Pitcairn – Seeräuber-Feeling und Adam mit den zehn Frauen

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Insel-Geschichten, Bounty-Meuterei und Tauschgeschäfte
Pazifik-Reise, Bericht 6

Mit der MS Albatros liegen wir vor Adamstown, der Hauptstadt der kleinen Meuterer-Insel Pitcairn, benannt nach demjenigen, der als einziger Mann die Männerfehden auf der Insel nach Ankunft der Bounty überlebte. Unser Schiff steht so ziemlich genau in dem Bereich, auf dem damals die Bounty versenkt wurde.

Trotz strahlendem Sonnenschein können wir nicht anlanden, wegen chaotischem Wellengang rund um die Insel. Aber die Bewohner der Insel, Nachkommen der Bounty-Meuterer, werden einige Versuche erhalten, unser Schiff zu entern – so ein wenig Piraterie durch Griff in unsere Geldbeutel, es soll nämlich einen Bazar mit Inselprodukten geben.

Eigentlich ist das alles so ein wenig passend zur Geschichte der Insel. 1789 erhielt Captain Bligh von der englischen Admiralität den Auftrag, mit einem eigens dafür ausgestatteten Schiff, der Bounty, Setzlinge des Brotfruchtbaums aus Tahiti zu holen. Diese sollten in anderen englischen Kolonien angebaut werden, zur Versorgung der Sklaven, vor allem in der Karibik, da aufgrund der Unabhängigkeitskriege in den Vereinigten Staaten Weizenlieferungen ausfielen und Hungersnöte auftraten.

Auf der Bounty, einem Dreimaster mit etwa 28 Meter Länge, 8 Meter Breite, ging es mit 24 Seeleuten an Bord nach Tahiti. Die Schiffsführung von Bligh war anscheinend so grausam und streng gegenüber den Untergebenen, dass nach der Zuladung der Setzlinge eine Meuterei ausbrach. Der stellvertretende Offizier Fletcher Christian ließ Bligh zusammen mit denjenigen, die sich der Meuterei nicht anschließen wollte, in einer Barke aussetzen – Bligh schaffte es tatsächlich, das kleine Boot über 4000 Seemeilen über den Pazifik bis zur nächsten Kolonialstation zu bringen.

Eine Meuterei wurde von der englischen Admiralität mit dem Tod durch hängen bestraft. Für die verbliebenen Meuterer hieß es daher, einen Zufluchtsort zu finden. Zunächst ging es zurück nach Tahiti, Proviant und Wasser aufnehmen, auch Frauen aus Tahiti mitzunehmen, die sie bei ihrem Aufenthalt kennengelernt hatten – Ziel war, irgendwo eine neue Siedlung aufzubauen, was nur mit familiären Strukturen denkbar ist.

Nach einigen Irrfahrten durch die Inselwelt des Pazifik tauchte – wie bei uns – plötzlich eine Insel am Horizont auf. Für uns gezielt, für die damaligen Seefahrer unerklärlich.

Pitcairn war zwar entdeckt, aber lange nicht mehr bewohnt, als weit weg und uninteressant eingestuft. Aber: Es war auch auf den Karten der englischen Admiralität falsch eingezeichnet, mit einer Distanz von etwa 180 Seemeilen zum richtigen Ort. Also ideal für die Meuterer, da so eine Insel nur per Zufall gefunden werden konnte – was erst 19 Jahre nach der Meuterei auf der Bounty geschah, 1808.

An Bord der Bounty waren die Meuterer, einige Männer aus Tahiti, und die Frauen. Da das Verhältnis von Männern und Frauen nicht ausgeglichen war, gab es die erwartbare Entscheidung durch die Engländer: Jeder der englischen Männer bekam eine Frau, die Männer aus Tahiti mussten sich zu zweit immer eine Frau teilen. Angelandet auf Pitcairn wurde kurz danach die Bounty vor der Insel versenkt – kurz vor der Stelle, vor der wir ankern. Überbleibsel des Schiffes sind geborgen, einige weltweit verstreut, andere in einem kleinen Museum auf der Insel ausgestellt.

Das Alltagsleben auf der kleinen Insel zeigte sich bei dieser Vorgeschichte, der Herkunft der Männer, dem Erfordernis, komplett für sich selbst zu sorgen, als ziemlich konflikthaft. Einer der Engländer fand eine Möglichkeit, aus einer Wurzel Schnaps zu brennen. Die Frau eines Engländers starb, und er wollte den Tahiti-Männern eine der Frauen abnehmen. Solche Auslöser führten dazu, dass die Konflikte eskalierten. Die Männer brachten sich gegenseitig um. Einer blieb übrig, mit zehn Frauen. Es war Adam – daher Adamstown. Adam entdeckte die Bibel, wurde gläubig.

