Wasserpuppen-Theater und Hanoi bei Nacht

Vietnam- und Kambodscha-Reise, Bericht 9

Bevor es in Richtung Südvietnam geht, werden wir noch etwas Zeit für Hanoi haben, noch ein wenig die Atmosphäre in der Stadt genießen, und ins Wasserpuppentheater gehen.

Von der Halong Bucht aus geht es auf die lange Strecke zurück zur Hauptstadt. Entlang der Straße sind einige Holzhändler zu sehen, bei denen riesige Baumstämme liegen oder verladen werden; anscheinend wird immer noch kräftig Tropenholz geschlagen.

Ein Zwischenstopp  wird beim schon bekannten Steinmetz-Café eingelegt – etwas anderes, bei dem es sich anzuhalten lohnt, scheint es entlang der Strecke nicht zu geben.

Entlang der Strecke sehen wir wieder die typischen schmal gebauten Häuser, viele davon noch aus der Kolonialzeit.

Auf den Reisfeldern wird geerntet, entlang der Straßen wird Reis getrocknet. In den Reisfeldern sieht man immer wieder Gräber – die Toten werden auf Grabstellen auf den Feldern bestattet.

Auf Mopeds und Fahrrädern wird transportiert, was gerade so anfällt. An den Straßenrändern wird verkauft, gekocht, gegessen.

Wir kommen durch die Außenbezirke von Hanoi – hier entsteht die moderne Wohnstadt, eine Ansammlung von Wolkenkratzern, die so gar nicht ins Stadtbild, das man sonst so sieht, passen wollen.

Entlang der Einfahrtsstraße in die Stadt begleitet uns wieder über etwa 4 Kilometer die relativ hohe Abgrenzungs- und Stützmauer, komplett verziert mit Mosaiken, die Motive immer nach ein paar hundert Metern wechselnd, typische Landschaften, Blumen, Ornamente, Fische, Alltagsszenen.

Check-In im Hotel, noch für eine letzte Nacht in Hanoi, und gleich danach geht es am Nachmittag auf einen Spaziergang durch die Stadt.

Die erste Sehenswürdigkeit, die wir besichtigen, befindet sich mitten in der Stadt – der Hoan Chiem See. Auf einer kleinen Insel im See liegt der Jadebergtempel Ngoc Son, zu dem eine geschwungene rote Brücke „The Huc“ führt. Nach einer Legende erhielt ein armer Fischer von einer goldenen Schildkröte ein magisches Schwert, das ihn unbesiegbar machte, und mit dem er die Truppen der damaligen Besatzungsmacht China zurückschlug. Er siegte, wurde König, begab sich zum See,um den Göttern zu danken.

Die Schildkröte forderte das Schild zurück, das sich auflöste und sich zu einem Drachen verwandelte, der über dem See schwebte.  Die Schildkröte wurde zum Schutzgeist des Sees, und der junge König Le Roi ließ auf der kleinen Insel im See einen dreistöckigen Schildkrötenturm errichten. Dieser ist heute noch ein Wahrzeichen von Hanoi – und im See lebten tatsächlich Riesenschildkröten. Eine verstarb 1968, war 250 Kilo schwer und geschätzt 400 Jahre alt; sie steht jetzt mumifiziert beim Tempel. Ein anderes Exemplar, vermutlich das letzte seiner Art, lebte im See bis 2016.

Gleich beim See liegt das Wasserpuppentheater – so etwas gibt es nur in Vietnam, eine besondere Attraktion.  Wir hatten schon am Anleger der Halong Bucht einen kleinen Eindruck davon bekommen. Die Musik am Vormittag bei unserem „Vorgeschmack“ war für unsere Ohren ein höllischer Lärm, in Höhenlagen, die unsere Ohren sonst nie zu hören bekommen, dazu ein paar Figuren, die im Wasser Kapriolen drehen und ein bisschen spritzen.

Also gespannte Erwartungshaltung, was da jetzt auf uns zukommen wird. Lydia beschloss, für die Vorstellung Ohropax einzupacken, da der Reiseführer meinte, eine Wassertheater-Vorstellung wäre immer so schrill und so laut.

Die erste Überraschung zeigt sich schon im Theaterraum – ein ziemlich großes Wasserbecken, der Spielbereich, und links und rechts davon zwei Bühnen mit Instrumenten. Es wird also keine Musik aus der „Konserve“ geben, sondern eine Show mit Livemusik.

Dann der Auftritt des Orchesters. Attraktive Damen, hübsch ausstaffiert mit aufwändigen Zopffrisuren und bunten vietnamesischen Kleidern, gehen zu den Instrumenten, ebenso einige Herren, auch prächtig gekleidet. Die Instrumente, die sie einstimmen, sehen bis auf die Schlaginstrumente doch sehr fremdartig aus und klingen auch so. Ganz vorne sitzt eine bezaubernde Dame, die später einem Ein-Saiten-Instrument die höchsten Töne herauslockte und diese variierte. Mit einem Stab am Ende einer gespannten Saite und einer Art Grammophontrichter konnte sie mit vibrierenden Bewegungen auch Hall und Tonverschiebungen erzeugen. Ein für uns unbekannter, aber sehr schöner hoher und erstaunlich angenehmer Klang.

