Amsterdam – Chinatown, Graffitis und die andere Seite der Ijssel

Flusskreuzfahrt Holland-Belgien, Bericht 2

Amsterdam – die quirlige, etwas chaotische und charmante Stadt, auch etwas für Genießer … Wir haben unsere leckeren Pralinen „vernascht“ – und wollen jetzt ein wenig Kontrastprogramm. So wie die Chocolatiers gehören auch die ziemlich originalen Restaurants in Chinatown zu Amsterdam.

So steuern wir Chinatown an, einen kleinen Bereich in der Innenstadt, der trotz einiger Veränderungen in den letzten Jahren noch seinen chinesischen, etwas morbiden Charme bewahrt hat, für ein Mittagessen.

Hier gibt es noch einige chinesische Restaurants, in die sich normalerweise nur Ostasiaten trauen; hier hängen die gebratenen Enten und glacierten Schweinebäuche noch in den Schaufenstern, und im Eingangsbereich zischen und dampfen Woks vor sich hin, an denen die verschiedensten Gerichte gezaubert werden.

Wir essen in einem der Restaurants Dim Sums und Wan Tans, als Suppe und gedämpft. Etwas eigenwillig, man könnte auch sagen für uns auch etwas unbekannt gewürzt, aber gut. Erst beim Verlassen des Restaurants sehen wir, dass es tatsächlich zwei Speisekarten gibt, beide mit Abbildungen – diejenige, von der wir gegessen haben, die Speisen mit chinesischen Schriftzeichen und in Englisch erklärt, und die andere mit einem ziemlich anderen, ein wenig abenteuerlicher aussehenden Speisenangebot, nur mit chinesischen Schriftzeichen. Durchaus also ein kleiner Unterschied, wem was angeboten wird …

An irgendeinem chinesischen Kaufhaus kommt man in diesem Viertel nie vorbei. Zu interessant sind die Auslagen. Und unversehens trägt man in einer Tasche Hackebrett und Hackebeil, Ess-Stäbchen, einen Bambus-Steamer oder was immer mit sich.

Zurück zum Schiff, kleine Mittagspause eingelegt, dann geht es mit der Fähre auf die andere Seite der Ijssel – diese Fähren sind in Amsterdam sogar kostenlos. An der Fährstation beeindruckt ein riesiger Fahrradparkplatz; irgendwie erstaunlich, wie da ein Fahrrad wiedergefunden werden kann.

Wir fahren die kurze Strecke mit der Fähre, quer rüber zu einem Hochhaus mit Aussichtsplattform und einem futurischen Gebäude, das Eye Film Museum. Eigentlich wollen wir hoch auf die Plattform, Amsterdam von oben anschauen – aber der Andrang ist groß, und auf Schlange stehen haben wir keine Lust.

Das andere Ziel auf dieser Seite des Flusses ist zwar etwas weit weg, das Gelände der ehemaligen NDSM-Werft, das jetzt so etwas wie ein alternatives Stadtgebiet sein soll, wie wir gelesen haben – aber wir entscheiden uns, zu Fuß zu gehen. Dem Wasser entlang und durch verschiedene Wohngebiete und vorbei an Fabrikgebäuden geht es in Richtung Werft.

Cafés, Läden oder Restaurants – in diesem Gebiet völlige Fehlanzeige. Wir haben Durst. So ergibt sich unterwegs noch eine ungewöhnliche Entdeckung, ganz versehentlich. Ein Hinweisschild an einer Halle wirbt für Jagd auf Aliens, und auf einer Aufstelltafel steht, dass es auch Getränke gibt. Wir gehen hinein, und befinden uns in einer Spielhalle für virtuelle Jagd auf Aliens. Gerade rennen ziemlich hektisch drei junge Leute mit Projektionshelm und Gewehren durch eine leere Halle – und auf dem Kontrollbildschirm sehen wir fast wie im Film deren Kampf mit den Aliens, die aus allen möglichen Seitengängen in die Action-Szene eintreten.

Ein Stück des Weges weiter wird es wirklich ein wenig so, wie man sich alternativ vorstellt. Hütten und Aktionsflächen zwischen Fabrikhallen, Graffitis, ein ehemaliges Fabrikgebäude als ziemlich muffiger Kulturtreffpunkt – als wir da waren, gabs gerade eine Art Poetry Slam-Veranstaltung. Gleich das erste Graffiti erinnert unweigerlich an jemanden, der einmal bei uns Außenminister war.

Daneben „Blechkunst“, überragt von einem großen Vogel. Astronauten, Kraken oder die Eistüte auf dem Dach, alles zu finden, ebenso wie das besondere Blumenfahrrad.

Alternativ war immer schon das Bauen bei den Holländern. Zuerst gehen wir durch einen kleinen Stadtteil, der offensichtlich für Familien gebaut ist, die gute nachbarschaftliche Kontakte pflegen wollen – eine offene Gestaltung zu den zentralen Wohnstraßen hin. Die meisten Häuser sind noch nicht fertig ausgebaut, in anderen wird gerade eingezogen. Die Häuser liegen an einem der Kanäle, zum Wasser hin entstehen Grünflächen, dahinter steht ein Feuerschiff.

