Wien – ein Stadt-Spaziergang

Flusskreuzfahrt auf der Donau, Bericht 6

Ein Tag Wien – viel zu wenig Zeit für all das, was es hier zu sehen gibt. Wir steuern auf die Stadt zu, die immer noch den Glanz der habsburgischen Monarchie ausstrahlt – in der Pracht verschiedenster Stile. Beeindruckend sind die kaiserlichen Paläste, die Repräsentations- und Kulturbauten, die vielen Kirchen und die reich verzierten Bürgerhäuser, ebenso auch das moderne Wien.

Wer sich für Kunst und Kultur begeistert, den wird es ins MuseumsQuartier ziehen; fast schon Kult-Ziele sind die Gebäude und Ausstellungen von Friedensreich Hundertwasser. Wer mehr das traditionelle Vergnügen sucht, begibt sich in den Prater oder zum Heurigen – und alle Genießer probieren sich durch den Naschmarkt, gönnen sich im Hotel Sacher ein Stück Torte oder besuchen eines der neuen stylischen Cafés der Donaustadt.

Das wäre Wien im „Schnell-Durchgang“. Wir haben uns aber dafür entschlossen, kein großes Programm aufzustellen, sondern uns von der Stadt ein wenig „treiben“ zu lassen – einfach hinein ins Geschehen und einmal abwarten, was uns alles so begegnen wird. Damit sind wir noch nie falsch gelegen, und haben immer wieder auch höchst interessante Dinge abseits der großen Sehenswürdigkeiten entdeckt.

Wir starten ziemlich im Außenbezirk mit unseren Erkundungen, dort, wo man normalerweise weniger spazieren geht. Aber über die Dächer der Stadt ragen nicht nur Kirchtürme; unübersehbar ist auch der Turm der Müllverbrennungsanlage in Spittelau, der durch die Gestaltung von Friedensreich Hundertwasser zum städtischen Kunstwerk wurde. Ursprünglich wollte Hundertwasser die Aufgabe, diese Müllverbrennungsanlage zu gestalten, nicht übernehmen – aus prinzipiellen Gründen gegen eine Müllverbrennungsanlage, solange nicht alle Möglichkeiten der Müllvermeidung und Wiederverwertung ausgeschöpft werden und änderte erst seine Entscheidung nach Zusage, dass die Anlage mit modernsten technischen Einrichtungen ausgerüstet wird.

Was für uns aus der Ferne noch wie ein gold-silbriger Turm mit Farbflecken aussieht, wirkt beim Näherkommen immer mehr wie die Außenhülle einer modernen Kathedrale – bei der, ist man schließlich angekommen, nicht Kirchgänger ein- und ausgehen, sondern Lastwagen ein- und ausfahren. Am Verwaltungsgebäude nebenan zeigen sich die für Hundertwasser typischen Säulen, in einem Säulengang und an der Hausfassade.

Es geht noch ziemlich lange durch’s Industriegebiet, bis wieder die für Wien’s Habsburgerzeit typischen Gebäude das Straßenbild bestimmen.

Irgendwann kommen wir an der bekanntesten Straße Wien’s an, der Ringstraße, die den eigentlichen Stadtkern umfasst, und an der sich viele der berühmten Sehenswürdigkeiten befinden, Staatsoper, Hofburg, Natur- und Kunsthistorisches Museum, Parlament und Rathaus, Burgtheater, ebenso wie auch viele der bekannten Hotels- und Cafés.

Und immer wieder fällt etwas auf das darauf hinweist, dass nicht alles so ernst genommen wird wie es scheint.

Unterwegs fallen uns viele Geschäfte von Modedesignern auf, nicht nur die bekannt edlen Marken, sondern auch ziemlich ungewöhnlich kreative, bunte Angebote für „mutige“ Frauen und Männer.

Mode wird in manchen Schaufenstern mehr zur Deko, mit vielen Accessoires und bunten Glitzersteinchen, und manchmal spiegelt sich im Glanz der Scheiben die Vergangenheit.

