Santiago – Insel der Sklavenhändler

Kapverden, die Vulkaninseln vor Afrika

Kanaren und Kapverden, Reisebericht 3

Oft ist von der landschaftlichen Schönheit und Vielfalt der Kapverdischen Inseln zu hören. Jetzt haben wir die Chance, uns wenigstens einen kleinen Eindruck zu verschaffen, von der von Vulkanen geschaffenen Inselkette mit unterschiedlichster Vegetation, einst unbewohnt – und dann Jahrhunderte lang Dreh- und Angelpunkt des Sklavenhandels der Portugiesen.

Wir sind jetzt ziemlich weit im Süden angekommen; die Kapverden liegen zwischen dem nördlichen Wendekreis der Erde und dem Äquator. Der afrikanische Kontinent ist etwa 500 Kilometer entfernt; im Osten der Kapverden liegen der Süden Mauretaniens und der Norden Senegals. Die Insel Santiago, wo wir zuerst anlegen, liegt in etwa auf Höhe von Dakar.
Wie ein Hufeisen, zum Atlantik hin offen, liegen die 15 Vulkaninseln der Kapverden. Da sich die Erdplatten, die hier zusammentreffen verschieben, wanderten auch die vulkanischen Hotspots, verschoben sich damit auch die Stellen, an denen die Vulkane ausbrachen, im Laufe der Jahrmillionen. Je weiter eine der Inseln im Westen liegt, desto jünger ist sie. Etwa eine halbe Million Einwohner haben die Inseln; gesprochen wird kreolisch, Amtssprache ist portugiesisch.

Wer Zeit hat, verschiedene kapverdische Inseln zu besuchen, erlebt große Kontraste. Die Inseln mit höheren Bergen wie die Insel Santiago sind so hoch, dass die Bergketten für Regen sorgen, haben damit sandig-steinige Küstengebiete und ein ziemlich grünes Hinterland. Andere Inseln sind so niedrig, dass die Wolken über sie hinweg ziehen; sie verfügen zum Teil nicht einmal über eigenes Trinkwasser.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt wie so ziemlich überall in der Welt kein sonderlich positives Bild der Europäer. Entdeckt wurden die Inseln um 1460 von den Portugiesen, waren zunächst wegen Trockenheit und keinerlei Möglichkeiten, irgend etwas auszubeuten, uninteressant – aber nur für ein paar Jahre.

Bereits 1466 erhielt diese portugiesische Kolonie das königliche Monopol für den Sklavenhandel aus Afrika. Ab diesem Zeitpunkt nutzten die Portugiesen die Inseln als zentralen Handels- und Umschlagplatz für Sklaven. So ungewöhnlich dies klingen mag: Diese Ausgangssituation zeigt sich heute noch – vor allem an den Gesichtern der Menschen, die offensichtlich vor allem aus unterschiedlichsten Regionen Westafrikas stammen.

Die heute auf den Kapverden lebenden Menschen sind bedingt durch den Sklavenhandel über Jahrhunderte aus unterschiedlichsten Regionen der Welt zusammengekommen und haben sich dann durchmischt. Man sieht unterschiedlichste Gesichtszüge, Hautfarben, Haarstrukturen, Körperstaturen. All das zeigt sich in bunter Vielfalt – eine wirklich multikulturelle Gesellschaft.

Tatsächlich nutzten die Europäer die Inseln noch bis 1854 für den Sklavenhandel – also noch in einer Zeit, als in Europa schon längst Bürgerrechte diskutiert und Menschenrechte eingefordert wurden und die industrielle Revolution begonnen hatte.

Auch die anschließende Kolonialzeit brachte keine Ruhe; so errichtete Portugal während der Zeit der portugiesischen Militärdiktatur zum Beispiel auf der Insel Santiago ein berüchtigtes Gefängnis, vor allem für politische Gefangene, und das wurde noch bis zum Ende der Kolonialzeit 1974 genutzt – dieses Gefängnis in Tarrafal kann heute noch als Gedenkstätte besichtigt werden. 1973 bis 1975 gab es von politischen Gruppierungen der Kapverden gleich drei Unabhängigkeitserklärungen, die letztlich aber nur einmündeten in eine Einparteiendiktatur. Erst seit 1990 gibt es, nach einer Verfassungsänderung, ein Mehrparteiensystem und die Republica de Cabo Verde.

