Huè – der Kaiserpalast und die verbotene Stadt

Vietnam- und Kambodscha-Reise, Bericht 11

In Hué, der alten Kaiserstadt, beeindrucken uns die gewaltigen Mauern, die immer noch einen großen Teil der Stadt, die Zitadelle, umfassen. Wir stehen vor dem wichtigsten und größten Stadttor, einem mächtigen Bauwerk, das hinein in die Zitadelle führt, direkt zum Kaiserpalast und der verbotenen Stadt.

Eine Infotafel vor dem Tor bietet eine gute Übersicht über die Struktur des Palastbereichs, zeigt Gebäude, Wassergräben, Parkanlagen – gut sichtbar sind die rotbraun markierten Bauwerke, aber bei genauerem Hinsehen fallen weit mehr hellgrau skizzierte Linien auf, mit denen Gebäude gekennzeichnet sind, die im Indochina- und Vietnamkrieg zerstört wurden.

Vermittelt der Eingangsbereich mit dem Tordurchgang noch den Charakter einer großen, wehrhaften Befestigungsanlage, öffnet sich unmittelbar nach dem Durchschreiten des Tores der Charakter von Weitläufigkeit und Offenheit.

Im ersten Innenhof führt ein breiter Weg auf die Palastanlagen zu, links und rechts davon große Lotusteiche; der Großteil der Pflanzen ist bereits verblüht, aber immer noch sind prächtige Knospen, Blüten und Fruchtstände zu sehen. Den Weg, den wir beschreiten, durfte früher nur der Kaiser nutzen, alle anderen hatten auf Seitenwegen um die Teiche zu gehen.

Von unserem vietnamesischen Reiseleiter hören wir, dass all die Wege, die wir sehen, ebenso wie viele der Umrandungen und Abgrenzungsmauern, weitgehend aus originalen Steinen rekonstruiert wurden, ebenso wie die meisten Bauwerke – die Zerstörungen waren im vergangenen Krieg wohl sehr weitreichend.

Der Weg öffnet sich zu einem leicht ansteigenden Platz; Stufen führen dann hinauf zum „Mittagstor“ – durch das Haupttor durfte nur der Kaiser durch, die beiden Nebentore waren den Beamten und Mandarinen vorbehalten. Quer dahinter liegt die Empfangs- und Versammlungshalle, genannt „Halle der höchsten Harmonie“.

Die Anzahl der Stufen ist auch hier wieder ganz gezielt gewählt; werden sie in der richtigen Körperhaltung überwunden und ist die Kopfbedeckung abgenommen, kann die Halle ohne die Wacht haltenden Geister aufzuschrecken betreten werden. Drinnen überrascht eine große Säulenhalle, mit wenigen Sitzmöglichkeiten und Altären, Hauptfarbe glänzender roter Lack, der dem Kaiser vorbehalten war und goldene Verzierungen. Alles zeigt sich prunkvoll und repräsentativ; die ganze Halle war komplett zerstört, wurde neu aufgebaut, in einer Seitennische liegt der einzige alte angesplitterte verbliebene rote Balken aus der historischen Halle.

Danach ist leider der Glanz der alten Palastanlage ziemlich zu Ende. Man kann anhand der noch stehenden Gebäude und Mauern nur erahnen, wie prächtig diese Anlage einmal war.

An den wenigen noch alten Resten nagt der Zahn der Zeit; die Farben sind verblasst, die Stuckarbeiten mehr oder weniger zerfallen. Dazwischen immer wieder Bauten in Hochglanz, die nicht so richtig ins Gesamtbild passen wollen – es sind Neu-Nachbauten nach historischem Vorbild, in den letzten Jahren entstanden.

Immer sieht man sehr „kreative“ Verwertungen von Keramik- und Porzellanscherben oder verzierten Mauerresten – diese werden einfach neu kombiniert, in Mosaikarbeiten eingesetzt oder als Bodenbelag verwendet.

Von der riesigen Anlage ist ziemlich alles zerstört; erhalten ist nur der Tempel der Ahnen, den wir uns anschauen. Verwitterte Tore, zerfallene Nebengebäude, der Tempel selbst und einige der dazugehörenden Bauten restauriert.

Im Tempel befinden sich gleich zehn Altäre, auf dem Platz vor dem Tempel etwa zwei Meter hohe bronzene Behälter aus dem 19. Jahrhundert, in der Form zwischen Schale und Urne, mit Szenen aus dem Alltag und er Mythologie verziert.

Auch vom früher prächtigsten Bereich der Anlage, der einst dem Kaiser vorbehaltenen verbotenen Stadt, ist nur noch sehr wenig vorhanden. Hier wurde bis auf wenige, kaum bedeutsame Bauten alles zerstört. Einiges ist rekonstruiert. Ein Palastgebäude wird derzeit völlig neu erstellt.

Man sieht vor allem gepflasterte Flächen, im Innenbereich viele Grünflächen. Auf den Grünflächen stehen manchmal noch Reste der Grundmauern der alten Gebäude.

