Iorana – der Gruß der Osterinsel

Ein Natur- und Kulturwunder im Wandel

Pazifik-Reise, Bericht 4

Eine Übernachtung mit Blick auf die Osterinsel, auf einem Schiff, das vor der Insel auf Reede liegt – ein besonderes Ereignis für uns. Am Morgen erwartet uns strahlender Sonnenschein. Die See ist allerdings noch unruhiger wie am Tag zuvor – wir hoffen trotzdem darauf, ausgiebig an Land kommen zu können.

Bald kommt das erhoffte Signal. Es kann an Land gehen, wir können wieder zur Insel tendern. Das Meer ist noch etwas welliger als am Vortag, aber die Brandung steht nicht mehr so sehr auf der kleinen Hafeneinfahrt. Kurz eine Strecke mit dem Tenderboot über den Pazifik, dann hinein in die Hafeneinfahrt, fast so eng wie die Einfahrt in eine Schleuse, nur ungleich gefährlicher, da zu beiden Seiten anstelle der Hafenmauer Felsbrocken und kleine Klippen aus dem Wasser ragen. Von beiden Seiten werden wir immer mal wieder von einer Welle überholt – man hat den Eindruck, sie wären höher als unser Boot.

Am Ufer dann die entscheidende Frage: Nach ein paar Moai anschauen, oder eher Küste und Ort. Interessieren würde uns noch der Vulkan Rano Kau mit dem Steinbruch, in dem die Moai entstanden – hier würde man eine große Anzahl der Figuren sehen, mehr oder weniger fertig. Wir entschließen uns aber, ein Stück der Küste entlang und in den Ort zu gehen.

Am Hafen entlang spazieren wir zunächst zur Steilküste. Vor uns liegt einer der Vulkane, rechts geht es die Küste steil hinunter zum Wasser, genauer zu einem Gewirr von kleinen Felsformationen, die der Vulkan geschaffen hat. Dazwischen sprudelt und zischt das Wasser. An den Felswänden schlägt die Gischt so auf, dass sie, obwohl das Meer hier sicherlich so dreißig Meter unter uns liegt, bis nach oben spritzt.

Immer wieder bleiben wir stehen und schauen die zerklüftete Küste an, aber noch mehr das Schauspiel, das das Meer an dieser Küste bietet – und setzen uns zum Zuschauen auch für einige Zeit einfach auf einen der oben liegenden größeren Steine, ganz vorsichtig, da das scharfkantige Lavagestein durch die Hose pickt.

Am liebsten würde man hinuntersteigen, direkt in die Nähe des Wassers – aber ein Ding der Unmöglichkeit, obwohl manchmal der Eindruck da ist, es gäbe einen Abstieg. Aber es ist immer nur Lavageröll, das man im Hang besser nicht begeht, da es rutschiger als Glatteis ist.

Auf unserem Weg kommen wir an etwas vorbei, was ziemlich absurd auf dieser kleinen Insel ist – wir werden überflogen von einem recht großen Flugzeug, das zur Landebahn einbiegt. Rapa Nui hat eine der längsten Landebahnen der Welt, vier Kilometer lang, geeignet für so ziemlich jedes Flugzeug, und dazu ein Flughafengebäude, das der Größe der Insel entspricht. Die Erklärung für diese Landebahn: Der Staat Chile, zu dem Rapa Nui gehört, erlaubte den Amerikanern, auf der Insel eine Notlandebahn für das Space Shuttle zu bauen, sollte im Rahmen des Weltraumprogramms mal nicht auf der normalen Bahn in den USA gelandet werden können. Die Landebahn wird nicht mehr benötigt, das Weltraumprogramm ist eingestellt, Rapa Nui hat einen Flughafen für Großraummaschinen – mit allen Vor- und Nachteilen.

Waren es zunächst nur die sehr selten die Insel anlaufenden Schiffe, sind es nun die täglich ankommenden Flugzeuge, die fast ausschließlich Touristen auf die Insel bringen.

Sicher haben sich so durch den Flughafen die Versorgungslage und der Lebensstandard auf der Insel verbessert. Aber dadurch ist auch der Tourismus regelrecht über die Insel hereingebrochen, mit Hotels, Touristen-Restaurants, Shops, steigenden Preisen auch für Einheimische, nicht zuletzt mit Sperrung der Zugänglichkeit der Insel in den Bereichen, in denen die meisten Moai stehen – verbunden mit hohen Eintrittskosten für diejenigen, die die Attraktion der Osterinsel näher sehen möchten.

