Rapa Nui – die Osterinsel

Mythen und Rätsel weitab der Kontinente

Pazifik-Reise, Bericht 3

Die erste Etappe unserer Reise führt uns so ziemlich ans Ende der Welt, nach Rapa Nui, der Osterinsel.

Die enorme Wasserfläche des Pazifik ist unübersehbar auf dem Info-Bildschirm in unserer Kabine; sehr direkt zeigt sich, wie begrenzt der gewohnte Blick auf die Landmassen auf „unserer“ Seite der Weltkugel doch ist.

Die Distanzen, die wir in der Südsee zu überwinden haben, sind fast unglaublich. Seit Callao, von wo aus wir mit der MS Albatros gestartet sind, haben wir bis nach Rapa Nui 4.000 Kilometer zurückgelegt. Nach Chile, zum nächstgelegenen südamerikanischen Festland, wäre es fast genau so weit. Die nächst besiedelte Insel liegt in mehr als 2.000 Kilometer Entfernung – es ist die klitzekleine Insel Pitcairn, die durch die Meuterei auf der Bounty bekannt wurde.

Auch die nicht gerade großen Inseln Französisch Polynesiens sind etwa 4.000 Kilometer entfernt. Wer gerne nach Süden blickt: Von Rapa Nui aus sind es 6.500 Kilometer bis in die Antarktis, und bis dahin gibt es nur Wasser. Von Zuhause sind wir inzwischen in etwa 18.000 Kilometer weg, sind also ziemlich weit auf der anderen Seite der Weltkugel angekommen, sogar südlich vom südlichen Wendekreis der Sonne. Da spielt es schon fast keine Rolle, dass Rapa Nui politisch zu Chile gehört, geografisch zu Polynesien.

Nach etwa fünf Seetagen sehen wir die Osterinsel vor uns. Strahlender Sonnenschein, herrliche Wolkenbilder, das Meer unglaublich blau, und vor uns liegt ein Inselchen mit einigen Vulkankegeln.

Hier leben weitab von allem etwa 5.700 Menschen. Für die Einheimischen heißt ihre Insel Rapa Nui, der Name Osterinsel stammt natürlich wie so viele Inselnamen von den Entdeckern und Eroberern, in dem Falle vom niederländischen Admiral Jacob Roggeveen, der die Insel am Ostersonntag 1722 als erster Europäer entdeckte. Wir wundern uns bei unserer Anfahrt, wie das wohl in dieser Wasserwüste möglich gewesen sein mag, ohne Satellitenfotos und moderne Navigation – Zufall, anders nicht erklärbar.

Ein Bild der Osterinsel ist sofort präsent, wenn die Insel genannt wird – die unzähligen steinernen Köpfe und Figuren, die Maoi, die über die Insel verstreut stehen oder mehr oder weniger zerstört liegen, von denen inzwischen etwa 1.000 bekannt sind. Allesamt sind es verschieden gestaltete Symbolfiguren, über deren Sinn und Bedeutung Historiker, Ethnologen und Archäologen rätseln. Große und kleine Steinkolosse, teilweise bis zu 50 Tonnen schwer, entstanden vom 11. bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts, blicken allein oder in Gruppen fast alle ins Land hinein, den Rücken zum Meer hin; nur einige richten die Blicke aufs Meer hinaus. Die Gesichter sind höchst unterschiedlich ausgeprägt, haben interessanterweise mit den Gesichtszügen der polynesischen Bevölkerung nichts zu tun. Viele der Figuren stehen auf riesigen, innen hohlen, begehbaren Stein-Podesten; in einigen fanden sich Grabbeigaben.

