Pitcairn und die Meuterei auf der Bounty

am

Einsame Insel in den Weiten des Pazifik
Pazifik-Reise, Bericht 5

Diejenigen, die „Bounty“ hören, denken vielleicht an einen Schoko-Kokos-Riegel. Aber spätestens, wenn „Meuterei auf der Bounty“ genannt wird, dann kommt der „Aha-Effekt“ – Roman und einige Filme, richtige Kino-Hits. Dass dahinter ein historisches Ereignis steht, und Pitcairn die einsame Insel im Pazifik ist, auf der sich die Meuterer versteckten und ein bis heute existierendes kleines Gemeinwesen schufen, daran denken nur wenige.

Etwa 2000 Kilometer sind es von der Osterinsel nach Pitcairn. Die Insel liegt so ziemlich im Mittelpunkt des Pazifiks. Auf dem Bildschirm in unserer Kabine sind auf der Weltkugel fast nur Wasserflächen zu sehen; was so ein wenig nach kleinen Inselchen ausschaut, sind die Erhebungen, die sich noch weit unter Wasser befinden. Der Pazifik ist hier, wo wir unterwegs sind, meist 4 bis 8 Kilometer tief. Pitcairn, auf das wir zusteuern, ist auch der dauerhaft bewohnte Platz der Erde, der am weitesten von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt ist.

Nach zwei Tagen See kommt am Horizont eine Insel in Sicht, auf die wir direkt zusteuern, im Morgendunst erst nur schemenhaft erkennbar.

Auf dem Schiff hatte der Kapitän schon am Vortag mitgeteilt, dass eine Anlandung nur unter besten Bedingungen möglich sei – die Insel habe nur Steilküste und einen sehr kleinen Hafen, den die Inselbewohner nutzen, der als solcher kaum bezeichnet werden könne – aber es sei die einzige Stelle, wo man an dieser Insel überhaupt anlanden könne.

Pitcairn ist immer noch die isolierteste Lebensgemeinschaft weltweit. Vom südamerikanischen Kontinent sind wir inzwischen etwa 6000 Kilometer weg, von Neuseeland etwa 5300 Kilometer, von der Antarktis 6500 Kilometer und von Tahiti „nur“ 2200 Kilometer, die ersten der bewohnten polynesischen Inseln liegen in etwa 1000 Kilometer Entfernung. Also rundherum Wasser …

Bei der Anfahrt freuen wir uns. Die See ist recht ruhig, auf der Schiffsinfo steht Wellengang 2 – also wirklich wenig los. Die Insel kommt immer näher. Bei Anfahrt noch eine Durchsage des Kapitäns, zum einen die Frage, ob an Bord ein Zahnarzt sei, auf der Insel gäbe es einen Bewohner mit Zahnschmerzen, zum anderen die Info, dass die MS Albatros bis Neuseeland auch als Postschiff für Pitcairn fungieren würde. Da die Insel nur vier mal im Jahr von einem Versorgungsschiff angefahren würde, wäre das auch der normale Rhythmus für den Postversand – nach aktueller Planung wäre der dann im Mai, also in drei bis vier Monaten …

Wir haben schon viele Inseln gesehen. Aber das, was vor uns liegt, das kann man wirklich gut und gerne als „richtige Insel“ bezeichnen, wie man sich eine Insel eben so vorstellt. Ein kleiner Berg mitten im Meer. Steilküsten, davor Klippen und Steinbrocken – überall rollen Wellen an und spritzt die Gischt hoch. Felsabbrüche, bei denen Gestein in vielen Farben in Erscheinung tritt. Die Hänge hoch sonst dichtes Grün, Bäume und Wiesen erkennbar. Dazwischen immer wieder wie eingefaltet kleine Täler. Oben auf einem Berggrat stehen wie aufgereiht einige Palmen und Nadelbäume. In der Steilküste sehen wir Höhlen und Auswaschungen, die wie kunstvolle Skulpturen ausschauen. Wie eingestreut in einen Hang stehen einige Häuser. All das klingt nach großer Insel – aber es ist ein Inselchen, nur etwa 2 mal 2 Kilometer groß, weit draußen im Pazifik, abseits aller Schiffsstraßen.

Immer näher kommen wir an die Insel. Unser Kapitän Michael Kugelmann beobachtet ziemlich kritisch die Situation – was wir nicht so ganz verstehen, da wir strahlenden Sonnenschein haben und auf Schiffsreisen schon ganz andere Wellengänge erlebt haben. In seiner Sonnenbrille spiegelt sich die Insel, und in der Borddurchsage spricht er immer wieder vom „Schwell“ und chaotischen Wellen, was er beobachten müsse, und wodurch im Moment ein Anlanden ummöglich sei.

