Hué – Säulenpagode und Protest der Mönche

Vietnam- und Kambodscha-Reise, Bericht 10

Nach Hanoi und der Halong Bucht geht es für uns zum nächsten „großen Ziel“ – in die alte Kaiserstadt Hué. Früh am Morgen fahren wir zum Flughafen; die mit etwa 600 Kilometern doch recht lange Strecke wird mit einem Inlandsflug von Vietnam Airlines überwunden.

Der Flughafen von Hanoi ist überschaubar klein, modern, gerade mal vor ein paar Jahren in kurzer Zeit gebaut, die Abwicklung der Fluggäste läuft zügig. Mit sehr neuem Flugzeug geht es gen Süden, unter uns sind Reisfelder, Dörfer, oft auch die Küste zu sehen.

Ungewöhnlich bei der Anreise ist nur die Landung. Wir wussten bis dahin nicht, dass Flugzeuge auch in Art eines Flummiballes landen können – steil und schnell so aufsetzen, dass das Flugzeug mit einem lauten Krach von der Landebahn wieder in die Höhe springt, und das Ganze mit kleineren Sprüngen wiederholen, so lange, bis die Maschine auf der Bahn wirklich ans ausrollen kommt … Ein eigenwilliger Stil, sicherlich nicht sonderlich schonend für die Maschine und die Nerven der Passagiere, aber angekommen, das sind wir.

In Hué wechselt unser vietnamesischer Begleiter; wir werden am Flughafen abgeholt und sind gespannt auf all das, was uns in der traditionsreichen alten Kaiserstadt erwartet, die im Zentrum immer noch von einer riesigen Zitadelle dominiert wird, in der der alte Kaiserpalast samt der einst verbotenen Stadt liegt.

Für uns geht es jetzt aber erst einmal mit dem Kleinbus vom Flughafen in Richtung Stadt. Schon der erste Eindruck zeigt, dass wir uns mehr in einer Kleinstadt bewegen.

Wir sind in Zentralvietnam angekommen. Nähme man die alten Grenzen von 1954 bis 1976, hätten wir die Grenze des früheren Nordvietnam zum damaligen Südvietnam überschritten, die etwa 100 Kilometer nördlich von Hué verlief. Damit ist auch klar, dass wir uns in einem Gebiet aufhalten, in dem der Vietnamkrieg am heftigsten tobte.

Hier in der Nähe gab es die unterirdischen Städte der Vietnamesen, oft drei Etagen tief, voll funktionsfähig, auch mit Krankenhaus. Die Tunnelsysteme dienten bei den Nordvietnamesen und den südvietnamesischen Vietcongs nicht nur den Kampfhandlungen und dem Waffennachschub, sondern waren für unzählige vietnamesische Familien Wohn- und Lebensort, während oben die amerikanischen Flieger fast pausenlos Bomben abwarfen, Giftgase wie das Entlaubungsmittel Agent Orange oder Napalm einsetzten und Bodentruppen kämpften.

Ein Gebiet, das sich für eine solche Vergangenheit erstaunlich entspannt und erholt zeigt – sieht man von all dem ab, was in diesem Krieg zerstört wurde, ob Städte, Naturlandschaften oder Kulturdenkmäler. In dieser Region heißt es diesbezüglich, dass so ziemlich alles gemeint ist – auch die Überlebenden aus der Kriegszeit, die man immer wieder entlang der Straßen sieht, und die sich irgendwie mit ihren Behinderungen arrangiert haben, ob in Musikgruppen, die am Straßenrand aufspielen, oder mit speziellen Rikschas unterwegs sind, die auch ohne oder mit nur einem Bein zu fahren sind.

Hellhörig wird man bei den manchmal wenig entspannt klingenden Zwischentönen in den Informationen unseres vietnamesischen Begleiters bezüglich der Zerstörungen – immer wieder ein Lob auf die Stadtentwicklung in den letzten Jahren, auf wieder aufgebaute alte bedeutsame Tempel, Pagoden und Paläste, auf die Wälder, deren Bewuchs langsam wieder dichter und vielfältiger wird, und in die langsam wieder mehr Vögel zurückkehren würden, und so ähnlich.

Unsere Fahrt vom Flughafen aus führt zunächst quer über Land, durch Reisfelder und kleine Dörfer. Immer wieder sind Teiche zu sehen, quadratisch angelegt für die Fischzucht. Auf Naturteichen werden Enten gezüchtet. Hué liegt direkt am Sông Hương oder Hương Giang, dem Fluss der Wohlgerüche, der gerne auch Parfum-Fluss genannt wird – ein Name, von dem keiner mehr so recht weiß, wo er herzuleiten ist, von den Pollen und Blüten, die im Frühjahr auf dem Wasser treiben, oder von wohlriechenden Edelhölzern, die auf dem Fluss transportiert wurden. Zu riechen gibt es für uns am Fluss nichts, wir sehen dafür viele Drachenboote, auf denen Touristen zu den Sehenswürdigkeiten transportiert werden.