Durch das Gewusel in den Straßen der regen, quirligen Stadt kommen wir irgendwann am Wahrzeichen der Stadt an, dem Stephansdom – unübersehbar mitten im Zentrum stehend, alles hoch überragend der gotische Turm, nicht weniger auffallend das Dach mit den im Sonnenlicht glänzenden bunten Ziegeln.

Wir entschließen uns, nicht die 343 Stufen zum Südturm hinauf zu gehen, sondern machen es uns etwas bequemer – wir fahren mit dem Aufzug auf den Nordturm. Von hier oben hat man nicht nur eine herrliche Aussicht über die Stadt, sondern auch direkt hinunter auf den Domplatz, auf dem sich die Pferdedroschken, die Fiaker, sammeln.

Um den Dom herum heißt es oft „Tradition trifft Moderne“ – und Häuserfassaden aus längst vergangenen Zeiten der Monarchie, ebenso der Dom, spiegeln und verzerren sich in den Glasfronten moderner Architektur.

Stilvoll sind auch die alten Kaufhäuser – auch empfehlenswert für diejenigen, die nicht auf „Shopping-Tour“ sind.

Überall spiegelt sich der Glanz vergangener Zeiten, an den Säulen, den Stuckdecken, den Lampen und Kristalllüstern. Vielfach sind noch die alten Aufzüge unterwegs oder stehen zumindest noch dekorativ in den Treppenhäusern. Immer wieder beeindruckend die Aussicht aus den Schaufenstern heraus auf die belebten Straßen und Plätze, immer auch ziemlich imposant mit den herrschaftlichen Gebäuden, monumentalen Brunnen und Skulpturen.

Eindrucksvolle Einblick in das „alte Wien“ erhält man auf solchen Spaziergängen, wenn man sich die Zeit nimmt, in das eine oder andere Traditionshotel zu gehen, dort an einer Bar einen Kaffee trinkt oder im Restaurant eine Kleinigkeit isst – wohlgemerkt eine Kleinigkeit, damit man das Verfahren in mehreren Hotels wiederholen kann.

Ein solcher Gang in ein solches Hotel ist wie ein Einstieg in eine hochherrschaftliche Vergangenheit, hinein in den Prunk vergangener Zeiten, österreichisch standesbewusst gepflegt – es „riecht“ im titelverliebten Foyer förmlich nach Hofräten und Adelsständen.

Wir gehen zum Beispiel ins altehrwürdige Luxushotel Imperial, ein edles Hotel in einem prächtigen Gebäude aus dem Jahre 1863, das anmutet wie ein Stadtschloss, und schleichen erst mal durch die Flure, um ein wenig diese besondere Hotelluft zu schnuppern – eindrucksvoll, stilvoll, fast wie im Museum alles „in einem Guss“, und doch ein Hotelbetrieb.

Marmor allenthalben, warme, gedeckte Töne überwiegen; Design war bei der Ausgestaltung dieses Gebäudes wichtig, noch mehr eine angenehme Atmosphäre.

Im Hotel steuern wir noch das Café Imperial an; wir trinken eine Wiener Melange, und essen natürlich ein Stück Imperial Torte, ein Wiener Confiserie-Juwel, das anlässlich der Eröffnung des Hotels 1873 von einem Küchenjungen zu Ehren Kaiser Franz Joseph I. erfunden wurde.

Bei einem Spaziergang auf dem Ring kommt man an einer weiteren bedeutenden Kirche vorbei, die gerne als eine der schönsten Wiens bezeichnet wird – der Karlskirche. Von außen zeigt sich ein monumentaler Barockbau, vorne geziert von zwei Reliefsäulen, die an römische Säulen in Rom erinnern, und drinnen Barock im Überschwang. Ein riesiger dominanter goldener Hochaltar, unglaubliche große farbenprächtige Fresken, insgesamt eine Pracht, an der sich Bewunderer dieses Baustils erfreuen werden.