Obwohl das Wetter schön ist, müssen wir lange vor der Insel warten – wir wissen nicht, ob wir überhaupt aussteigen dürfen. Rapa Nui hat nur einen klitzekleinen Fischerhafen, wir müssen tendern. Der Hafenmeister hat aber für die Schiffsgröße unserer Tenderboote den Hafen gesperrt, die Brandung ist zu stark. Enttäuschung macht sich breit. Endlich, gegen 17.00 Uhr kommt die Nachricht, dass wir doch raus dürfen – die Info verbunden mit vielen Sicherheitshinweisen und der Aussage, dass der Hafenmeister die Genehmigung auch widerrufen kann. Wir machen uns direkt auf den Weg, wollen so viel wie möglich sehen – wer weiss, was am nächsten Tag los ist, ob wir dann auf dem Schiff festsitzen.

Schon beim Einstieg merken wir, dass tatsächlich etwas los ist auf dem Meer. Das schöne tiefblaue Wasser täuscht. Die sanft aussehenden Wellen haben ziemliche Höhe. Die Strecke zum Ufer beziehungsweise Hafen ist ziemlich weit. Es geht hinaus, um uns herum hohe Brandung.

Die Hafeneinfahrt vor uns ist kaum zu entdecken, ist extrem schmal, links und rechts vor uns unzählige Felsen und Klippen und schmale spitze Riffe, an denen sich die Wellen brechen und meterhoch aufwerfen. Gut gepeilt mitten durch und mit viel Geschaukel geht es hinein in den Hafen – und wir wundern uns nicht mehr, warum wir zum ersten Mal in unserer langen Kreuzfahrerzeit mit einem Tenderboot-Lotsen gefahren sind.

Möglichst viel sehen ist angesagt, in kurzer Zeit. Wir haben an diesem Abend gerade mal gut zwei Stunden zur Verfügung, bis es dunkel wird und das letzte Tenderboot zurück zum Schiff fährt. Kurzes Gespräch mit einer Dame mit einem uralten Jeep, die ihre Fahrdienst anbietet. Dann ungläubig das Preisniveau hinterfragt – für zwei Stunden rumfahren sollten es 140 Dollar sein. Nach zäher Verhandlung waren es noch 100 Dollar, immer noch viel zu viel, aber Alternative nicht in Sicht, wenn man etwas sehen möchte. Die weiteren Kosten sollten gleich folgen – fast ganz Rapa Nui ist zum Nationalpark erklärt. Wer sich irgendwo auf der Insel abseits der kleinen Hauptstadt bewegen möchte, muss seit kurzem einen Pass kaufen. Pro Person sind dann oben drauf noch 80 Dollar fällig. Ziemlich teurer Spaß.

Mit unserer Fahrerin geht es aber für diese paar Stunden nun auf einen Nebenweg, auf dem auch einiges zu sehen ist, und man sich den Pass sparen kann. Uns begeistern die Landschaft und noch mehr die Wolkenbilder während unserer Fahrt.

Wir fahren zu einer der wichtigen Ansammlungen solcher Moai-Figuren, nach Ahu Nau Nau. Hier stehen direkt vor dem einzigen Strand der Insel – auf dem übrigens reger Badebetrieb herrscht – acht solche Figuren auf einem Podest, schätzungsweise etwa acht Meter hoch. Leider ist die Sonne schon am untergehen, aber wir sehen die Moai noch sehr schön im Abendlicht – für den Foto allerdings nur im Gegenlicht.

Die Körper und Köpfe sind aus grauem Vulkangestein, die Hüte der Figuren aus rotem Vulkangestein – rot als die Farbe der wichtigen Häuptlinge. An verschiedenen Stellen sieht man, dass diese Figuren wie in einem Puzzle-Spiel wieder zusammengesetzt wurden – was für alle Maoi gilt. Sie wurden nämlich von der einheimischen Bevölkerung vor etwa 300 Jahren allesamt zerstört, im Zusammenhang mit einem völligen Verfalls der tradierten Kultur und damit auch mit dem Verlust alles Wissens über diese. Nebenbei: All die Moai, die jetzt zu bestaunen sind, lagen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als Ansammlung von Steinblöcken oder von Erde überdeckt überall auf der Insel und wurden im Schwerpunkt erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts rekonstruiert.

