Bratislava – quirlige Stadt mit Ufo-Landeplatz

Flusskreuzfahrt auf der Donau, Bericht 5

Unsere Reise auf der Donau führt uns nun nach Bratislava. Prešporok, Pressburg, Pozsony, Wilsonovo, Blava, Brezalauspurc und ziemlich viele weitere Namen hat die Stadt Ziel im Verlauf ihrer Geschichte getragen.

Kaum jemand weiss, dass Bratislava fast drei Jahrhunderte lang Hauptstadt und Krönungsstadt des Ungarischen Königreichs war, und den größten Aufschwung in der Regierungszeit von Maria Theresia hatte, die hier gekrönt wurde – was sich heute noch in einem schwelgerischen Barock ausdrückt, der überall in der Stadt zu sehen ist.

Die Anfahrt auf der Donau, am Ufer die Donauauen, mutet zunächst an wie die Anreise in eine idyllische Kleinstadt; aber wir wissen, dass sich hinter den kleinen Wäldern, die die Donauufer säumen, große Industriegebiete verbergen.

Oben auf dem Deck des Schiffes stehend zeigt sich schnell aber ein Bild, das kontrastreicher nicht sein könnte. Auf der rechten Seite steht auf der Anhöhe die alte Burg, zu ihren Füßen liegt die Altstadt.

Vor uns überspannt eine riesige Hängebrücke die Donau; oben auf dem Brückenpfeiler hat anscheinend ein größeres UFO angelegt – so sieht es zumindest aus.

Und am linken Ufer kommt ein Meer hoher und endlos wirkender Plattenbauten in Sicht – in Bratislava gibt es nicht nur eine romantische Altstadt, sondern auch eine der größten in sozialistischer Zeit entstandenen Neubaustädte.

Der Schiffsanleger liegt optimal. Aussteigen, über die große Uferstraße gehen, vorbei an ein paar modernen, wenig anschaulichen Bauwerken und schon ist mittendrin im Altstadtgeschehen.

Schon auf den ersten Schritten beeindrucken die schmucken Barockhäuser und Palais. Gleich am Stadteingang steht unübersehbar auf einem kleinen Platz eine Dreifaltigkeitssäule, die Anfang des 18. Jahrhunderts errichtet wurde, zum Dank für das Ende der Pestepedemie.

Egal wo man in Bratislava unterwegs ist – die Burg ist immer präsent, von den großen Straßen und Plätzen aus in Gesamtansicht über der Stadt thronend, und von vielen der kleinen Gassen aus als ausschnitthafter Fixpunkt.

Einen besonderen Namen hat sie nicht – es ist die Burg Bratislava, die auf eine über 1000jährige Geschichte zurückblickt, mit vielen Ausbaustufen und Umgestaltungen in dieser langen Zeit, zunächst als Wehrburg entstanden. Die jetzige Grundstruktur stammt noch aus dem 15. Jahrhundert; allerdings wurde die alte Burg im 18. Jahrhundert zur Wohnburg umgebaut, mit vielen barocken Elementen, die die Anlage heute noch zieren.

Auf unserem Spaziergang kommen wir an der Martins-Kathedrale vorbei, eine gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert. Einst war sie Krönungskirche, heute noch erkennbar an der Turmspitze, die nicht nur ein Kreuz, sondern direkt darunter eine Krone trägt. Wir beschließen, nicht noch eine weitere Kirche in unser Besichtigungsprogramm aufzunehmen, sondern lieber einen Blick an das Kinder-Kunst-Museum Bibiana zu werfen, das in der Nähe liegt.

Schon im Eingangsbereich sehen wir fröhliche bunte Bilderbuchbilder an den Wänden. Natürlich darf auch der „kleine Maulwurf“ nicht fehlen – der als tschecheslowakisches Produkt auch den Weg in die zwei Staaten Tschechien und Slowakei gefunden hat. Interessant ist, dass sich ein paar Häuser weiter ein kleiner Laden an das Kinder-Thema angepasst hat.

Die Altstadt von Bratislava hat ihr Gesicht über die Jahrhunderte bewahren können – enge verwinkelte Gassen und schmale Straßen, die Gebäude aus dem 15. bis 19. Jahrhundert, die Häuserfluchten kaum unterbrochen durch ein moderneres Bauwerk.

Reich geschmückte Fassaden beeindrucken immer wieder; mal sind es mehr gotische Verzierungen und Skulpturen, dann barocke Giebel oder klassizistische Bauwerke, und immer wieder dazwischen Jugendstilgebäude, bei denen insbesondere die Fenstergestaltung auffällt.

Aber der richtige Gesamteindruck ergibt sich erst, wenn all das, was es in diesen Gebäuden gibt und in ihnen und um sie herum stattfindet, betrachtet wird. Die Stadt scheint nämlich so ziemlich komplett aus Cafés, Gaststätten und Restaurants zu bestehen, dazwischen so allerhand Geschäfte für den Alltagsbedarf, nur wenige typisch Touristenshops, und vor allem ganz vielen Menschen aller Altersgruppen, die sich überall tummeln, herumschlendern und die Außengastronomie nutzen. Eine richtig quirlige, lebendige Stadt.

Immer wieder öffnen sich die Altstadtgassen zu größeren Plätzen. An einem davon steht das gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Stil der Neorenaissance gebaute Opernhaus, mit ungewöhnlich prunkvoller Fassade und Außenterrasse.

