. Wir wissen nicht mehr so recht, ob die Spannung, was uns erwartet, steigen oder ob sich eine erste kleine Enttäuschung schon einschleichen soll: Er erzählt, dass sich in Ha Long sehr viel verändert habe. An der Bucht entlang viele neue Hotels, Hochhäuser, Baustellen für Hotels und ein riesiger Freizeitpark, die alte Stadt Bai Chay sei fast verschwunden.

Halong Bucht - Boote im Hafen-1

Die Regionalregierung möchte den Tourismus fördern, und das sind vor allem chinesische und koreanische Gäste, auf die alles abgestellt wird. Die Holzschiffe für die Fahrten in der Bucht sind nicht mehr bunt, sondern müssen weiß gestrichen sein, was zur Folge hat, dass überall dort, wo Metall mit Wasser in Berührung kommt, Rostflecken entstehen – also alles etwas unansehlich. Ein hoher Beamter war, wie es hieß, bei einem Europabesuch begeistert von all den weiß lackierten Schiffen – und danach gab es die Anordnung, dass alle Boote in der Halong Bucht weiß sein müssen. Noch weniger schön: Seit zwei Jahren gibt es keine schwimmenden Dörfer mehr in der Bucht – sie sind verboten, Begründung Umweltschutz und Wasserverschmutzung; die Menschen wurden umgesiedelt. Verblieben seien nur wenige Anlegestellen für Fischerboote und kleine Fischzuchten.

Und schon waren wir wieder konfrontiert mit dem Regierungssystem, das sehr strikt hierarchisch strukturiert ist und den Entscheidungsträgern sehr umfangreiche Befugnisse einräumt. Was angeordnet wird, ist durchzuführen. Generell scheint es auch so zu sein, dass parteiliche Zugehörigkeit mehr Bildungs- und Aufstiegschancen, damit auch mehr Wohlstand eröffnet. Meinungsfreiheit geht stark einher mit Linientreue – aber andererseits ist eine breite Vielfalt an Meinungen über Internet und Fernsehen problemlos greifbar. Das System zeigt sich hinsichtlich der Einhaltung der offiziellen Linie ziemlich rigide – und doch sind Auslandsbesuche, Auswanderung, Geldtransfer usw. recht problemlos möglich. Wirtschaftlich gibt es seit etwa zwei Jahrzehnten eine Liberalisierung, die privatwirtschaftliches Handeln zulässt, was zu einem deutlichen Aufschwung geführt hat, auch zu einem allerdings immer noch sehr begrenzten Wohlstand der Bevölkerung. Allerdings haben sich dadurch die Produkte „Made in Vietnam“ so weit verteuerte, dass Handelsketten aus europäischen Ländern, die bisher in Vietnam produzieren ließen, nun zum Billigproduzenten China abwandern, um dort noch billiger Kleider, T-Shirts, Hemden, Hosen und ähnliches herstellen zu lassen. Wobei Verteuerung an Löhnen gemessen heißt, dass zum Beispiel Näherinnen, die in Vietnam in kleinen Fabriken Bekleidung für Europa herstellen, drei bis fünf Dollar pro Tag verdienen.

Hanoi-Halong - Landschaft-2

Nachholbedarf gibt es auch im Bildungssystem – wohlhabende Vietnamesen schicken ihre Kinder auf teure Universitäten zum Beispiel in England und in die USA, nicht ganz so wohlhabende nach Deutschland oder Österreich, wo die Kosten eines Studiums deutlich niedriger sind. Hochschulen in Vietnam sind nicht zwingend schlechter, auch diejenigen sind es nicht, die dort studieren. Ursache ist eher eine statusbezogene, mehr scheinbare Verpflichtung wohlhabender Eltern, ihre Kinder im Ausland studieren zu lassen. Generell gibt es nur eine Schulpflicht bis zum fünften Schuljahr, die jetzt auf neun Jahre ausgedehnt werden soll.

Hanoi - Ruhepause

Noch krasser zeigt sich anscheinend das Gesundheitssystem, soweit wir das mitbekommen haben. Es gibt zwar so etwas wie eine Krankenversicherung, aber im Krankheitsfalle muss man im allgemeinen Gesundheitssystem etwa ein Drittel der Kosten zuzahlen, die anderen Kosten vorstrecken, bekommt sie später zurück. Ärzte würden, hieß es, erst nach Vorabbezahlung behandeln – fast ein Ausschlusskriterium für die ärmere Bevölkerung. Die Gesundheitsversorgung sei insgesamt eher schlecht; im Krankenhaus für die „normale“ Bevölkerung kämen zwei bis vier Patienten auf ein Bett. Ganz anders dagegen die Situation für alle diejenigen, deren Geldbeutel etwas besser gefüllt ist … Sie begeben sich in Privatkliniken oder lassen sich in Thailand oder in westlichen Ländern behandeln.

