London 1976 – leuchtende Reklame, rußige Fassaden, Döner und Kebab

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Ein wieder entdeckter Reisebericht – Rückblick Teil 1

Wer aufräumt, findet manche kleine Überraschung – wie zum Beispiel einen längst vergessenen Reisebericht aus dem Jahr 1976, der schon nicht mehr in Erinnerung war. Wie damals üblich, hat man ein Album angelegt, Reiseberichte handschriftlich verfasst, dazu Fotos gemacht, die längst verblichen sind, Postkarten und Eintrittskarten gesammelt, dazu Flugtickets und Hotelvoucher.

Dieser Reisebericht über London bietet einen Rückblick. Eindrucksvoll war damals nicht nur all das, was es in London zu sehen gab, sondern auch schon die Anreise. Sicherlich ist vieles so geschrieben, wie man es damals so hinbekommen hat – eben Eindrücke von der ersten Flugreise, aus dem beschaulichen Süddeutschland kommend in eine der damaligen großen Weltmetropolen. Immer wieder erstaunlich, was beeindruckend war – ob von Autoabgasen und vom Ruß geschwärzte Fassaden bei den historischen Bauwerken, zerfallene alte Fabrikgebäude im Innenstadtbereich, bunte und flackernde Leuchtreklame an den Hauswänden, ziemlich schlappes dunkles Bier, oder was es zu Essen gab, ob englisch oder (bei uns noch relativ selten) italienisch oder (bei uns noch ganz fremd) so etwas wie ein Döner.

Das alte Quartier mit viel Atmosphäre, in dem wohnten, mit einem kleinen Hotel neben dem anderen, gibt es heute noch – und Google Street View zeigt das Gebäude, inzwischen schön weiß gestrichen, immer noch als kleine Pension mitten im Stadtteil Paddington, am Norfolk Square – während vieles andere, das wir damals gesehen haben, längst modernen, stylischen Bank- und Versicherungsgebäuden weichen musste.

Zum damaligen Text in der Fassung von 1976 gibt es einige (teilweise vergilbte) Fotos aus dem Fotoalbum – und somit viele Eindrücke davon, wie man London vor mehreren Jahrzehnten erleben konnte.

22. Juli bis 1. August 1976 – ein „alter“ Reisebericht:
Urlaub in London

Beim Reisebüro Wahl habe ich eine recht günstige Reise nach London ausgemacht.

Dietmar (Anmerkung: mein Bruder) war auch sogleich davon begeistert, und so wurde eine Flugreise mit der Air-Conti gebucht. Als endlich von uns aus alles klar war, gabs von der Reisegesellschaft plötzlich unerwartete Schwierigkeiten: sie hatten vergessen, unsere Zimmer anzumelden. Große Aufregung. Ein Tag vor dem Flugtermin kommt endlich die endgültige Aussage, daß Zimmer gefunden sind. Nun kanns also doch losgehen. Koffer werden gepackt. Möglichst wenig sollen sie wiegen, da wir einkaufen wollen und auf der Rückreise nur 15 kg Gepäck mitnehmen dürfen.

22. Juli 1976:
Anreise und eine Unterkunft im alten Quartier

Um ein Uhr Start mit dem Omnibus nach Ulm. Von dort aus fuhren wir mit dem Zug nach München. Der Flughafen-Bus brachte uns in einer halben Stunde zum Flughafen Riem.

Dort erwartete uns Schlangestehen am Schalter der Bavaria, mit der wir hinflogen. Die Koffer wurden aufgegeben. Um halb 7 fährt uns der Flughafenomnibus endlich zum Flugzeug hinaus, einer zweistrahligen Maschine vom Typ BAC 1-11. Einstieg über die Rolltreppe. Wir saßen ziemlich günstig. Siebte Sitzreihe, Fensterplätze. Nach einigen Warteminuten hieß es nun anschnallen. Langsam rollte die Maschine aufs Rollfeld. Beim Start war es toll, neben sich den Boden langsam verschwinden zu sehen. Die Maschine stieg bis auf 9.000 m Höhe und flog dort mit 800 km/h Geschwindigkeit auf England zu. Kurz bevor diese Reiseflughöhe erreicht war, ließen wir die Nebeldecke unter uns und flogen im strahlenden Sonnenschein. Draußen hatte es minus 38 Grad. Kaum oben serviert uns schon eine Stewardess ein Abendessen. Getränke konnten zollfrei eingekauft werden.

Der Flug dauerte etwa 1 ½ Stunden. Zielort Luton, ca. 40 km nördlich von London. Luton ist ein Charterflughafen, recht klein. Dort mussten wir eine „Einwanderungskarte“ ausfüllen, um das „United Kingdom“ besuchen zu dürfen.

