Halong Bucht – ein Traumziel im Wandel

Vietnam- und Kambodscha-Reise, Bericht 8

Selten wird eine Landschaft so einhellig als „Traumziel“ beschrieben und beeindruckend auf Fotos romantisch und zugleich abenteuerlich abgebildet wie die Halong Bucht. Auch wir sind gespannt darauf, was uns erwarten wird – auf die bizarren, zerklüfteten und steilen Kalksteinfelsen im südchinesischen Meer, auf das fast sagenumwobene Weltnaturerbe.

Gestartet sind wir in Hanoi. Nach langer Fahrt mit dem Kleinbus sehen wir schemenhaft in der Ferne einige steile Felsen, die zur Halong Bucht zu gehören scheinen. Es wird schon langsam dunkel, als wir in der Nähe kommen.

Wir kommen an in Bay Chai, dem inzwischen nicht mehr so kleinen Ort direkt an der Bucht. Am Ufer entlang sehen wir gleich eine Unzahl von Baustellen, den Bauschildern nach allesamt Hotelbauten. Lange geht es durch diese Baustellenlandschaft, vorbei auch an dem Hotel, in dem wir wohnen werden, das auch erst vor kurzem entstanden sein dürfte. Für uns gibt es noch eine kleine Rundfahrt durch Bay Chai bei beginnender Dunkelheit, damit wir die ganze „Bescherung“ sehen können.

Irgendwie wirkt das neue Stadtzentrum von Bay Chai, durch das wir fahren, wie eine Unterhaltungs-Retorten-Stadt. Viele Restaurants und Bars mit Außenflächen, noch mehr bunte Shops mit all den Dingen, die der Mensch im Leben nicht benötigt, gefertigt meist aus grell-buntem Plastik, hektisch blinkend, eben Spielzeug und Unterhaltungsartikel, die vor allem Chinesen mögen. Immer wieder sind irgendwelche sogenannte Freizeitattraktionen zu sehen, von kleinen Spielautomaten- und Fahrgeschäften bis zu einem riesengroßen Riesenrad, das hoch oben auf einem Berg thront, und zu dem eine Gondel über einen Seitenarm der Bucht führt, die die Kleinigkeit von 500 Passagieren fasst. Daneben befindet sich eine der steilsten und höchsten Achterbahnen Ostasiens, bei der es fast in den freien Fall geht. Und so weiter – Halong, das Weltkulturerbe, bereitet sich auf einen immer größeren Ansturm von Gästen aus dem asiatischen Raum vor. Die Grenze nach China ist hier nur etwa 180 km entfernt.

Uns reicht ein kurzer Stop mit dem Bus an der Uferpromenade, um die ganze „Herrlichkeit“ zu „genießen“. Am Parkplatz entspannt sich unser vietnamesischer Reiseleiter kurz, indem er in die Hocke sitzt – und meint, dass Vietnamesen keine Stühle benötigen und auch kleine Hocker, wie man sie in all den Restaurants sieht, reiner Luxus seien; Vietnamesen wären es von Klein auf gewohnt, in der Hocke zu sitzen, was Europäern nach kurzer Zeit schon größte Probleme bereiten würde. Es geht weiter zum Hotel. Bei all den Attraktionen um uns herum beschließen wir, keinen Abendspaziergang zu machen, uns das alles nicht anzutun, nur eine Kleinigkeit im Hotel zu essen und zu Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen frühstücken wir im Hotel, inmitten vieler chinesischer Touristen. Von der Dachterrasse unseres Hotels aus  – wir sind auf der 14. Etage – sehen wir noch einmal die Großbaustellen entlang der Bucht. 