Unser Lektor an Bord, der vor längerer Zeit ein Jahr auf Rapa Nui lebte meint, es habe sich auch im Lebensstil der Menschen vieles verändert. Diejenigen, die auf der Insel ankommen, würden nicht mehr so sehr als Gäste willkommen geheißen, sondern als Touristen, mit denen man gut und schnell Geld verdienen könne – Mentalitäten hätten sich verschoben. Das merken wir auch so ein wenig bei unserem anschließenden Spaziergang durch die Stadt.

Vorbei am Hafen geht es die Küste entlang, zur Stadt. Hier beginnt auch gleich die „touristische Meile“, ein Restaurant am anderen, dazwischen Wohnhäuser, ein paar kleine Hotels, ein Campingplatz mit vielen bunten kleinen Iglu-Zelten.

Auf der Straße hört man viel deutsch – so ein Kreuzfahrtschiff bringt doch einige Gäste mit. Voll besetzt mit vielen bekannten Gesichtern vom Schiff ist ein Cafe, bei dem außen angeschrieben ist „free wifi“. Auf unserer gestrigen Rundfahrt haben wir einen kleinen kunterbunten Friedhof gesehen, den wir quer durch die Stadt gehend ansteuern wollen – und somit biegen wir von der Touristenstrecke ab, in die Stadt hinein.

„Iorana“, so begrüßen sich die Insulaner, wie wir von unserem Lektor gehört haben – und sie verabschieden sich auch mit demselben Wort. Die Idee dahinter – man kann sich nur wieder begrüßen, wenn man sich auch verabschiedet hat. Ein wenig Querdenker, die Insulaner. Was sich auch an einer kleinen Geschichte zeigt, die er erzählt. Der Insulaner möchte ein Auto, das nach vorne fährt, aber er als Fahrer hinten rausschaut. Der Europäer versteht das nicht. Der Insulaner meint locker, dass er selbst dann, wenn er nach vorne schauen würde, zwar alles sehen, aber nicht kontrollieren könne. Aber wenn er hinten rausschauen würde, könne er die Folgen seines Handelns erkennen. Interessante Philosophie.

Leider sehen wir wenig Menschen in den Straßen, und diejenigen, die unterwegs sind, zeigen sich nicht sonderlich interessiert an uns, Blick- oder Grußkontakt kaum möglich. Wir können unser „Iorana“ nicht anwenden …

Das sogenannte Öko-Hotel, an dem wir vorbei kommen, macht mehr den Eindruck einer Ansammlung runder Betonbunker mit Grasdach, kombiniert mit hochglanz-lackierten Säulen aus Eukalyptusbäumen. Die Wohnhäuser entlang der Straße machen nur zum Teil einen gepflegten Eindruck. Viele Gärten sind ziemlich verwildert – am Vortag hatten wir noch gehört, dass die Erde auf Rapa Nui äußerst fruchtbar sei und alles wachsen würde, was angebaut wird. Aber hier hat man den Eindruck, als wäre der Bereich Selbstversorgung abgeschafft, weil Geld auf andere Weise leichter beschafft und darüber die Versorgung sichergestellt werden kann.

Müde vom Gehen auf der langen sonnigen Straße machen wir kurze Pause an einem Mini-Supermarkt, essen Orangen und Bananen, trinken etwas. Als wir losgehen, hält eine Dame mit einem ziemlich verbeulten alten Taxi bei uns an, möchte uns mitnehmen.

Wir fahren mit – und staunen, wie weitläufig der kleine Ort ist und kommen schließlich beim kleinen Friedhof an, gleich neben der Ansammlung von Moai, wo wir gestern schon waren.

Oft wird unterschätzt, was Friedhöfe über Menschen aussagen – und hier hatten wir den buntesten, natürlichsten, vielfältigsten Friedhof, den wir je gesehen hatten. Die meisten der Gräber mit Kreuzen, aber dazwischen auch Moai, Vogelmenschen oder Schildkröten als Grabsteine, auch einige, deren Symbolik sich für uns nicht erschloss. Die Gräber oft mit Gras überwuchert, aber so gut wie immer mit bunten Blumen geschmückt – und alles direkt am Meer, dahinter die Brandung, und wieder dahinter die großen Moai. Eindrücklich.

Die Küste entlang geht es zurück. Dieser Weg ist nicht nur Küstenstraße, sondern auch die Strecke, an der sich Restaurants und Künstler angesiedelt haben – also bis auf wenige Ausnahmen ziemlich auf Touristen ausgerichtet. Bei den Künstlern sieht man vor allem aus Stein erstellte Skulpturen, die wie Moai aussehen oder an diese erinnern, oder aus Holz geschnitzte, verzierte Brettchen mit polynesischen Mustern. In den Restaurants direkt am Ufer trifft sich das Schiff wieder. In kleinen Buchten schwimmen Kinder. Etwas weiter draußen tummeln sich zwischen den Klippen auf ziemlich hohen Wellen einige Surfer.