Vom Schiff aus geht es zu Fuß die knapp drei Kilometer in die Innenstadt; wir haben kein Interesse am Shuttlebus, vielleicht gibt es ja unterwegs etwas zu entdecken. Direkt am Hafenausgang steht ein Polizist, streng geradeaus blickend wie ein Wachtposten vor einem Palast. Ein freundlicher Gruß kann ihn nicht aus der Reserve locken, kein Blick zu uns, schon gar kein Gegengruß oder ein Lächeln. Schon von hier aus sehen wir alle paar hundert Meter einen Polizisten stehen, immer an „strategisch wichtigen“ Punkten – soll vielleicht Sicherheit vermitteln. Für uns drückt es eher das Gegenteil aus, haben wir doch auf dem Schiff gehört, man solle auf den Gelbeutel achten und bei einem Überfall keine Gegenwehr leisten. Kann uns aber wenig beeindrucken. Wir grüßen mal jeden freundlich, der uns begegnet.

Kurz nach dem Hafenausgang kommen wir am Fischereihafen vorbei. Vor dem Eingang stehen dichte Menschenmengen. Es wird lautstark diskutiert und gestikuliert.

Das Eingangstor ist offen, viele Menschen gehen durch. An der Seite stehen ein paar Uniformierte – und wir sollen gleich mal Eintritt bezahlen, dürfen nicht wie alle anderen einfach durchgehen. Wollen wir nicht, so ein wenig aus Prinzip, aber auch, weil wir noch kein Geld gewechselt haben und auch schon vor dem Tor ein paar mal um Geld angegangen wurden. Schade finden wir das schon, dieser Fischumschlagplatz wäre sicher interessant gewesen.

Ein Stück weiter an der Uferpromenade scheint der Platz zu sein, an dem Meeresschneckenfischer oder -sammler regelmäßig die Schnecken aus ihren Häusern knacken – anders kann man sich das nicht vorstellen, wenn man sich die stabilen, massiven Schneckenhausreste genauer anschaut. Zwei Frauen sind gerade fertig und machen sich auf den Weg in Richtung Stadt.

Vorbei an einer Coca-Cola-Abfüllstation geht es an einem kleinen Fluss in Richtung Innenstadt. Das wenige Wasser, das fließt, hat ziemlich unterschiedliche Farbgebung, die auf alles hindeutet, nur nicht auf Wasser. Teilweise steht Schaum oben auf, und es riecht schrecklich nach einer Mischung von Schwefel und Kloake. Das nicht sonderlich saubere Rinnsal kommt von weiter oben; der größte Zulauf kommt aus der Abfüllstation.
Wir entschließen uns, wie einige derjenigen, die sicherlich in Praia wohnen, auch durch die Senke zu gehen, in Richtung Altstadt, die oben vor uns auf einem kleinen Plateau liegt.

Oben angekommen, gehen wir ein wenig kreuz und quer durch die Gassen, wechseln einige Escudos ein und setzen uns in ein Staßencafè. Die junge Dame, die den Service macht, hat vergessen, das Schild umzuhängen „please do not disturb“. Wir genießen trotzdem unseren Kaffee mit Blick auf einen stylischen Friseurladen und laden noch eine sehr alte Dame, die auf einem Stock gestützt gerade sehr langsam um die Ecke kommt, auf eine Tasse Kaffee ein – schade, dass wir uns nicht auf irgendeine Weise mit ihr unterhalten können.

Wir steuern nun in Richtung Markthalle. Über all das, was wir in der Halle und drum herum entdecken, wird es im nächsten Bericht gehen – über ein vielseitiges, qualitativ hochwertiges Angebot an den Marktständen, über gut und stilvoll gekleidete Einheimische – und über die im Vergleich dazu eher abschreckenden Touristen.

Im nächsten Bericht wird es darum gehen, was es in Praia und auf dem Markt alles zu entdecken gibt – und auch darüber, wie stilvoll die Einheimischen und wie stillos Touristen unterwegs sein können.

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