Der Grund, dass nur noch Überreste der Anlage vorhanden sind: Im Palastbereich hatten die nordvietnamesischen Truppen bei ihrem Marsch nach Süden ihr Hauptquartier. An sich schon ein Problem, aber das eigentliche folgte, als die Amerikaner versuchten, Hué einzunehmen. Der alte Kaiserpalast wurde, soweit aus dem Indochinakrieg überhaupt noch existent, mit schwerer Artillerie zusammen geschossen.

Natürlich wird von unserem vietnamesischen Reiseleiter alles gezeigt, was es noch an Bauwerken zu sehen gibt. Immer wieder kommt ein Hinweis auf das, was im Krieg zerstört wurde – von dem überhaupt nichts mehr zu sehen ist, wo auf Wiesen und Schotterplätzen Palastgebäude standen, von denen nur noch Grundmauern oder Mauerreste stehen, diese oft mit Einschusslöchern.

Nach dem letzten Bauwerk in der ehemals verbotenen Stadt, von dem noch einige Galeriegänge erhalten sind, geht es weiter in ein weitgehend rekonstruiertes Gebäude. Dann soll es zurück gehen zum Bus.

Ich schaue mir noch ein paar Überreste aus vergangener Zeit an, Zeitzeugnisse der Kaiserzeit und zugleich des Krieges – und stehe anschließend alleine im Palast von Hué. Die Gruppe ist weg, ich muss auf Suche gehen. Ich mache mich auf den Weg zum Haupttor, ein langer Weg, und im Schnellgang ist es noch heißer als sonst. Am Haupttor das Schild: Kein Ausgang. Aber zum Glück ein Wegweiser. Noch schneller gegangen, noch mehr geschwitzt, quer durch den Palast zum Ausgang.

Direkt am Ausgang kein Bus. In der Straße davor drei Fahrzeuge, die passen könnten. Raus geht es aus der Anlage, an den Wachtposten vorbei – aber bei den Bussen ist unserer nicht mit dabei. Ich muss zurück in die Anlage, bin ja schon draußen. Also ohne die Sprache zu kennen zwei wachhabende Polizisten überzeugen, dass ich wieder hinein muss. Mit einigem Engagement klappt es. Ich hinein, wieder losgerannt, auf Suche. Dann ist irgendwann unseren Reiseleiter entdeckt, der auf Suche nach mir war. Ergebnis: Es gibt zwei Ausgangstore aus der Riesenanlage – ich war an dem, an dem eben unsere Gruppe nicht war. Wir steuern das richtige Tor an, alles in Ordnung. Lydia und die anderen waren natürlich inzwischen in heller Aufregung. Mein Mobiltelefon hat einen Schrittzähler, neugierig schaue ich nach. Es waren knapp 4.000 Schritte, die ich durch die Anlage gerannt bin. Bei 35 Grad Hitze und bei einer Luftfeuchtigkeit von über 80 % ergab das ein klatschnasses Hemd, das nach dem trocknen sogar Salzmusterränder zeigte

An dieser Stelle eine kleine Anmerkung, da wir gerade aus dem Kaiserpalast gekommen sind – denn die Vietnamesen scheinen im Umgang mit ihrer jeweiligen Obrigkeit ihren besonderen Humor zu haben. In der Palastanlage haben wir uns die Empfangshalle des Kaisers angesehen, genannt „Halle der höchsten Harmonie“. Gibt ein vietnamesischer Reiseleiter einen Hinweis auf einen „Tempel der Harmonie“ oder „Harmonietempel“, dann bezeichnet er damit einfach das, was Engländer höflich „bathroom“ nennen oder Deutsche viel direkter bedürfnisorientiert.

Ein sehr spätes Mittagessen ist angesagt. Wir fahren recht lange mit dem Bus durch kleine Straßen und am Fluss entlang, bis wir vor einem wunderschönen Kolonialbau halten. Ein reizendes kleines Restaurant, das von einem Franzosen, der traditionell vietnamesisch kocht, geführt wird.
Wie immer wird zuerst die Suppe serviert, dann werden die Platten und Töpfe für alle, die am Tisch sitzen, gebracht, und zwar auch alle Gänge zusammen. Wir sitzen im ersten Stock mit herrlichem Blick auf einen Carambole-Baum. Es ist kühl und schattig. Das Essen war ausgezeichnet, raffiniert zubereitet, stilvoll serviert und abwechslungsreich.

Mit der Fahrradrikscha werden wir nach dem Essen abgeholt. Es geht zum Hotel. Zunächst ein Stück die Festungsmauer entlang, dann durch die Stadt, dann auf einer alten Stahlbogenbrücke über den Parfumfluss hinüber zu unserem Hotel, das am Flussufer liegt. Das Hotel ist ebenfalls noch im alten Kolonialstil, die Zimmer riesengroß mit Marmorbädern und Balkon.

Am Abend werden wir noch etwas die Stadt bei Nacht entdecken – aber dazu mehr im nächsten Reisebericht. Wir freuen uns auf alle, die uns als Leser auf dieser Reise weiter mit begleiten.

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