Oder der Wehrdienst – Pflicht für alle, doch nur ein kleiner Teil wird wirklich eingezogen. Wer nicht dazu gehören möchte, kann sich für jährlich 8 Mio. Dong freikaufen. Wir hören auch, dass die Zahlen zur Arbeitslosigkeit höchst unterschiedlich seien, je nachdem, wer sie veröffentlicht. Dasselbe gilt für die Inflationsrate – offiziell sind es unter 4 %, wir hören aber auch, dass es ein Mehrfaches wäre. Ebenso unterschiedlich sind die Angaben zum durchschnittlichen Einkommen, das jährlich knapp 2.000 $ betragen soll – kaum glaubhaft, wenn man von Löhnen von drei bis fünf Dollar pro Tag hört, oder die Kleinstbeträge sieht, die am Straßenrand für Obst und Gemüse oder in den Garküchen verlangt werden. Wie immer solche Durchschnittszahlen entstehen und zu verstehen sind, wissen meist nur diejenigen, die sie veröffentlichen. Also wie so oft: Endlos Fragen, die man aufwerfen kann …

Hanoi-Halong - Landschaft-9

Da Wahrheit, Wohlstand, Bildung und Einkommen etwas mit parteilicher Bindung zu tun haben, schließt sich so wieder der Kreis zu den sogenannten Eliten, zur veröffentlichten Meinung. Das alles können wir nicht nachprüfen, wir können nur staunend zuhören.

Hanoi-Halong - Landschaft-13

Mit solchen Dingen beschäftigen wir uns also auf unserer Fahrt. Da wir auf Reisen sind, natürlich auch mit ein paar touristischen Daten. Zum Beispiel, dass derzeit jährlich etwa 3 Mio. Touristen nach Vietnam kommen, die Hälfte davon Chinesen und Koreaner; Europäer machen nur 0,4 % aus. Ein wenig scherzhaft erklärt unser Reiseleiter ein paar für ihn wesentliche Unterschiede zwischen Deutschen und Chinesen.

Einer sei, dass ein überfülltes, lautes Restaurant für Deutsche abschreckend wirke, man könne dort nicht gepflegt essen – für den Chinesen sei das aber ein Zeichen der Qualität, denn wo nicht laut gegessen und gefeiert würde und wo nicht viele Menschen wären, könne es auch nichts Gutes geben. Ein anderer sei, dass Deutsche es schrecklich fänden, an einem Tisch mit verschmutzter Tischdecke zu sitzen, der Boden klebrig von Essensresten der Vorgänger – für die Chinesen alles Anzeichen dafür, dass man in einem solchen Restaurant gut essen kann. Bei Deutschen würde es sich gehören, alles was auf dem Teller liegt aufzuessen – für Chinesen sei ein leer gegessener Teller ein deutliches Signal an den Gastgeber, dass es nicht genug zu Essen gegeben hätte. Ein weiterer Unterschied sei, dass Deutsche gerne am Abend früh zu Bett gehen würden, ausruhen für Besichtigungen am nächsten Urlaubstag – Chinesen würden im Urlaub bis in die frühen Morgenstunden fröhlich und lautstark feiern und trinken, schließlich hätten sie Urlaub, und das ist ein Grund zur Freude. Und so weiter …

Es gäbe noch viel in dieser Art zu berichten. Aber es gibt ja auch den Blick nach draußen, aus dem Bus hinaus. Wie gewohnt sehen wir viele Mopeds, Straßenverkäufer, Garküchen, kleine Läden, Handwerker. Ob alte oder neue Gebäude – wenn sie traditionell gebaut sind, sind sie extrem schmal, zur Straßenseite hin gerade mal drei bis fünf Meter, dafür enorm tief, geschätzt 15 bis 20 Meter. Im Erdgeschoss so gut wie immer ein Ladengeschäft, sonst nach vorne hin Zimmer, so erklärt unser Reiseleiter, ebenso nach hinten, in der Mitte ein Treppenhaus mit Lichtschacht, um das schmale, enge Gebäude ausreichend zu belichten, belüftet über einen Windkreisel. Oben auf jedem Haus, entweder auf dem Dach oder von außen nicht sichtbar auf dem Dachboden, befindet sich stets ein großer Wassertank, nicht wie zunächst vermutet für das Warmwasser, sondern für den Wasserdruck, der sonst nicht ausreichen würde. Die Hausbreite resultiert aus der Steuer-Gesetzgebung – gezahlt wird nach Hausbreite zur Straße hin. Ob das mit der Steuer immer noch so ist, wissen wir nicht. Wir sehen nur, dass immer noch so gebaut wird. Sieht vor allem immer dann merkwürdig aus, wenn solche Häuser einzeln stehen. Später sehen wir noch Häuser im Rohbau, bei denen wir die beschriebene Struktur erkennen können.

