São Vicente – Alltagsleben in Mindelo

Zwischen Armut, Lebensqualität und Lebensfreude

Kanaren und Kapverden, Reisebericht 6

Der Vorsatz steht – nicht nur die Inselstadt Mindelo anschauen, sondern möglichst auch einiges von der Insel sehen. So richtig anfreunden wollten wir uns nicht mit einem Gruppenausflug; aber da es kein Auto zu leihen gab, buchten wir kurzfristig einen ganztägigen AIDA-Ausflug.

Kurz vor neun Uhr geht es los, mit einem Kleinbus; wir haben Glück, es ist der zweite Bus für dieses Ausflugsangebot, und der ist nicht voll belegt.

Nur ein kurzes Stück geht es die Uferstrecke entlang bis zur Ortsmitte. Schon die erste Strecke zeigt einen farbenfrohen, ziemlich quirligen Ort; so richtig viel los ist auf den Fußgängerwegen. Viele sind unterwegs, einige stehen in Gruppen und unterhalten sich, an anderen Stellen wird irgendetwas verkauft.

Die Häuser sind bunt und strahlen in allen möglichen intensiven Farben, viele nicht nur einfach farbig, sondern mit Motiven bemalt. Gleich in der Ortsmitte sieht man eine Hauswand, auf der eine der berühmtesten Künstlerinnen der Insel abgebildet ist, die Sängerin Cesária Évora. Typische Kolonialbauten wechseln sich mit ebenso bunt gestrichenen Neubauten ab. Zwischen relativ einfachen Häusern sieht man einige Barockbauten und welche, die noch aus Zeiten stammen, in denen die Stadt befestigt wurde. Irgendwie erinnert das alles an die Karibik.

An der Befestigungsanlage geht es vorbei zur Fischmarkthalle. Hier gibt es eine unglaubliche Auswahl an Fischen, bunt, schillernd, in allen Farben. Die einen intensiv orange mit türkisen Punkten, die anderen mit einem bunten „Auge“ am Schwanz, wieder andere silber mit blauen Längsstreifen, die Muränen schwarz-gold mit einem Muster und einer Form, als wären sie als popige Krawatte aus der Flower-Power-Zeit übriggeblieben.

Eine Frau zerlegt gerade einen Thunfisch; neben dran liegen noch ein Merlan und ein Schwertfisch. Als ich mir die Fischstücke genauer ansehe, erklärt sie mir irgend etwas – ich glaube zu verstehen, dass das sehr gute Fische seien, gerade frisch gefangen. Und als ich bewundernd zustimme, schaut sie sich ihren Thunfisch genauer an, wählt gezielt eine Stelle aus und gibt mir eine kleine Scheibe zum probieren. Frischer geht’s nicht. Anderwo bestellt man sich teures Thunfisch-Sashimi …

Da wir mit der Gruppe unterwegs sind, muss ich mich schon wieder sputen, damit ich den Anschluss nicht verliere – so ein wenig weh tut das schon, hier nicht mehr Zeit zu haben, vor allem wenn man weiß, dass man irgendwann wieder viel Zeit verplempern muss beim Warten auf irgendein Essen, oder bis alle etwas ausgetrunken haben, oder lange genug vor einem Örtchen angestanden haben, vor dem sich bei Gruppen immer Schlangen bilden.

Und so renne ich durch den Rest des Marktes, vorbei an dem Bereich, in dem die Fische küchenfertig geputzt werden.

Zügig geht es vorbei auch an der Markthalle, in der das Gemüse angeboten wird. Ich erlaube mir ein paar Schritte hinein. Wie auch schon in Praia zeigt sich eine große Vielfalt an Gemüsesorten, eine unglaubliche Frische und eine Qualität, die ihresgleichen sucht.

Traumhaft, da würde man am liebsten einen Importhandel aufziehen; bei einem solchen Angebot könnte keiner konkurrieren. Gleich am Eingang lässt mich eine ältere Dame an grünen Paprikas schnuppern. So kann Paprika riechen, und dementsprechend wird diese Paprika auch schmecken.

Tja, und dann ist er schon erreicht, der Ort, an den alle Touristen geführt werden, der Marktplatz für die Touristenware. Kleidung, Ketten, Muscheln, Dekokunst und solche Dinge – wir haben jetzt Zeit zur Verfügung, das alles anzuschauen. Zum Glück ist ein kleines Stück weiter noch ein kleiner Marktbereich, in dem Frauen Bananen verkaufen; rund um den Platz sind auch einige kleine Straßen, die man ein wenig erkunden kann.

In einer Häuserzeile steht eine Doppeltür offen. Wir wissen nicht so recht, ob es sich um eine Privatwohnung oder um ein Lokal handelt. Neugierig geschaut, und wir werden hinein gebeten. Es ist tatsächlich ein kleines Restaurant in einem Innenhof, sicherlich nur für Einheimische. In einem Mini-Unterstand ist eine Küche untergebracht.

Davor sitzen zwei Frauen, die gerade Fleisch und Gemüse vorbereiten, für einen Eintopf, so wie es aussieht. Und im Hof ein paar Tische, an denen gegessen werden kann. Leider ist noch nicht Essenszeit – und somit gibt’s auch noch nichts zum probieren.