Riesige Flächen direkt am Meer sind eingeebnet und werden für Bebauungen vorbereitet. In anderen Bereichen stehen mehr oder weniger fertige Bauten. Alles scheint vor nicht allzu langer Zeit begonnen zu sein, denn richtig fertig ist noch nicht viel. Alles, was steht, sind richtig große Hotelkomplexe, viele Hochhäuser. Ganze Hotelsiedlungen schauen aus wie standardisierte Bauten – einmal ein Hotel entworfen, dann in Serie gebaut. So etwa 20 davon stehen schon wie eine Reihenhaussiedlung am Ufer, jedes sicherlich geschätzt für mindestens 500 Gäste, unterscheiden tun sie sich nur in der Farbgebung. Eine weitere Serie davon ist geplant, worauf ein Bauschild hinweist.

Hinter dem Hotel, den Hügel hoch, mit kaum noch Sicht zum Meer, liegen fast schon versteckt ein paar wenige der älteren Wohngebäude und Hotels, Überreste des alten Städtchens. Lange fährt unser Bus über mehr oder weniger fertig gestellte Straßen durch die Baustellenlandschaft, am Ufer zu sehen noch Überreste der bisher in der Bucht wichtigen Austern- und Muschelzuchtplätze, bis zum Anleger für die Ausflugsboote zur Halong Bucht.

Der Anleger, ein moderner kleiner Hafen, wurde anscheinend schon vor einiger Zeit auf eine kleinere Insel vor der Küste verlegt, zu der eine Brücke gebaut wurde. Auch auf dieser Insel entstehen die ersten Hotelgroßbauten. Wir kommen an am Terminal, das an einen kleinen Flughafen erinnert – regelrecht abgewickelt wird hier aber eine große Anzahl an Ausflugsbooten.

Wirklich sehr angenehm: Wir sind nur eine kleine Gruppe mit sieben Personen, einschließlich Reiseleiter – und doch bekommen wir für unsere Fahrt in die Halong Bucht ein eigenes Ausflugsboot, das sicherlich 50 Personen fassen könnte.

Die Felsen in der Halong Bucht sind noch weit entfernt, sind im Morgendunst nur schemenhaft zu erkennen. Unser Boot braucht nicht lange bis zum ersten größeren Fels, bei dem angelegt wird, zusammen mit vielen anderen Booten – unser Reiseleiter meint, sonst wären es noch viele mehr. Es gibt eine Höhle zu sehen, mitten im Kalksteinberg, entdeckt erst vor wenigen Jahren, entstanden aufgrund der Witterungsverhältnisse mit verschiedensten, bizarren Tropfsteinen, um die sich Legenden ranken. Der Name verspricht viel, die Höhle wird „Himmlischer Palast“ genannt.

Es ist tatsächlich ein beeindruckender Palast, der sich in diesem Felsen entwickelt hat. Ohne die Phantasie sehr anstrengen zu müssen sieht man Figuren, Wasserfälle, Tiere, Flügel, Vorhänge, Landschaften – die Vietnamesen sehen hier Drachen und Geister.

Der Legende nach sind zwei Drachen zur Bucht hinabgestiegen, haben den kämpfenden Vietnamesen gegen die Chinesen beigestanden, und sich nach gewonnener Auseinandersetzung in die Bucht gestürzt und sind dort versteinert. Die beiden Drachen kann man jetzt, wenn man sich ein wenig anstrengt und die Steinformationen in der Höhle richtig interpretiert, entdecken.

Oben in einer Ecke stehen zum Beispiel auch zwei kleine Figuren, die man als Paar ansehen könnte, für Vietnamesen eine der wichtigsten Geschichten zu dieser Höhle. Die beiden wollten heiraten, die Elternhäuser waren dagegen. Sie gingen weg, führten ihr eigenes Leben, wohnten in der Höhle. Er wollte nach langer Zeit die Eltern noch einmal sehen, ging ins Dorf zurück. Keiner erkannte ihn. Nach vielen Fragen erinnerte sich ein alter Mann an eine Erzählung, dass vor 300 Jahren ein junger Mann das Dorf verlassen habe, und auch an den Namen. Es war der Zurückgekehrte – der „Himmlische Palast“ schenkte langes Leben.