Direkt vor uns liegt die Insel. Die Hauptstadt Adamstown ist kaum zu erkennen – ein paar verstreute kleine Häuser stehen am bewaldeten Berghang. Ziemlich nah und direkt vor uns sehen wir an einem der Steilhänge unten am Ufer eine schmale Stelle, an der das Meer ruhiger ist, dahinter einen Schuppen – das ist der Hafen, und der Schuppen ist ein massives, geschlossenes Bauwerk, in dem die Bewohner der Insel ihre Boote unterbringen, da sie sonst vom Pazifik aus dem kleinen Hafen rausgespült würden.

Die MS Albatros legt Anker. Vom Ufer sind wir nicht weit weg, vielleicht 300 Meter. Dafür ist es unter uns tiefer – die Schiffsanzeige pendelt um 1800 Meter. Noch sind wir überzeugt, dass es bald ab auf die Insel geht. Von der Reling aus beobachten wir, wie die Crew sich abmüht, den Ausstieg und den Anleger für die Tenderboote am Schiff aufzubauen – und wundern uns, warum alle sich so schwer tun, mehrfach ansetzen, und es eine halbe Ewigkeit dauert, bis alles beisammen ist.

Nebenbei bestaunen wir immer wieder das blaue Wasser des Pazifik, das je nach Sonneneinstrahlung von intensivstem Himmelblau über ein unwirklich scheinendes Tiefblau bis zu einem fast schwarzem Dunkelblau glänzt.

Vom Ufer her kommt inzwischen ein Boot der Einheimischen, mit Vertretern der Behörden, schließlich muss das ankommende Schiff freigegeben werden. Und wir sind ja auf einer Insel der Königin, Pitcairn ist eine der letzten Kolonien der Engländer.

Von der Ferne sieht alles auf dem kleinen Boot noch ziemlich entspannt aus. Als es jedoch näher kommt, staunen wir, wie es schaukelt und torkelt und tief in die Wellen eintaucht, manchmal zwischen den Wellen gar verschwindet – vom großen Schiff aus betrachtet kaum erklärbar.

Die Boote der Einheimischen nennen sich Langboot – sie wurden speziell von ihnen für den Einsatz unter ihren besonderen Bedingungen gebaut. Sie sind auf sich selbst angewiesen, schnelle Hilfe oder Unterstützung kann es nicht geben. Und so sehen auch die Boote aus, richtig rustikale Allzweckboote, etwa acht Meter lang. Der komplette Schiffsrumpf ist mit Metallplatten, vermutlich Aluminium beschlagen, der Rumpf ist komplett auch oben geschlossen, der Laderaum eine Vertiefung mit Abdeckung, auf der die Mitfahrenden mit all dem sitzen, was sie transportieren wollen. Es sieht aus wie ein schwimmender, unsinkbarer Bootskörper, der zwar umkippen, aber nie untergehen kann.

Solch ein Gefährt nähert sich uns. Es gibt mehrfach Anlegeversuche an der Tenderbrücke. Das Boot knallt gegen die Pfosten. Die Pitcairner und die Schiffscrew versuchen mehrfach, Leinen zu werfen, um das Boot heranzuziehen und zu befestigen. Manchmal sieht alles ganz ruhig aus – und plötzlich ist wieder irgendeine Welle da, die das Boot meterweit hoch wirft.

Aber irgendwann gelingt die Prozedur. Einige Insulaner kommen an Bord, wie überall muss das Schiff von den örtlichen Behörden freigegeben werden. Vom Kapitän gibt es dann irgendwann die Durchsage, dass man leider nicht zur Insel komme – wir hätten ja alle das Anlegemanöver der Insulaner gesehen. Es sei ein Wellengang, den man als „chaotische See“ bezeichnen würde – die Wellen kämen unberechenbar aus verschiedensten Richtungen.

Es gäbe jetzt eine Alternative, die vorbereitet würde: Die Insulaner würden versuchen, am Nachmittag von ihrem Boot aus über Strickleitern an Bord zu kommen, dabei einige Produkte von der Insel mitzubringen, so dass man einen kleinen Bazar veranstalten könne. Wir haben hier eine Sondersituation, die es nur in dieser Region der Welt geben kann – keine langen Anmeldeformalitäten für alle, die an Bord eines Kreuzfahrtschiffes kommen wollen, ob als Passagier oder Gast. Nein – unser Schiff wird dann von Inselbewohnern geentert … So entsteht ein wenig Seeräuber-Feeling.

Und uns verbleibt jetzt erst einmal der schöne Ausblick auf die Insel, vor uns liegend die Insel-Hauptstadt Adamstown.

Über Tauschgeschäfte und Inselgeschichten wird es im nächsten Reisebericht von Pitcairn gehen.

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