Ein paar Häuser weiter ist dann noch einmal eine solche Doppeltür. Dahinter war dann ein Obst- und Gemüseladen versteckt. Wir schauen uns etwas um, zwischen einem umfangreichen, mehr oder weniger frischen Angebot, zwischen Yamswurzelbergen, Kartoffelkisten, Orangen und Khakis. Zwischendrin liegen auch exotischere Dinge wie Tamarinden und Muskatblüten. Und auch bei den Bananen gibt es eine breitere Auswahl, nicht nur die normalen Essbananen und die Kochbananen, sondern zum Beispiel auch die roten Bananen. Davon kaufen wir uns ein paar.

Es geht weiter durch den Ort, in Richtung der alten katholischen Kirche. Auf dem Weg dorthin folgt natürlich die bei einem Gruppenausflug immer unverzichtbare Besichtigung einer Produktion für lokales Kunsthandwerk. Produziert wird in solchen Produktionsstätten in der Regel wenig, lieber verkauft. So auch hier.

Neben uns geht schon einige Zeit ein älterer Herr, ziemlich einfach, auch verschmutzt. Er fragt nach Geld; ich gebe ihm einige Münzen. Von unserem Guide haben wir schon mitbekommen, dass es nicht nur einen ziemlich niedrigen Lebensstandard im Land gibt, sondern auch große Armut. Die meisten Bewohner der Inseln würden Subsistenz-Landwirtschaft betreiben was heißt, dass so ziemlich alles, was angebaut wird, fast nur für den Bedarf der eigenen Familie ausreicht; nur was übrig bleibt, würde auf der Straße oder in den Märkten verkauft, letzteres vor allem von denjenigen, die über mehr bewirtschaftbares Land verfügen. Die Armut sei insbesondere in der Stadt größer, da Grundstücke für den Anbau fehlen würden.

Wir kommen an der Kirche an. Davor sitzen ein paar ältere Leute. Auf einer Bank nebenan in einem Park spielt eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern. Noch denken wir wie Zuhause: Wir haben noch zwei Bananen übrig. Vielleicht mögen die beiden Kindern diese. Wir geben diese weiter, und die Kinder fallen fast darüber her. Sie sind hungrig.

Vor der Kirche wird die Situation zumindest für uns dann mehr als merkwürdig. Da stehen wir in einer Gruppe von Touristen, die sich eine Kreuzfahrt geleistet haben, und gerade eben obendrauf noch einen Ausflug, der pro Person dem durchschnittlichen Monatseinkommen eines Einwohners der Kapverden nahekommt. An der Straßenecke vor der Kirche haben wir aus einer kleinen Bäckerei noch frisch gebackenes Brot geschnuppert – auf den Inseln eine teure Angelegenheit, da hier kein Getreide wächst. Jetzt stehen wir vor einer neu renovierten Kirche, mit welchen Mitteln auch immer unterstützt. Und vor dieser Kirchentür sitzen sichtbar arm sechs Frauen und Männer; zwei davon fragen vorsichtig nach etwas Geld – bekommen natürlich von niemandem etwas.

Ich möchte eigentlich etwas geben, weiss aber nicht so recht wie. Münzen habe ich nicht so viele, dass ich jedem etwas geben könnte, kleine Geldscheine noch weniger. Dem einen etwas, dem anderen nichts, das geht definitiv nicht. So einfach Geld verteilen ist an sich komisch.

Ziemlich spontan entschließe ich mich, in die Bäckerei nebenan zu gehen und für jeden, der da sitzt, ein kleines Brot zu kaufen. Gemacht, getan, verteilt. Die Tüte einfach einem geben, das wollte ich nicht – schließlich soll jeder was haben und nicht der erste mit der vollen Tüte wegrennen. Man kann die Situation ja kaum einschätzen.

Irgendwie kommt man sich ziemlich komisch vor, so Brot zu verteilen – aber alle haben sich richtig darüber gefreut. Während ich verteile, vermehrt sich die Gruppe der Bedürftigen. Ein zweiter Weg zur Bäckerei. Es sind tatsächlich noch vierzehn Personen mehr geworden. Also noch mal Brote gekauft. Während ich zahle, stellt sich in der Bäckerei eine ältere, gepflegt aussehende Dame, neben mich; sie zeigt auf ein Brot, deutet so darauf hin dass ich glaube zu verstehen, dass das gut schmecken würde. Ich pflichte ihr bei und verstehe erst im Nachgang, dass sie sich ein solches Brot wünschen würde aber nicht leisten kann. Gekauft, weitergegeben, sie freut sich.

Vor der Kirche komme ich wieder mit meiner großen Brottüte an. Wieder bin ich in der komischen Rolle des Brotverteilers. Und wieder überraschen mich die Frauen und Männer. Alle, die schon etwas hatten, lehnen ein weiteres Brot ab und zeigen auf diejenigen, die noch nichts haben – jeder soll etwas bekommen. Als am Schluss ein Brot übrig bleibt, zeigt eine der Damen um die Ecke auf einen älteren Herrn, der anscheinend noch nichts hatte.

Währenddessen steht unsere Ausflugsgruppe in gehörendem Abstand zum Geschehen und schaut aus der Distanz, was da passiert, nicht zwingend begeistert, eher stirnrunzelnd, weil ich die Zeit der Gruppe verplempert habe. Die einzige positive Rückmeldung für mich gab’s von der ältesten Mitreisenden, einer sehr alten Dame, die sich sehr angetan zeigte. Sie wollte sich sogar an meinen Ausgaben beteiligen.

So endet der erste Bericht aus Mindelo in einer etwas nachdenklichen Stimmungslage.

Auch der nächste Bericht wird wieder aus Mindelo kommen, mit vielen Eindrücken von der Stadt und Fotos von zum Teil sehr skurrilen Kunstwerken.

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