So merkwürdig das kling: Über Generationen lebten die Menschen in Pitcairn unter sich. Fast alle, die heute auf der Insel leben, stammen von den Engländern und den Männern und Frauen aus Tahiti ab, und heute noch gibt es kaum Zuwanderung.

So viel zur Vergangenheit. Zurück in unseren Alltag. Wie schon beim ersten Anlauf tun sich die Pitcairner sich wieder sehr schwer, unser Schiff zu „entern“. Erst nach einigen Versuchen gelingt es ihnen, auf die MS Albatros zu kommen und ihre „Schätze“ auszuladen.

Im Salon stellt uns eine Dame aus Pitcairn die Insel vor, auch ein wenig das Gebiet um die Insel – zum Gebiet von Pitcairn gehören drei weitere, unbewohnte Inseln; um Pitcairn liegt eines der größten Meeresschutzgebiete der Welt. Aktuell leben 52 Menschen auf der Insel; es gäbe eine gute Gemeinschaft, erzählt sie. Der älteste Bewohner sei ihr Onkel, er sei inzwischen 92 Jahre alt – er sei auch derjenige, der vor ganz vielen Jahren eine Kanone der Bounty aus dem Meer geborgen habe. Die Schule wird zur Zeit von drei Kindern besucht. Es gibt ein zentrales Gebäude mit allen wichtigen Ämtern, auch einem Dorfplatz, wo Feste für alle Bewohner gefeiert würden oder auch Vollversammlungen stattfänden; alle zwei Jahre wird so etwas wie ein „Staatschef“ gewählt, der Bürgermeister genannt wird.

An Fahrzeugen gibt es ein paar Quads, vor allem für Transportzwecke. Elektrizität gibt’s vom Dieselgenerator, von morgens 6.00 bis 22.00 Uhr, nur für das Krankenhaus und irgendwelche Notfalleinrichtungen rund um die Uhr. Das Krankenhaus sei hervorragend ausgestattet und es gibt einen Arzt auf der Insel. Sollte einmal etwas nicht vor Ort behandelt werden können, würde es allerdings schwierig.

Gut wäre es, wenn ein Schiff irgendwo so in der Nähe wäre, das den Kranken aufnehmen und zum Beispiel nach Tahiti mitnehmen könne – allerdings kämen Schiffe selten in diese Region des Pazifiks. Im Notfall müsste man mit dem Langboot zu einer Landebahn für kleinere Flugzeuge fahren, zur Insel Hao; vor drei Jahren hätten sie die letzte solche Situation gehabt – von Pitcairn aus bräuchte man dafür etwa 36 Stunden; und von dort aus ginge es dann mit dem Rettungsflieger nach Tahiti … Sind immerhin von Pitcairn aus etwa 2000 Kilometer …

Abfall gibt es auf der Insel kaum. Alles wird kompostiert, verbrannt oder irgendwie wiederverwertet, auch Plastik. Das Hauptproblem sei Plastik aus Mittel- und Südamerika. Es gibt eine Strömung, die den ganzen Müll aus diesen Ländern in Richtung einer der Nebeninseln von Pitcairn treibt, nach Henderson, eigentlich einem Naturschutzgebiet. Dort würden sich Berge von Plastikmüll auftürmen, die immer wieder abtransportiert würden – aber am Folgetag sei schon wieder eine Unmenge angeschwemmt.

Alle Jahre findet auf Pitcairn das große Fest der Inselbewohner statt – die Ankunft auf der Insel. Es wird ein großes Modell der Bounty gebaut, das auf den Fotos, die uns von der Dame aus Pitcairn gezeigt wird, fast so groß ausschaut wie das Originalschiff. Und dieses Modell wird am Festtag an der Stelle verbrannt, an der auch die Bounty brannte. Wir sind etwas traurig, fast sogar ein wenig ärgerlich, als wir hören, dass das Fest gestern gewesen wäre – aber sofort auch wieder versöhnt, als wir hören, dass das Fest verschoben worden sei; die Inselbewohner hätten wegen unserer Ankunft zu viel zum vorbereiten gehabt. Sei nicht tragisch, das mit der Verschiebung, jetzt würde das Fest in ein paar Wochen nachgeholt; würde alles nicht so eng gesehen, wenn es sein müsste, würde auch mal Weihnachten etwas verschoben. Bei 52 Bewohnern ginge das.