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Die Straße bleibt ein Erlebnis. Seien es die Transportkarren oder die Verkaufsstände oder immer mal wieder ein Stand, an dem frisch gepresster Zuckerrohrsaft verkauft wird – besonders gut schmecken soll er, wenn kleine Stückchen der Durian-Frucht untergemischt sind, die gut schmeckt, aber einen ziemlich gruseligen Stinke-Geruch hat. Entlang der Straße sehen wir immer öfters Reisfelder. In dieser Region ist Erntezeit, geerntet wird hier zwei Mal jährlich. Einige Bauern schneiden die Büschel noch von Hand, auf anderen Feldern sehen wir Mähdrescher. Auf einigen Feldern wird schon das Stroh abgefackelt und die Fläche für den nächsten Anbau vorbereitet. Entlang der Straße sehen wir auf vielen Flächen, ob auf Parkplätzen oder in Nebenstraßen, großflächig ausgebreitet Reiskörner, die hier trocknen; mittendrauf Frauen, die mit großen Besen die Körner wenden.

Zwischenstopp in einer Steinmetz-Werkstatt; unser Reiseleiter meint, das sei eine der wenigen Einrichtungen, in denen auch Behinderte arbeiten würden. Die Werkstatt zeigt sich schon im Außenbereich als kleine Produktionsstätte mit riesiger Verkaufsausstellung. Für uns unvorstellbar, was in dieser Verkaufsveranstaltung geboten wird – Steinmetzarbeiten von kleinstem Format bis zu mehrere Meter hohen Figuren, nicht ein paar, sondern in rauen Mengen, hunderte. Figuren für alles, was man sich denken kann, die Motive allesamt wahllos durcheinander.

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Egal für welche Glaubensrichtung, die passenden Figuren stehen da, oft direkt nebeneinander. Römische oder griechische Säulen, Michelangelo oder irgendwelche Griechen, Frauen wie frische aus dem Jugendstil-Lehrbuch entsprungen, Löwen, Adler, Drachen, moderne Skulpturen oder polierte Edelsteinblöcke – unglaublich. Tatsächlich wird draußen auf einem Gelände neben der Ausstellung an Steinblöcken gehämmert, gebohrt und geschliffen.

In der mehrere hundert Quadratmeter großen Halle mit unüberschaubarer Verkaufsfläche werden kleinere Arbeiten angeboten, mehr dasjenige, was sicherlich oft als Souvenir in die Koffer wandert, ob Figuren, Formen oder ein Schachspiel. Es wird aber tatsächlich auch noch einiges andere produziert. Einige junge Frauen malen an Lackbildern, andere sind dabei, nach Vorlagemotiven Bilder zu sticken, in einem anderen Bereich der Halle wird genäht. All das ist zu kaufen – dazu noch allerhand weiteres, ob aus Jade oder Gold oder Stoff oder Edelsteinen.

Wir trinken lieber einen vietnamesischen Kaffee. Auf der Tasse sitzt ein Blechsieb mit dem Pulver drin, in der Tasse ist schon schwer gezuckerte Dosenmilch. Heißes Wasser drauf, warten. Schmeckt nicht unbedingt begeisternd, weil klebrig süß – muss man aber einmal probiert haben, weil das dazu gehört. Ohne Dosenmilch schmeckt der Kaffee ungewöhnlich aber gut – ungewöhnlich, weil in Vietnam die Kaffeebohnen nicht einfach trocken wie bei uns geröstet werden, sondern unter Zugabe kleiner Mengen Öl. Wer ein klein wenig mehr ausgibt, bekommt auch einen Katzen-Kaffee. Das sind die Bohnen, die von Katzen gefuttert werden, durch die Katzen hindurch „wandern“ dürfen und anschließend hoffentlich gut gereinigt geröstet werden. Früher gab es dafür eine Wildsammlung, heute kommen sie von der Katzen-Kaffee-Farm.

Nach diesem unerwartet überraschend interessanten Zwischenhalt geht es weiter in Richtung Halong Bucht. Darüber wird es im nächsten Bericht viele Informationen geben.

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