Zur Einstimmung spielt das Orchester. Eine Sprecherin stellt die Akteure vor, die Sprache in seltsam überzogenen hohen Tönen, alles wohlklingend, nicht sonderlich laut, aber sehr fremd anmutend. Es geht los mit dem Wasserpuppentheater – geboten wird kein langes Stück, es sind vielmehr viele kleine Episoden über Alltag und Legenden. Gespielt wird mit einer Art Stabfigurenpuppen in einem Wasserbecken; die Puppen werden unter Wasser mit langen Bambusstangen geführt. Die Spielerinnen und Spieler stehen hinter einem Vorhang, bis zu den Hüften im Wasser.

Zu Beginn der Auftritt der ersten Puppe, es war wohl der Ansager. Auf dem Wasser wird gespielt, oben vom Orchester kommen der Text und die passende Musik. Dann der Auftritt der Drachen. Sie schlängeln sich durch das Wasser, speien Fontänen und gebärden sich ziemlich wild. Richtig in Rage geraten spuckten sie Feuer und nebelten die ganze Bühne ein, ein richtiges kleines Spektakel.

Danach kam eine ruhigere Szene. Spielende Kinder schwammen durch das Wasser und neckten sich. Die nächste Szene wieder quirliger. Ein Fischer und seine Frau versuchten Fische zu fangen. Ein auf und ab und hin und her, eine Jagd mit Angeln und Reusen, und immer waren die Fische geschickter. Dann gab es eine Episode vom Bauernhof. Eine Entenfamilie schwimmt friedlich auf dem Wasser, ein Fuchs will sich eine der Enten holen. Der Bauer bemerkt dies und versucht mit Hilfe seiner Frau den Fuchs zu erwischen. Nutzte aber alles nichts, der Fuchs entkam mit seiner Beute. – Erstaunlich, welch vielfältige und fast schon realistische Bewegungen mit den Stabpuppen möglich sind.

Jetzt wurde es auf dem Wasser festlich und feierlich – eine prächtige Prozession, allen voran Fahnenträger, bewegte sich durch das Wasser, mit Reitern, Prinzessinnen, Würdenträgern, dazu getragene Musik. In der nächsten Szene wird um die Wette gerudert. Blau gegen Rot gegen Weiß. Jeweils sechs Ruderer und ein Steuermann. Man konnte der rasanten Fahrt kaum mit den Augen folgen.

Nun war das bestellen der Felder mit Reis an der Reihe. Vom Setzlinge ausbringen bis zur Reisernte wurden alle wichtigen Stationen des Reisanbaus vorgeführt. Die nächste Szene war besonders eindrücklich. Eine königliche Prozession bewegt sich ehrfürchtig im Tross durch das Wasser. Mit Untertanen, reich gekleideten Würdenträgern und sogar Pferden. Ganz zum Schluss dann der Tanz der Grazien. Ein Wasserballett für sechs Damen und zwei Vortänzerinnen. Erstaunlich, wie grazil und harmonisch sich die Figuren bewegten. Man konnte sich kaum vorstellen, dass jede Puppe ihren eigenen Spieler hatte, da es so gut synchron getanzt war.

Alle Szenen wurden übrigens nicht nur mit den Instrumenten begleitet, sondern auch durch Gesang und Text und extra erzeugten Geräuschen von zwei Frauen und zwei Männern. Passend zum Spiel gab es einen Singsang in für uns eher quietschenden Tonlagen, der sich anhörte, als würden sich die Puppen unterhalten. Das größte Erstaunen kam aber zum Schluss, als überraschend viele Spielerinnen und Spieler vor den Vorhang traten und sich verneigten.

Ob nur unterhaltend oder auch belehrend – wir können da nur Vermutungen anstellen. Aber alles in allem ein kurzweilig wunderhübsch anzusehendes Wassertheater mit sehr ungewöhnlicher wohltönender Musik, die wir sicher lange in Erinnerung behalten werden.

Nach der Veranstaltung ist es draußen dunkel. Wir spazieren entlang der geschäftigen Straßen in Richtung Hotel. Gleich beim Start sehen wir die rote Brücke „The Huc, nun bei Nacht, jetzt auch strahlend rot beleuchtet.

Auf den Fußgängerwegen ist kaum Platz, es wird gehandelt und gegessen oder das Moped abgestellt. Auf den Straßen herrscht dichter Betrieb; wir wundern uns, dass bei all dem Gewusel von Mopeds, Autos, Fahrrädern und Fußgängern kreuz und quer auf kleinen wie großen Straßen doch alles zügig voran geht – und wir immer eine Möglichkeit finden, irgendwie zwischendurch von einer Straßenseite zur anderen zu gelangen.