Immer wieder gibt es in der weitläufigen Höhle Felsenbilder zu sehen, die an phantasievoll gestaltete Fabelwesen erinnern. Weit hinten in der Höhle schillern kleine Teiche, in denen sich Grünpflanzen anscheinend wohl fühlen. Eine eindrucksvolle Höhlenlandschaft, um die sich verständlicherweise viele Geschichten ranken.

Mit dem Boot geht es weiter. Die Sicht ist klarer geworden. Wir sehen eine ziemlich wild zerklüftete Felsenlandschaft auf dem Wasser. Zum Teil sind es Felsformationen, zum anderen sind es einzeln stehende, fast wie Skulpturen aussehende Felsblöcke. Viele davon haben Namen, ob dicker Daumen, zankende Henne oder wie auch immer. Alles sehr interessant anzuschauen, immer wieder eine Überraschung, welche Formen noch alle zu entdecken sind. Vor allem beeindruckend die unzähligen Felsen, die wie Theaterkulissen in mehreren Ebenen bis zum Horizont zu stehen scheinen.

Schade nur, dass das alles nur von Touristenbooten und einigen wenigen Fischern belebt ist.

Auch die interessantesten Felsen werden einmal langweilig, wenn sie in Unmengen auftreten. Es fehlen einfach die Menschen, die hier einmal gelebt haben. Die schwimmenden Dörfer sind weg, von der Regierung „verbannt“.

Die Halong Bucht hat ihren Reiz, den eben nicht nur die Felsen ausmachten, sondern mindestens genau so sehr die dort lebenden Menschen, etwas verloren. Es fehlt der lebendige Alltag. Schade – so lohnt eine Reise zur Halong Bucht kaum mehr. Gerade noch gut für einen kurzen Ausflug, wenn man sowieso vorbei kommen sollte. Zum Reiseleiter sage ich, dass wir wohl 30 Jahre zu spät gekommen seien, um die wirkliche Halong Bucht zu sehen – er meint, wir seien nur 10 Jahre zu spät dran.

Nebenbei: Interessant ist doch, wie das Internet Realitäten verschiebt. Werden Bilder zur Halong Bucht aufgerufen, gibt es anscheinend zeitlos geltende Fotos mit schwimmenden Dörfern und bunten Booten zu sehen. Dass die Realität inzwischen eine völlig andere ist, das lässt sich im angeblich immer so aktuellen Internet kaum entdecken.

Auf unserem Schiff wird inzwischen Mittagessen gekocht, in einer kleinen, doch ziemlich abenteuerlich aussehenden Küche, von zwei vietnamesischen Jungs. Aufgetragen wird eine Unmenge verschiedener Dinge, alles auf Platten und in Schüsseln, mitten auf den Tisch. Es gibt Tintenfisch und Taschenkrebse aus der Halong Bucht, sehr lecker, gebackene Fischstücke, ziemlich durch, Gemüse, Shrimps, Hähnchenstücke, Reis und noch so allerhand, alles typisch für die Region zubereitet, und wirklich sehr gut schmeckend.

Unser Ausflugsboot ist bereits wieder auf dem Rückweg, es geht hinaus aus der Felslandschaft, Richtung Hafen – mit Blick auf die Hochhauslandschaft. Vor uns startet irgendwie passend noch ein Wasserflugzeug. Im Hafen angekommen, entdecken wir eher zufällig im Hafenbereich noch ein Wasserpuppentheater, und sehen uns ein paar Szenen an, die um den Reisanbau handeln.

Von der Halong Bucht etwas desillusioniert geht es wieder zurück in Richtung Hanoi.

Bis bald – wir freuen uns aus auf alle, die auch den nächsten Reisebericht wieder lesen. Darin geht es weiter mit Abendstimmung in Hanoi, auf dem Markt und in den Straßen, und mit einem begeisternden Wasserpuppentheater.

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