Genauso amüsant ist die Nebenbemerkung unserer Referentin aus Pitcairn in diesem Zusammenhang. Obwohl Pitcairn von Meuterern besiedelt wurde, wurde sie zur britischen Kronkolonie – es waren schließlich Engländer – obwohl die Bounty der britischen Admiralität bei der Meuterei entwendet und versenkt wurde, und das alljährlich bei einem großen Fest gefeiert wird, in der britischen Kronkolonie Pitcairn. Diese Art Humor kann man nur als englisch bezeichnen …

Auf der Insel wächst so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. Obst und Gemüse, ohne jegliche Saisonzeit, nach Bedarf. Bananen, Papayas, Mango oder Ananas wachsen wild, auch viele Wurzelgewächse. Alles andere kommt per Frachtschiff, vier mal im Jahr. Wer nicht rechtzeitig bestellt, hat Pech gehabt. Dass Kreuzfahrtschiffe nicht nur für Umsatz bei Holzschnitzereien von der Insel und bei den vielen bunten Inselbriefmarken gut sind, merken wir später noch.

Geschäftstüchtig sind sie, die Insulaner, obwohl sie kaum Gelegenheit haben, Geld auszugeben. Wir kaufen natürlich am Bazar auch ein paar Dinge ein. Die meisten Kreuzfahrer nehmen Holzschnitzereien von der Insel mit, aber auch T-Shirts und Mützen von irgendwoher, aber die tragen zumindest ein Pitcairn-Logo. Wir kaufen einen Honig – er soll der beste der Welt sein, von Bienchen, die nur Inselluft schnupperten und sich an exotischen Blüten austobten. Er schmeckt ungewöhnlich, aber lecker, wie wir später bei einer Probe beim Nachmittagskaffee feststellten – und man braucht eine spezielle Ausfuhrgenehmigung, damit man ihn überhaupt in Neuseeland oder Australien einführen kann. Danach werden noch ein paar Briefmarken gekauft, keine der bunten neuen Massenproduktion, sondern ein paar alte. Preis ziemlich ordentlich .

Dann noch etwas mit einem Pitcairner unterhalten, auch die Anmerkung angebracht, dass er das viele Geld, was er jetzt verdienen würde, wohl kaum auf der Insel ausgeben könne – dafür die Antwort erhalten, man habe ja schließlich Enkel, er welche in Neuseeland, die es ganz gut brauchen könnten.

Natürlich haben wir uns – gegen Bezahlung der Inselgebühren – noch einen Pitcairn-Visum in den Reisepass machen lassen, von zwei Uniformierten aus Pitcairn, die sicherlich im Alltag viele Jobs haben. Heute haben sie für Passformalitäten eine neuseeländische Zoll-Uniform an – für einige der hoheitlichen Aufgaben auf der Insel ist Neuseeland zuständig, hier kommt noch der alte Commonwealth durch. Schließlich sind wir ja mitten im Pazifik in England, im Hoheitsgebiet einer englischen Kronkolonie.

Gegen drei Uhr nachmittags packen die Pitcairner wieder ein. Über die Strickleiter geht es mit all dem, was vom Bazar übrig geblieben ist, ins Boot. Mitgebracht haben sie für Tauschgeschäfte mit dem Schiff eine Menge Insel-Bananen, Passionsfrüchte und Mangos – vom Schiff bekommen sie all das, was bei ihnen in den nächsten Wochen fehlt, uns fallen Getränke in Dosen, Bier, Cola und anderes, ein paar Flaschen Whisky, ein Berg Toilettenpapier und Kartoffeln auf. Kartoffeln wundern uns – aber da gab es anscheinend wegen Trockenheit eine Missernte auf der Insel.

Die Pitcairner fahren mit ihren Booten zurück zu Insel. Für uns gibt es als kleinen Trost dafür, dass nicht an der Insel angelegt werden konnte, eine geruhsame, langsame Inselumrundung, bei der wir uns bei schönstem Sonnenschein rundum noch einen Eindruck verschaffen können von all dem, was das Alltagsleben auf der Insel bestimmt – die kleine Ortschaft, oben am Hang die Schule und das Krankenhaus, kleine Wiesen, Gärten und Felder, steile Abhänge und Klippen, Bananenplantagen, Palmen, kleine Wälder und viel Gestrüpp. Sicherlich nicht unangenehm und beschaulich, das Leben auf der Insel, sonst wären diese 52 Leute nicht mehr da. Aber bei der einsamen Lage mitten im Pazifik ganz sicher auch nicht ganz einfach.

Aber eine traumhafte Insel, soweit wir das von draußen auf dem Schiff sehen können …

Für uns geht es aber weiter, ein paar Tage über die weite Wasserlandschaft des Pazifik, bis wir die erste der polynesischen Inseln erreichen werden.

Und Abschluss des Berichts aus Pitcairn noch eine besondere Info: Lydia meinte, damit sie sich das später mal selbst auch glaubt, dass sie da war, müsse sie sich eine Postkarte aus Pitcairn schicken, mit Poststempel, somit auch mit Datum …

Der nächste Bericht von der Pazifik-Überquerung wird von der Insel Fakarava sein, einem Atoll, das zu Französisch Polynesien gehört.

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