Wir wollen noch etwas essen, aber nicht in irgend einem Hotel oder Restaurant, sondern an einem der vielen kleinen Stände entlang der Straßen, die manchmal kleine Plastikhocker, hoch wie bei uns ein kleiner Fußschemel, und -tische haben – irgendwann haben wir mitbekommen, dass das schon so ein kleiner Luxus sei, Anpassung an den Westen. Vietnamesen könnten stundenlang in tiefer Hocke sitzen und brauchen eigentlich keinen Stuhl. Wir sehen vor allem auf den Märkten einige, die das tun – und wundern uns, wie sie so tief hinunterkommen, dann still sitzen können, dabei weder umkippen noch schaukeln, sondern essen und arbeiten, und dann wieder ganz locker aufstehen, ohne sich irgendwo festzuhalten. Junge Leute, alte Leute. Vietnamesen gehen übrigens auch höchst ungern zu Fuß, erfahren wir – sind einige wenige Schritte zu tun, geht es auf’s Moped.

Viele kleine Garküchen haben geöffnet. Es wird gekocht, gebraten, gegessen. An einem der Stände probieren wir so eine Art Dampfnudeln, die mit einer Paste gefüllt sind. An einigen Ständen werden Becher mit für uns abenteuerlich aussehendem Nachtisch oder Cocktails mit irgendwelchen schwimmenden Einlagen verkauft.

Auf dem Nachtmarkt wird noch rege verkauft, Gemüse, Obst und Fleisch. An einigen Ständen wedeln die Verkäuferinnen heftig mit Zeitungen – die Mücken sind zu verscheuchen. Der Blumenmarkt befindet sich langsam in Auflösung.

Aber zum Essen. Wir entdecken in einer Seitenstraße im Halbdunkel so etwas wie eine Mischung von Garküche und Minirestaurant, soweit man die rundherum aufgestellten Hocker und Tischchen so zusammenfasst. Die Plätze sind ziemlich voll belegt, vor allem junge Leute sitzen hier und essen. Alle sind in Ausgehkleidung, nur Einheimische, soweit wir das erkennen können.

An einem Tischchen neben zwei jungen Frauen finden wir Platz. Die Speisekarte ist eher abenteuerlich, nicht sehr vielfältig, aber gut genutzt.

Es gibt eine Art „Do-it-yourself“-Küche – ein kleiner Kocher auf dem Tisch, die rohen Zutaten nach Karte bestellt, dazu bekommt man Pasten und Soßen, und dann wird selbst gebruzzelt. Wirklich lecker. Beim Füße umstapeln, weil ich doch sehr zusammengeklappt sitze, schlage ich noch so an den Tisch, dass Lydia eine volle Portion Öl über die Bluse bekommt. Mit den Mädchen nebenan entsteht während des Essens immer mal Lächel-Kontakt, dann irgendwann die Frage, wer woher kommt.

Mehr ist leider sprachlich nicht drin. Sie sprechen kaum Englisch, und unser Englisch verstehen sie fast nicht, aber wir bekommen irgendwie mit, dass sie eine Idee haben – Mobiltelefone und der Google-Translator machen es möglich. Eines der Mädchen zückt das Handy, schreibt vietnamesisch rein – englisch kommt raus. Ich schreibe englisch – vietnamesisch kommt raus. Und schon ist unsere Schmalspur-Kommunikation hergestellt und wir können uns ein wenig austauschen.

Dennoch holt uns auch bei diesem Abendessen die Vergangenheit Vietnams wieder ein. Ein Bettler, dem eine Mine beide Füße weggerissen hat, bewegt sich die Straße entlang und verkauft Papiertaschentücher. Er hat ein kleines Brett mit kleinen Aufsatzfüßen dabei, auf dem er mit dem beinlosen Unterkörper sitzt. Um sich fortzubewegen, hangelt er sich mit den Armen nach vorne, zieht das Brettchen nach und setzt sich darauf. Man muss diesen Mann bewundern, der sein Schicksal so beherzt angeht, und den dieser Schicksalsschlag zwingt, sich so durch die Stadt zu bewegen auf der Suche nach Essen, um zu Überleben. Es sind nur kleine Scheine, die er erhält – aber fast jeder gibt etwas, und nirgendwo hat man den Eindruck, dass er als lästig wahrgenommen wird; ihm wird geholfen.

Es ist ungewöhnlich, aber trotz des Bettlers verändert sich die Atmosphäre nicht, und die Menschen sind allesamt freundlich, winken, lächeln, freuen sich. Eine Nacht noch im Hotel, und frühmorgens wird unser Flug nach Hue gehen.

Bis bald – wir freuen uns aus auf alle, die auch den nächsten Reisebericht wieder lesen, in dem es um unsere ersten Entdeckungen in der alten Kaiserstadt Hue gehen wird.

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