Immer noch darf der „Naschmarkt“ nicht fehlen, wenn die besonderen Attraktionen Wien’s aufgelistet werden. Doch wer hier den „alten Naschmarkt“ sucht, wie er sich noch vor einigen Jahren dargestellt hat oder gar noch vor Jahrzehnten, wird ziemlich überrascht sein. Es gibt zwar noch Obst, Gemüse, Fleisch, Käse und viele süße Leckereien.

Aber längst hat sich dieser Naschmarkt zu einer Ansammlung von vielen Restaurants mit unterschiedlichstem Angebot entwickelt, die allesamt das primäre Interesse ausstrahlen, die Unmengen an Touristen, die hier ankommen, in möglichst kurzer Zeit abfüttern zu können – manchmal auch mit einem Angebot, das ein bisschen nach Österreich und Wien ausschaut, ob die Schnitzel oder die Germknödel, aber zwischen den Lebensmittelständen eher dominierend italienisch, chinesisch, türkisch, japanisch, griechisch, indisch, orientalisch, kroatisch, und so weiter, immer wieder mal Schilder mit bio, vegetarisch oder vegan.

Und zwischen all dem Angebot Unmengen von Menschen, sichtbar aus allen erdenklichen Ländern der Welt. Immer mal wieder gibt es einen Blick auf die Lebensmittel-Auslagen; pfiffige Händler haben sich schon auf die Touristen eingerichtet, bieten in Folie eingeschweißte Schinken- und Käsestücke an, verkaufen kleine Beutel mit Gewürzen oder Mini-Flaschen mit Bränden und Likören, oder auch für den Direktverzehr geschnippeltes Obst in Bechern. Wiener werden, wenn überhaupt, auf diesem Markt nur dann einkaufen, wenn die Touristen noch nicht ihren Hotelbetten entstiegen sind – oder sie werden einen der kleinen Lebensmittelmärkte in den verschiedenen Stadtteilen ansteuern.

Wer nicht nur einen Blick auf Essen und Trinken wirft, sondern auch auf die Gebäude entlang des Naschmarktes, entdeckt verschiedenste Schätze der Jugendsstilarchitektur der Jahrhundertwende oder auch das Majolikahaus des Architekten Otto Wagner.

Auf dem Rückweg zum Schiff darf natürlich eine kleine Pause in einer der Zuckerbäckereien nicht fehlen. Wir machen Stopp in einem Traditionshaus, der K.u.K. Hofzuckerbäckerei Gerstner in der Kärntner Straße – genießen einen Großen Schwarzen und eine Wiener Melange, so einfach einen Kaffee bestellen wäre ja fast ein Frevel, und in einem typischen Wiener Kaffee wüßten die gar nicht, was sie bringen sollen. Dazu gibt’s ein paar Törtchen und einen Strudel, eigentlich zu viel davon, aber die Auswahl ist gar so verführerisch. Und nebenbei schreiben wir ein paar Pralinenschachtelpostkarten zum verschicken – das sind etwas sehr dicke Schachteln mit Postkartenaufdruck, drinnen Pralinen, draußen zum Beschriften, die dann mit der österreichischen Post an all diejenigen gehen können, denen man etwas zukommen lassen möchte.

Noch ein paar Eindrücke von unserem Rückweg zum Schiff. Langsam aber sicher geht unsere Reise auf der Donau dem Ende zu. Einen Halt werden wir noch haben, in Linz – aber über diese Stadt werden wir später einmal berichten, wenn wir bei einem längeren Halt mehr Eindrücke haben sammeln können. Durch viele Schleusen hindurch werden wir danach Passau erreichen, der Schlusspunkt unserer Donaureise.

Auf dieser Tour haben wir viel entdeckt – eigentlich viel mehr und viel Überraschenderes, als wir erwartet haben. Ganz sicher wird es irgendwann mal eine weitere Reise auf der Donau geben, aber dann vielleicht etwas weiter, bis hinunter ins Donaudelta.

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