Mit der MS Albatros über den Pazifik

Eine lange Anreise nach Südamerika – erste Eindrücke von Lima

Pazifik-Reise, Bericht 1

Es geht los, auf die längste Kreuzfahrt, die wir je gemacht haben – mit der MS Albatros von Phoenix, auf die andere Seite der Weltkugel, quer über den Pazifik.

Start der Reise ist in Lima. Nach Peru geht es mit Condor, mit einer Boeing 767, die in der Dominikanischen Republik zwischenlanden muss, weil wahrscheinlich sonst der Sprit nicht bis Lima ausreicht.

Wie immer, wenn man mit Condor unterwegs ist, ein „Hochgenuss“. Die Sitzreihen so eng gestellt, dass man keinen Platz hat, die Beine gerade zu stellen. Wenn man denn etwa 160 cm groß wäre würde man ja rückmelden, dass man bequem unterwegs wäre – aber ich bin nun mal etwa 30 cm größer. Das Ergebnis – sitzen wie die Ölsardine in der Büchse. Zur Entlastung hilft manchmal schräg sitzen, mit dem Erfolg, dass dauernd jemand ans Knie donnert, das etwas auf den Flur ragt; ist es mal nicht ein anderer Passagier, dann eine Stewardess mit einem Servierwagen.

Enge und fliegende Bedürfnisse

Manchmal wagt man, das linke Bein etwas auf den Flur hinaus zu strecken. Das hat den Vorteil, dass dieser Fuß auch etwas belebt wird – denn so ziemlich jeder, der vorbei kommt, stößt mehr oder weniger heftig dran. Man ist irgendwann so weit sagen zu wollen „pass doch auf, wo du hin trittst“ – und merkt aber zugleich, dass das äußerst wenig Sinn machen würde, denn so ziemlich alle, die vorbei kommen, könnten mit dieser Aufforderung nichts anfangen. Sie würden einfach ihre Füße nicht sehen, wenn sie an sich runter blicken.

Es kommen viele Menschen den Flur entlang. Und seit diesem Flug bin ich endgültig nicht mehr davon überzeugt, dass es einziger und primärer Zweck eines Fluges sei, ein Ziel zu erreichen. Das scheint sekundär, sagen meine Beobachtungen. Primäres Ziel ist es vielmehr, möglichst häufig eine fliegende, hoch frequentierte öffentliche Toilette zu nutzen, bei der man nicht mal drauf achten muss, ob irgendwo ein Schild klebt, dass nur „weiblich“ oder „männlich“ rein dürfen. Jeder darf, wo er will, so oft er will – und dafür eignet sich ein Langstreckenflug hervorragend.

Angriff auf die Geschmacksnerven

Eingeklemmt zwischen zwei Sitzen genießt man Super-Menüs, zum Beispiel Spinat-Raviolis auf Spinatmatsch mit Tomatensauce, dazu Gummibrötchen mit fettreduzierter Butter und Plastik-Gouda. Man weiss nicht so recht, ob das mit der fettreduzierten Butter eine Anspielung auf die Passagiere sein soll, und ob es sich bei der Kombination Spinat mit Tomatensauce nur um kulinarischen Hochgenuss oder einen Anschlag auf die Geschmacksnerven und die Kleidung der Passagiere handelt, die die schwabbelig-glibbrige Masse mit klapperigen Plastikgaben und -messern fast bewegungsunfähig zwischen den Sitzen eingeklemmt irgendwie zum Mund bringen sollen.

Ablenkung soll ein filmreduziertes Unterhaltungsprogramm im tatsächlich vorhandenen Sitzdisplay bieten – aber die Qualität ist so hervorragend, dass man gerne verzichtet. Abgesehen davon hat man Probleme die Augen einigermaßen auf den Bildschirm einzustellen. Kommt der Passagier in der Reihe davor auf die Idee, ein klein wenig eine Liegeposition einzunehmen, ist nicht nur die Bewegungsfreiheit völlig dahin, sondern auch die Nase fast direkt am Bildschirm.

Nach fast zehn Stunden Flugzeit dann unser Zwischenstopp in der Dominikanischen Republik. Alle müssen aussteigen, für ein-einhalb Stunden in den Transferbereich des Flughafens – und da merkwürdigerweise im Eingangsbereich dieses Transferbereichs mit einem „einsamen“ Scanner und kaum Personal ein Komplett-Sicherheitscheck für ein paar hundert Passagiere veranstaltet wird, die gleich weiterfliegen werden, ist kaum mehr Zeit für einen Kaffee, da fast alle Zeit mit Warten aufgebraucht wird.