Etwas weiter in diesem Stadtgebiet entsteht ein Viertel, das überraschend kreativ ist – obwohl eng bebaut, in der Grundform fast ein Wohnblock, zeigen sich hier höchst individuelle Wohnhäuser auf engstem Raum. Unterschiedlichste Materialien, abweichende Höhen, Versprünge und Absätze, Farben und Formen – alles kein Problem. Die Vielfalt, die auf diese Weise zu hoher Wohnqualität führt, zählt.

Vor den Häusern liegen kleine Gärten, die anscheinend auch gemeinschaftlich genutzt werden. Die davor liegende Straße nur wenig genutzt, eher eine Spielstraße – auf der anderen Seite der Straße Spielplätze und kleine Sitzgruppen. Hinter den Häusern die eigentliche Straße zu den Häusern, eng, nur für Anwohner, zu den Garagen führend, die hinter dem Haus liegen – und die zusammen mit kleinen Gartenflächen dem Haus zugeordnet oder gar in dieses integriert sind.

Das nächste Wohnviertel zeigt sich links und rechts der großen Brücke, die zur Werft führt. Es liegt auf dem Wasser – eine fast schon idyllisch zu nennende Hausbootsiedlung mit schwimmenden Häusern, alle über Stege verbunden, dazwischen sogar der eine oder andere schwimmende Wintergarten.

Von Weitem haben wir auf unserem Weg schon lautstarke Musik gehört. Die ganze Gegend wird beschallt. Wir vermuten ein Rockkonzert in den Werfthallen, was sich bestätigt, je näher wir kommen. Die Lautstärke, die aus dem Veranstaltungszelt und der Halle kommt, ist unbeschreiblich. Der Bass wummert so laut, dass man ihn sogar ein paar hundert Meter außerhalb des Veranstaltungsbereichs nicht nur hört, sondern körperlich spürt. Nichts für uns.

Wir müssen an der Halle vorbei, daran gibt’s nichts zu ändern, da der Fähranleger für unsere Rückfahrt auf der anderen Seite liegt. An der Halle gibt es noch ein paar Graffitis zu bewundern. Eines riecht noch nach Farbe; wir vermuten warum und wissen es, als wir ein gutes Stück weiter den Sprayer bei der Arbeit sehen.

Von der Fähre aus gibt es bei der Rückfahrt noch einiges zu sehen. Zunächst ist es das direkt bei der Werft liegende Wrack eines U-Boots, dahinter am anderen Ufer ein ungewöhnlicher Hochhausbau – es erinnert an ein Bauwerk in Hongkong, bei dem die Erbauer genauso ein Loch gelassen haben, damit eventuell anfliegende Drachen kein Hindernis haben.

Am Abend geht es dann noch ein wenig hinein in die Stadt, für ein Stündchen das Nachtleben ansehen. Man hat den Eindruck, als seien jetzt noch viel mehr Menschen als tagsüber unterwegs. Die hell erleuchteten Schaufenster zeigen zum einen noch den Charme des alltäglichen Durcheinanders, signalisieren aber auch, dass langsam aber sicher das Nachtleben beginnt.

In hell erleuchteten Grachtenhäusern sieht man fast hinein ins Alltagsleben. Bei den Restaurants und Bars kommen die alten Räume und die „wilden“ Ausstattungen noch mehr zur Geltung.

Die Menschen schieben sich geradezu durch die engen Straßen entlang der Grachten. Was tagsüber fast verborgen war, wird grell und auffallend – die roten Reklameschilder wie die rot erleuchteten Fenster. Der weite Blick zeigt dagegen eher sanfte, warme Töne der beginnenden Dunkelheit und bunte Spiegelungen auf dem Wasser.

Unser Tag in Amsterdam ist zu Ende. Amsterdam war wie immer ein Erlebnis – so im Blick zurück auf den Tag fallen zunächst einfach die vielen Menschen und noch mehr die unzähligen Fahrräder in den Straßen auf. Etwas aufmerksamer hingeschaut ist es aber insgesamt eine einfach unglaubliche Pluralität, die überall zu sehen ist.

Alles irgendwie charmant zusammen gewürfelt, auch all das, was überhaupt nicht zusammen zu passen scheint. Eine Innenstadt, in der es vor allem von jungen Leuten geradezu wuselt, aber ebenso sind alle anderen Generationen zu sehen. Familien mit Kinderwagen oder Kinderanhänger am Fahrrad schlängeln sich zwischen Fußgängern, Autoverkehr und Straßenbahnen. Alle Nationalitäten scheinen irgendwie vertreten und auch gut durchmischt. Restaurants, Cafès, Bars, Wohngebäude, Kaufhäuser, Blumenhändler, Boutiquen, Sex-Shops, Kirchen, Pralinengeschäfte, Mini-Supermärkte, Coffee-Shops, Telefon-Shops, Rotlicht-Fenster, Imbiß-Buden, China-Tempel, Grachtenboote, Verkaufsstände und so weiter – alles wild durcheinander, und dazwischen dichte Menschenströme.

Gerne wären wir noch weiter durch die Stadt geschlendert, zum Beispiel bis zu den neuen stylischen Museen – aber es war einfach schon ein sehr langer Tag. Amsterdam ist immer wieder beeindruckend, denn alles wirkt freundlich, entspannt. Das einzige, was immer mal wieder so etwas wie eine kleine Hektik aufkommen lässt, sind die rasanten Fahrradfahrer, die durch die Menge flitzen.

Für uns geht es weiter, hinaus aufs Ijsselmeer, nach Medemblik und nach Hoorn. Darüber gibt es in Kürze einen Bericht.

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