In der Nähe zur Gruppe stehen noch zwei weitere Moai – diese mit völlig anderer Gestalt und Gesichtszügen.

Der Hin- und Rückweg quer über die Insel zeigt sich eine bunte vielfältige Vegetation mit wenig Baumbestand, so dass man überall auf die großen und kleinen Vulkane sieht, zum Teil sogar in kleine Vulkankrater hinein blickt, obwohl wir nicht gerade auf eine Höhenstraße unterwegs sind.

Die Landschaft zeigt sich satt-grün, abgesetzt mit dem grauen, braunen oder roten Gestein der Vulkane. Überall sind Pferde zu sehen, einige Kuhherden, nicht wenige wild streunende, aber irgendwie gut gepflegt aussehende Hunde. Dazwischen gibt es landwirtschaftlich genutzte Flächen – auf der Osterinsel wächst so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann.

Rapa Nui war einmal eine komplett bewaldete Insel – schon bei Ankunft der europäischen Entdecker gab es aber kaum noch Baumbestände, wie auch jetzt noch. Keiner weiß, warum, genauso wenig wie auch darüber, warum die Moai’s zerstört wurden. Wirkliche Ureinwohner gibt es auch nicht mehr. Der Grund, wie so meist in der Kolonialgeschichte von Ländern, ist recht einfach – obwohl die Insel weit entfernt liegt, wurde sie zumindest so oft angelaufen, dass Krankheiten eingeschleppt wurden, die zu einem starken Bevölkerungsrückgang führten. Im 19. Jahrhundert wurden die Bewohner von den Peruanern als Sklaven in die Minen Südamerikas verfrachtet. Berichtet wird, dass damals gerade noch 111 der ursprünglichen Bewohner übrig blieben – somit sind ziemlich all die Informationen, die auf mündliche Überlieferung beruhen, verloren.

Die Moai, die verstreut über der Insel verteilt sind, haben alle zwar Augenhöhlen, aber keine Augen; lange war man davon ausgegangen, dass dies generell so wäre. Neuere archäologische Forschungen ergaben jedoch, dass zu besonderen kultischen Handlungen Augen eingesetzt wurden, das weiße der Augen aus Muschelkalk, die Pupille aus Obsidian. Zum einzigen solchen Moai, dessen Augen rekonstruiert wurden und der diese jetzt dauerhaft trägt, geht unsere Fahrt weiter. Auch er steht am Ufer, aber auf der anderen Seite der Insel, bei der unser Schiff liegt, bei Hangaroa, der Inselstadt. Unterwegs sehen wir mehrere Moai’s, die Augen haben; aber diese sind jüngeren Datums.

Fast überall gibt es viele Moai – man zählt nicht mehr mit. Das Areal mit dem „Augen-Moai“ liegt direkt am Meer, an einer Steilküste mit vielen Klippen aus bizarr geformtem dunkelgrauen und rostbraunen Vulkangestein, über das die Gischt spritzt und über das manchmal mehrere Meter hohe Wellen rollen. Das ganze Areal macht den Eindruck einer sehr großen intensiv grünen Wiese. Darauf stehen und liegen viele Moai, direkt am Ufer mehrere auf einer großen Plattform, dem Ahu Tahai, weiter hinten ein größeres Exemplar, dessen leuchtende Augen schon von Weitem auffallen, der Ahu Akapu.

Überall im Gelände stehen einige kleinere Versionen – und beim überschreiten der Wiese sieht man fast unzählige. Mal einer, der ziemlich komplett auf dem Rücken liegt. Dann einer, der fast von Erde bedeckt ist und nur aus dem Grün etwas herausschaut. Dann steht mal ein Kopf oder ein anderes Relikt rum, oder es sind ein paar Brocken so zusammengelegt dass es den Eindruck hat es wäre die Aufforderung, die Gestalt wolle aufgebaut werden.