Auf Umwegen nach Lima

Aber es tatsächlich geht schnell weiter. Die Flugzeug-Crew hat gewechselt; wie auch schon auf der vorhergehenden Etappe ein freundliches Team und ein Kapitän, der tatsächlich ein paar Informationen zum Flug und zur Route beisteuert – er erzählt uns, welche Strecke er wie hoch fliegen wird, dass wir vielleicht die Anden sehen, und dass diese Tour auch für ihn spannend sei, da ein Flug nach Lima nicht gerade zum Standardprogramm bei Condor gehört.

Zu unserer Überraschung geht’s dann nicht auf gerader Linie hinunter nach Peru, sondern ziemlich umwegig, ohne dem südamerikanischen Kontinent zu nahe zu kommen, über die Karibische See weiter in Richtung Westen, über Panama hinweg und dann über dem Pazifik in Richtung Süden. Venezuela und Kolumbien werden nicht überflogen, über den Südamerikanischen Kontinent geht es erst wieder ab Ecuador und dann Peru, und dabei wird irgendwann der Äquator überquert. Ein ziemlicher Umweg, schätzungsweise etwa 2000 Kilometer, aber anscheinend wird die Lage in Südamerika so eingeschätzt, dass man sich eine solch lange zusätzliche Strecke auch leistet.

Endlich gut in Lima angekommen. Die Uhr zeigt etwa 18.00 Uhr – beruhigend, wenn man nicht an die Zeitverschiebung denkt und dass es Zuhause jetzt 24.00 Uhr wäre. Immerhin hatten wir morgens um 4.00 Uhr im Flughafen zu sein – und bis zum Schiff wird es auch noch dauern …

Lima – erste Eindrücke

Unsere Fahrt zum Schiff führt durch ein ziemlich durchmischtes, einfaches, zum Teil gar ärmliches Gebiet. Unser Bus steuert durch die Millionenstadt hindurch in Richtung Hafen, zur Hafenstadt Calleo, eigentlich eine eigene Millionenstadt, die aber mehr oder weniger zur Stadt Lima gezählt wird. Unterwegs gibt es von unserem peruanischen Reiseleiter, der im Bus mitfährt, ein paar Informationen. Fast 11 Millionen Menschen leben in diesem städtischen Gebilde, davon in Calleo mehr als 3 Millionen. Hier sind wir im Wüstengebiet, das etwa 30 % der Fläche Perus ausmacht; 60 % sind Amazonas- und 10 % Küstengebiet.

Vom Bus aus sehen wir meist sehr einfache Häuser, fast alle mit Flachdach, immer wieder Kleinindustrie, Handwerksbetriebe und Läden. Zur Hauptstraße hin sind die Gebäude noch einigermaßen gerichtet; hat man mal die Gelegenheit, in eine der Seitenstraßen hineinzusehen, sieht alles eher ärmlich und oft ganz verfallen aus. Zeigen sich in einer der Seitenstraßen einmal bessere, hochwertigere Häuser, dann ist diese Straße mit hohem Gitter und Eingangstor zur Hauptstraße hin abgesperrt und bewacht.

Passend dazu erzählt unser Reiseleiter, dass die Stadt sehr sicher geworden sei, vor allem im Zentrumsbereich würde alles von der Polizei gut überwacht. Er würde uns auf der Karte die Bereiche zeigen, in denen man sich problemlos bewegen könne; alle anderen Stadtgebiete solle man meiden – da gäbe es viele, in die er sich selbst auch Peruaner nicht trauen würde. Das verweist so in etwa das, was wir auch auf dem Schiff hören werden – man solle nicht im Gebiet um den Hafen spazieren gehen – das sei gefährlich.

Alles gut zu wissen – kann man doch Lebenssituationen und Alltagsleben vor Ort ein wenig einschätzen. Unser Reiseleiter erzählt, dass Lima eine Wüstenstadt sei, die zweitgrößte weltweit. Aufgrund geographischer Bedingungen und der Meeresströmungen gäbe es eine höchst merkwürdige Wettersituation mit zwei Jahreszeiten – der Sommerzeit mit Sonne, der Winterzeit mit grauem Himmel und Wolkendecke. Niederschläge gibt es in Lima fast gar keine; die Wolken bauen sich auf, bleiben aber stehen, ohne Regen abzugeben. Dafür ist die Luftfeuchtigkeit extrem hoch, immer um die 95 %. Unser Reiseleiter nennt irgendein Datum, zu dem es zuletzt richtig geregnet hat – ich habe es mir leider nicht gemerkt, aber es lag ein paar Jahrzehnte zurück. Der Vorteil der Meeresströmungen für die Stadt: Das Meer bei Lima ist ungemein fischreich.