Unterwegs erfahren wir von unserem neuen vietnamesischen Begleiter einiges über die Stadt, aber vor allem das aus seiner Sicht Wichtigste, das uns über die nächsten Tage begleiten wird: In Vietnam gibt es alle erdenklichen Glaubensrichtungen, auch viele ziemlich variantenreich bunt untereinander gemischt, die Glaubensangehörigen auch nicht stoisch einer Religion verbunden; sie hätten keine Probleme, zum Beispiel katholisch zu sein und zugleich irgendwelchen anderen Gottheiten zu huldigen. Aber viel wichtiger sei, dass so ziemlich jeder an irgendwelche Geister glauben würde, die überall „lauern“. Daher gäbe es viele Schutzsymbole, zum Beispiel an Haustüren.

In Tempeln und Pagoden würden Opfergaben dargebracht. Ladengeschäfte ebenso wie Privathäuser hätten Hausaltäre. Bei Tempeln und Pagoden gebe es Vorgaben, wie viele Stufen an welcher Stelle angebracht werden dürfen und in welcher Körperhaltung diese überschritten werden dürfen. Frühmorgens und am Abend würden Räucherstäbchen zum glimmen gebracht, angezündet an Papier, das mit Wünschen beschriftet wurde, auch für die Ahnen. An kleinen Altären im Haus gelte das für die Familie, auf der Straße allgemein allen, die die Wünsche benötigen, in einigen Orten vor allem für diejenigen, die in der Straße während des Vietnamkrieges gestorben sind. Hilfe, Abwehr, Wünsche, Glück, alles gut und bunt gemischt, für alle Lebenslagen etwas.

Bevor wir Hué ansteuern, bringt uns unser Bus noch zur Thien Mu Pagode, 1601 erbaut, mit sieben Ebenen die höchste Pagode Vietnams, oft auch als Säulenpagode bezeichnet. Viele Stufen geht es zur Pagode hinauf auf den Hügel. Nebenan stehen noch einige andere Bauwerke, darunter eines mit einer hoch verzierten, großen Glocke und ein anderes mit einer Skulptur von einem der heiligen Tiere, der Schildkröte.

Das ganze Areal auf dem Hügel vermittelt den Eindruck einer sehr gepflegten Tempelanlage mit kleineren, besonderen Gebäuden, altem Baumbestand, Fischteichen und kleinen Plätzen, gestaltet mit vielen verschiedenen Bonsais und Kultgegenständen.

Große Bedeutung hat das Kloster, zu dem diese Pagode gehört, in anderer Hinsicht. Das von Katholiken gestellte eher diktatorisch von 1955 bis 1963 regierende Regime von Ngo Dinh Diem bevorzugte nicht nur die Katholiken, sondern unterdrückte die Glaubensausübung der Buddhisten bis hin zu Nutzung ihrer Symbole. Die Mönche nahmen dies lange hin; bei einer Konferenz in diesem Kloster entschieden sie sich jedoch zum Widerstand.

Einer der Mönche entschied sich zu einer Selbstverbrennung – geschehen dann in Saigon 1963. Eine schreckliche Aktion mit großer öffentlicher Wirkung, die den Widerstand der Bevölkerung gegen das Regime in Südvietnam weiter verstärkten.

Irgendwie merkwürdig anmutend ist es, dass in der Parkanlage rund um das Kloster viele sogenannte Kanonenkugelbäume stehen, die prächtig blühen und zugleich auch Früchte tragen, die so aussehen, wie die Bäume heißen.

Wir fahren weiter in Richtung Stadtmitte. Hué ist eine der alten Kaiserstädte Vietnams, beherrscht von einer riesigen Zitadelle, einer Festungsanlage mit mehrfachem Mauersystem, Schutzbauten, wenigen Toren, von Wassergräben durchzogen und umschlossen. Die Zitadelle mitten in der Stadt zu umrunden heißt heute noch, einen langen Weg zu machen, den man nur an wenigen Stellen ein wenig abkürzen kann . Die Mauer soll etwa 10 km lang sein, samt aller Ecken und Kanten; wer auf den gerade angelegten Straßen drumherum läuft, hat sicherlich mindestens 6 km zu bewältigen. In der Zitadelle war Platz für die Wohnbevölkerung und Geschäfte; auch heute noch ist das so. Weitaus mehr Interesse wecken jedoch der in der Zitadelle liegende Kaiserpalast und die verbotene Stadt.

Die Hauptstraße in Hué führt entlang der Mauern der riesigen mächtigen Zitadellenanlage, die mit breitem Wassergraben umrandet ist und nur über wenige Eingangstore verfügt. Wir fahren zum wichtigsten Eingangstor, ein unübersehbar massives Bauwerk, auf dem die vietnamesische rote Fahne weht. Dieses Tor führt direkt zum historisch wichtigsten Bereich der Anlage, in den Kaiserpalast und innerhalb dessen in die ehemals verbotene Stadt.

Vor dem Tor bestaunen wir noch ein Hochzeitspaar, das in festlicher roter Kleidung fotografiert wird.

Bis bald – wir freuen uns aus auf alle, die auch den nächsten Reisebericht wieder lesen, in dem es vor allem um den Kaiserpalast in Hué und die verbotene Stadt gehen wird.

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