Irgendwann entdecken wir ein kleines, etwas zurückliegendes und damit ruhiges Restaurant, das uns – warum auch immer – gleich gefällt. Zwei Einheimische essen etwas. Die Speisekarte ist sehr begrenzt, die Preise sehen bezahlbar aus. Wir entscheiden uns für ein Tagesgericht, eine Gemüsecremesuppe und Taka Taka im Wok (und erfahren, dass Taka Taka ein lokaler Fisch ist), sowie für ein Fisch-Carpaccio vom Fang des Tages, was sich als Carpaccio von einem sehr hellen Thunfisch herausstellt. Alles schmeckt hervorragend.

Auf dem weiteren Weg zurück werden noch viele Fotos gemacht – die Küste ist einfach atemberaubend. Unten am Wasser entdecken wir noch einige junge Frauen, die etwas sammeln – es muss ziemlich fest an den direkt am Wasser liegenden Steinen sitzen, da sie es mit einem Messer ablösen, auch klein und trotzdem wertvoll oder wichtig sein, da die Frauen in sehr unwegsamen Gebiet mit sehr kleinen Beutelchen unterwegs sind und ihre Arbeit, sobald diese gefüllt sind, beenden.

In einer Bucht entdecken wir dann noch ein Fotoshooting – mit einer Dame, die ein wenig in traditionelle Kleidungsstücke gezwängt wird und sich sichtlich wohl fühlt.

Zurück zum Schiff. Unterwegs treffen wir noch unseren Lektor, reden mit ihm ein wenig kreuz und quer, kommen dabei auch auf den Spielfilm „Rapa Nui“, der mit einer Großzahl der Bewohner der Insel als Statisten am Originalschauplatz vor einigen Jahren gedreht wurde. Seiner Ansicht nach hat dieser Film den Charakter der Insel massiv verändert, die Menschen und das Sozialgefüge. Die beim Film engagierten Insulaner konnten in wenigen Monaten das verdienen, was vorher mehrere Jahresgehälter oder gar Lebenseinkommen waren. Die Folgen kann man sich ausdenken … Er erzählt auch ein wenig vom rasanten Wandel in den letzten Jahrzehnten, zum Beispiel von Verkehrsregeln und Kühen. Als er vor etwa zwanzig Jahren ein Jahr lang auf der Insel lebte, gab es nur eine beachtete Verkehrsregel – wer eine Kuh umfährt, muss diese behalten und verarbeiten. Grund war, dass es einfach zu viele Kühe gab.

So ein wenig spüren wir davon in dem kleinen Cafe mit dem „free wifi“-Schild. Wir wollen noch etwas trinken, vielleicht auch etwas Einheimisches probieren. Im Angebot allerdings nur Touristenware … Unsere Not-Bestellung: Eine Tasse Kaffee, ein Stück Schokokuchen, eine Getränkedose. Es geht ans bezahlen. Wir haben 10 Dollar in der Hand, und meinen, dass das locker reichen müsste. Die Rechnung – genau 20 Dollar. Unsere Rückfrage an die Bedienung, ob sie sich sicher sei, die fast entrüstete Rückantwort: natürlich.

Am Hafen vor dem Tenderboot wird noch einmal heftig für Steinmännchen in Moai-Form geworben und für anderen Schnickschnack – das Thema Souvenir schlägt zu. Für uns geht es ins Boot und zurück zum Schiff.

Noch am Abend geht es für uns weiter, zu einem noch kleineren Eiland, mitten im Pazifik, nach Pitcairn, der Insel der Bounty-Meuterer. Mit der MS Albatros sind wir von Lima aus nach Rapa Nui gestartet, haben 5 Tage dafür gebraucht; wären wir „üblich“ von Chile aus gestartet, von Santiago, wären wir auf dem längsten Inlandsflug der Welt über Wasser gewesen.

Die Osterinsel haben wir gesehen, wenn auch kurz – eine keine Insel mit einer besonderen kulturellen Vergangenheit, mit einer mystischen Figurenwelt, die keiner erklären kann, kombiniert mit einer kleinen Wohnbevölkerung, die sich als Insulaner mit diesen Figuren identifizieren, ohne wirklich etwas mit ihnen zu tun zu haben, und diese eher im touristischen Sinne einkommensorientiert nutzen.

Ein irgendwie magischer Ort, weil nicht rational nicht zuzuordnen, sondern nur zu erleben, der aber genau diesen Glanz langsam verliert und immer mehr zur musealen Präsentation wird.

Es geht wieder hinaus aufs Meer – etwa 2.000 Kilometer bis nach Pitcairn, der Insel der Bounty-Meuterer.

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