Allesamt gibt dies ideale Bedingungen für eine Vielzahl von Theorien, um die Herkunft und spätere Zerstörung der Moai zu erklären, die Erstellung von einfachen Kultfiguren, die sich im Wettbewerb zwischen den ansässigen Stämmen zu kolossalen Figuren entwickelten, die Zerstörung in Stammeskriegen oder bei Hungersnöten, in denen der Glaube aufgegeben wurde. Da alles so ungewöhnlich ist, gibt es durchaus auch Theorien, nach denen die Moai von Außerirdischen oder für diese aufgestellt wurden.

Kaum erklärbar sind diese Moai auf dieser kleinen Insel mitten im Pazifik, weitab von andere Zivilisationen. Daher sind Fragen berechtigt, woher die Motive rühren und welche Bedeutung dem allem beigemessen werden muss. Oder weit banaler, wo auf dieser Mini-Insel mit gerade mal 24 km Länge und 13 km Breite so viele Menschen gelebt haben sollen, die diese Figuren mit Steinzeit-Methoden aus den Felsen meißeln konnten? Oder wo war auf dieser Mini-Insel Platz für so viele Stämme, die nebeneinander friedlich gelebt oder auch in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sein konnten? Wie konnte es sein, dass all die Figuren bei dieser Grundvoraussetzung aus ein und demselben Vulkansteinbruch geschaffen wurden? Wie wurden die tonnenschweren Kolosse transportiert? Nicht von tausenden von Menschen, sondern von ein paar hundert, die auf der Insel lebten?

Komplettes Rätsel – tröstlich, dass ernsthafte Wissenschaftler es aufgegeben haben, sich in Spekulationen zu verlieren, wie unser Lektor, der die Reise begleitete, der als Ethnologe ein Jahr lang auf der Osterinsel lebte und forschte.

Auf dem Rückweg fahren wir eine Strecke am Meer entlang. Eigentlich interessanter und beeindruckender wie die Steinfiguren ist hier das, was die Natur geschaffen hat – eine vulkanische Küste, mal ein paar Meter flach ins Meer hinauslaufend, dann wieder ziemlich steil abfallend, mit skurrilen Felsen in allen erdenklichen Farbschattierungen von tiefem Dunkelgrau bis hin zu einem bräunlichen Karminrot. Eine richtige Skulpturenlandschaft, die zunächst durch Vulkanauswürfe geschaffen wurde, fast wie Spritzgebäck aus der Erde geschoben, und dann durch die Wellen, die hier aufbrausen, weiter gestaltet wurde.

Besonders beeindruckend ist dies in der engen Hafeneinfahrt, die wir bei der Anfahrt sehen – eine schmale Fahrtrinne, zu beiden Seiten schroffe Klippen, an denen sich die Wellen brechen. In die vielen tausend Klippen hinein zischt das Wasser, spritzt meterhoch. Immer wieder rollen hohe Wellen an, die sich vor den Felsen überschlagen, und manchmal spritzt es aus Felslöchern wie aus kleinen Fontänen, da das Lavagestein Löcher und Röhren hat, durch die die Wellen das Wasser drücken.

Das Hafenbecken zeigt sich noch ruhig – aber bei der Ausfahrt ändert sich die Situation schnell. Mit dem schaukelnden Tenderboot geht es zurück zum Schiff.

Am nächsten Tag wollen wir diesem Schauspiel mehr zusehen – und hoffen, dass ein Landgang wieder möglich ist, hoffentlich ein etwas längerer.

Weniger um die monumentalen Moai, mehr um das Leben auf der Osterinsel wird es im nächsten Bericht von der Pazifik-Reise gehen – und der dann folgende Bericht wird von der Insel handeln, die sich die Meuterer von der Bounty an abgelegenster Stelle des Pazifiks aussuchten.

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