Lima liegt direkt an der Linie, auf der sich zwei Erdplatten treffen – daher gibt es häufig Erdbeben. Die Gebäude machen nicht den Eindruck, als dass sie größere Erdstöße aushalten würden. Aber alle neueren und auch öffentlichen Gebäude verfügen über einen Schutzraum, und in den Stadtvierteln sind Plätze und Häuser ausgewiesen, die als sicher gelten – gekennzeichnet mit einem Symbol, für denjenigen, der sich nicht auskennt, kaum erkennbar.

In den letzten Jahren hätte es viele kleine Erdbeben gegeben, was insofern als positiv gewertet wird, als dass sich dadurch die Spannungen in den Erdplatten abbauen, damit ein großes Erdbeben unwahrscheinlicher wird.

Irgendwie macht alles nicht nur einen trostlosen Eindruck, sondern scheint auch unsicher und ungemütlich zu sein. Dazu tragen auch die vielen Polizisten und Wachkräfte bei, die überall zu sehen sind. Selten sieht man irgendwo ein paar Bäume oder Rasenflächen. Die Fassaden der Häuser trist, manchmal etwas bemalt, meist eher farblos, oft zerfallen. Türen sind häufig ziemlich massive Konstruktionen, Fenster in vielen Häusern bis in die dritte Etage hoch vergittert.

Auf den Mauern fallen immer wieder Stacheldraht-Konstruktionen auf. Alles vermittelt den Eindruck „schutzbedürftig“ und zeigt, wie gefährlich anscheinend das Leben in dieser Stadt sogar in ärmlichen Gegenden ist. Unser peruanischer Reiseleiter weist immer wieder in höchst ambivalenter Weise darauf hin, dass Lima sehr sicher sei, man sich aber in diesen Gegenden nicht aufhalten solle.

Unübersehbar hat diese Stadt auch ein massives Problem mit dem Straßenverkehr. Die Hauptstraßen sind nicht voll, eher verstopft. Auf den Kreuzungen stehen wild pfeifende, aber irgendwie hilflos wirkende Polizisten die versuchen, irgendeine Ordnung rein zu bringen – für außenstehende aber kaum ersichtlich. Unser Bus benötigt eine gefühlte Ewigkeit, um die paar Kilometer zum Hafen zu kommen.

Auf den Straßen sieht man unzählige Autos, von Fahrzeugen, denen man eine Fahrtüchtigkeit kaum mehr zutraut bis zu modernsten Ausgaben. Einen öffentlichen Nahverkehr gibt es so gut wie gar nicht, nur wenige Buslinien, keine Bahn, keine U-Bahn – sieht man einen der Busse, ist er extrem gut gefüllt. Interessanter ist etwas, was man als halböffentlichen Nahverkehr ansehen könnte, für diejenigen, die sich kein eigenes Auto leisten können – nicht die Taxis, von denen es auch viele gibt, sondern Kleinbusse und Vans, die von privaten Fahrern ist einer Art Liniendienst gefahren werden.

Immer wieder sieht man entlang der Strecke so etwas ähnliches wie Haltestellen, noch öfters Männer, die mit irgendwelchen Schildern auf Fahrtziele hinweisen – in absehbarer Zeit wird für ein solches Ziel ein Fahrzeug vorbei kommen. Für den Fahrer und meist Eigner dieser Fahrzeuge gilt es, möglichst viele Personen auf einer Fahrt mitzunehmen. Dafür werden die Fahrzeuge umgebaut, in der „Luxusversion“ mit einer zusätzlichen Sitzreihe und zusätzlichen Klappsitzen, in der einfacheren Version Sitze rausgenommen und Haltegriffe für Stehplätze einmontiert. So passen laut unserem peruanischen Reiseleiter bis zu 25 Personen in so ein Fahrzeug rein, wenn es sein muss auch mal 30 – bei uns sind diese Kleinbusse für acht Personen zugelassen.

Nach und nach schleicht sich Müdigkeit ein. Man schaut aus dem Bus nach draußen, hört auch noch Informationen des Reiseleiters. Aber nach etwa 22 Stunden Anreisezeit freut man sich dann mehr darauf, dass man plötzlich versteckt in einem der größten Häfen Südamerikas, irgendwo zwischen Containern, Frachtschiffen, Kränen und Lagerhallen ziemlich versteckt die MS Albatros liegen sieht. Auch wir liegen nach einem schnellen kleinen Essen schnell im Bett. Die Uhr im Schiff zeigt 21.00 Uhr.

Im nächsten Bericht geht es noch einmal um die Hauptstadt Perus, um Lima – bevor es dann auf die erste große Strecke zur Osterinsel gehen wird.

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