An unterschiedlichsten Stellen in der Stadt verstreut fallen Bronze-Skulpturen auf, mal eine Tänzerin mit Schirm, dann ein älterer Herr mit Zylinder, oder ein kleiner Napoleon, ein Sterngucker, zwei junge Frauen am Briefkasten, auf einer Bank sitzt Andy Warhol, eine Dame kommt entsprechend gekleidet aus einem Modegeschäft.

Am Bekanntesten ist die Skulptur, über die man fast stolpert: Es ist der Kanalarbeiter namens Čumil, der aus dem geöffneten Kanalschacht rausschaut. Die einen meinen, dass er sich ausruhen würde, die anderen unterstellen, dass er so besser den Frauen unter die Röcke schauen könnte …

Wir machen uns auf den Weg hinauf zur Burg, zu Fuß; Alternative wäre gewesen, sich vom Touristen-Bähnchen hoch bringen zu lassen.

Der Blick hinunter vom Berg eröffnet immer wieder interessante Perspektiven. Mal ist es die pittoreske Altstadt mit ihren Kirchtürmen, alten Gebäuden, engen Gassen, dann wieder eine Kombination von Burgmauern und Ufo-Turm, und, je weiter man noch oben kommt, immer dominierender auch die neue Stadt auf der anderen Seite der Donau, eine Plattenbau-Siedlung mit fast endlos wirkenden, teilweise ineinander verschlungenen Hochhauszeilen.

Oben angekommen fällt erst so richtig auf, wie monumental sich die Burg mit ihren Außenanlagen darstellt. Durch das Haupttor, das Wiener Tor geht es hinein in die Anlage, vorbei an den Nebengebäuden, links die große Freitreppe, die zum Gebäude führt, vor uns die Außenanlagen.

Von oben aus haben wir dann nicht nur einen guten Überblick über die Altstadt, sondern auch über den modernen Stadtteil Petrzalka, in dem mehr als 100.000 Menschen leben. Kurz nach diesem Stadtteil kommt die Grenze nach Österreich – vor ein paar Jahrzehnten noch der „Eiserne Vorhang“.

Der Blick in die andere Richtung, den Hügeln zu, zeigt in nachdenklich-merkwürdiger Kombination vorne das Kriegsdenkmal, das an tausende sowjetischer Soldaten erinnert, die hier im Zweiten Weltkrieg getötet wurden, und weiter entfernt auf dem Hügel den 200 Meter hohen Fernsehturm.

Es ist Nacht geworden. Nach einem kleinen Abendessen geht es zunächst auf einen Stadtspaziergang, die Eindrücke genießen, die die nächtlich erleuchtete Stadt bietet, mit heller Beleuchtung und vielen Schattenwirkungen, bedingt durch enge Gassen, verwinkelte Straßen und nicht zuletzt durch die vielfältigen Stuckverzierungen an den Hauswänden.

Pause in einem typischen Café – der Kaffee kann weniger begeistern, aber wir sitzen gut, mitten im historischen Ambiente. Die Einrichtung ziemlich plüschig, aus längst vergangenen Zeiten – aber bequem, und die Räumlichkeiten insgesamt stimmig, bis hinauf zur Decke. An den Säulen glitzern Mosaike, die noch aus der Zeit des Jugendstils zu stammen scheinen. Mittendrin im Raum ein Flügel – und Lydia hat die Gelegenheit, im Café mit ein paar eigenen Melodien aufzuspielen.

Danach steuern wir die Donau-Brücke an, wollen nach Möglichkeit von hoch oben einen schönen nächtlichen Überblick über die Stadt haben. So richtig Eindruck macht die Brücke noch einmal, als es mit dem Taxi drüber geht – sie hat eine Spannweite von über 300 Metern, erfahren wir. Über der Straße thront das „Ufo“.

Es geht auf die andere Seite der Donau, und nach ein wenig Suche finden wir im engen Zugang zwischen Baustellenzäunen den Aufzug, hoch zur Aussichtsplattform im „Ufo“ auf dem Brückenpfeiler, ins Café Bystrica, auf 85 Metern Höhe.

Der Eingangsbereich und der Aufzug strahlen ziemlich den Charme der Vergangenheit aus; man fragt sich so ein wenig, wie vertrauenswürdig das Ding ist, das einen nach oben bringen soll. Drin im Aufzug überrascht die schnelle Fahrt – und oben weiss man dann nicht, in welche Richtung man zunächst blicken soll, bei einer 360-Grad-Rundumsicht.

Auf der einen Seite sticht die Burg mit der Burgmauer, ebenso die Kathedrale, beide weiss angestrahlt, hell hervor. Auf der anderen Seite der Donau zeichnen die Straßenbeleuchtungen ein mehr oder weniger strukturiertes Liniengewirr zwischen relativ dunklen Häuserzeilen, bei denen beleuchtete Fenster kleine Akzente setzen. Wir genießen ein Weilchen die Aussicht.

Zurück geht es zum Schiff. Es geht weiter, nach Wien. Die beiden Städte trennen gerade einmal 60 Kilometer, es sind die beiden am engsten beieinander liegenden Hauptstädte Europas.

Über Nacht geht es auf diese Strecke – und morgen werden wir in Wien auf Erkundung gehen.

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