Am Flughafen erwartete uns der Bus, der uns nach London brachte. Erste Station Piccadilly, dort Umstieg ins Taxi, das uns ans Hotel brachte. Die ersten Verständigungsschwierigkeiten tauchten auf, da im Hotel kein Wort Deutsch verstanden wurde. Endlich waren wir nachts gegen ½ 11 im Shannon-Hotel untergebracht. Wir waren in einem 4-Bett-Zimmer, das recht sauber war, dafür aber recht baufällig aussah. Die Schilder an der Wand „Bitte nicht anlehnen“ fehlten aber. Im Großen und Ganzen waren wir also mit unserer Behausung zufrieden. In Anbetracht der Olympiade war der Fernseher im Aufenthaltsraum günstig (hauptsächlich für Sendungen ab 11 Uhr abends).

Als wir uns eingerichtet hatten, gingen wir auf Erkundung in die Umgegend. Da waren wir erst begeistert, in den ersten Straße neben unserem Hotel gleich 16 Pubs, von der Sandwich-Stube angefangen bis zum Restaurant. Teilweise boten sie ein bisschen abenteuerliche Speisen an. Ein wenig Angewöhnung an das englische Essen wird wohl nötig sein. Günstig waren auch die beiden U-Bahn-Stationen, die kaum 100 m vom Hotel entfernt waren.

23. Juli 1976:
Madame Tussauds Wachsfiguren und englisches Essen

Wir sind schon um 9 Uhr aufgestanden. Mit der U-Bahn starteten wir zum Piccadilly-Circus, der am Tag nicht halb so interessant ist wie bei Nacht. Wie auf den Postkarten festzustellen ist, wechselt die Werbung sehr oft. Um den Circus herum sind nette Straßen mit lauter kleinen Lädelchen, in denen das Einkaufen viel Spaß macht. Die typischen Großkaufhäuser fehlen vollkommen. Anschließend marschierten wir kreuz und quer durch Soho. Die Carnaby-Street ist wieder eine typische Einkaufsstraße. Einkaufsmöglichkeit an Einkaufsmöglichkeit. Diese Straße sieht auch durch den bunten Straßenbelag recht malerisch aus.

Von dort gingen wir weiter nördlich durch Portland und Baker Street zu Madame Tussauds. Vor dem Wachsfigurenkabinett standen Menschenschlangen. Es war verblüffend, wie lebensecht die herumstehenden Figuren drinnen abgebildet waren. Die Sammlung ist aufgegliedert in drei Hauptbereiche; 1. Schauspieler, Schriftsteller o. ä., 2. Politiker, vor allem Engländer, 3. „Kammer des Schreckens“, in dem Verurteilte ausgestellt sind samt ihren Mordwerkzeugen. Wir waren sage und schreibe über zwei Stunden mit Wachsfiguren beschäftigt.

Daraufhin gabs endlich Mittagessen, englische Sandwichs. Nächstes mal, wenn ich nach England komme, nehme ich Gewürzstreuer mit, die ich dann in die Tasche stecke. Die Engländer müssen erst mal Würzkurse mitmachen, alles schmeckte fad.

Nach einer Kartenschreibpause im Regents Park hatten wir einen langen Weg durch Regents- und Piccadilly Street zu einem London-Informationsstand, an dem wir Karte und verschiedene Broschüren erhielten. Mit dem Bus fuhren wir zurück zum Hotel. Danach Abendessen in einem italienischen Restaurant. In England schmeckt die Pizza würziger (!!!). Am Abend hörten wir noch einer Rockband im nahe gelegenen Pub zu und tranken englisches dunkles Bier. Grrr …, süßlich, einfach untrinkbar. Uns wurde Carlsberg, ein schwedisches Bier, empfohlen.

24. Juli 1976:
Flohmarkt in der Portobello Road und der Trafalgar Square

Für diesen Tag hatten wir uns einen Einkaufsbummel durch Regents- und Oxfordstreet vorgenommen, da noch „Sale“, Sommerschlussverkauf, war. Schließlich wurden Hemd, Hose, Pullover gekauft, alles günstig, da Kleidung in England nur die Hälfte des deutschen Preises kostet. Nach einem Umweg übers Hotel besuchten wir den größten Floh-Ramsch-Markt, den ich je gesehen habe. Die Portobello-Road, kilometerlang, war ein einziger Flohmarkt. Stand an Stand. Alles war zu haben, Kruscht, Lederwaren, Kleidung, Obst …

Anschließend machten wir eine Taxifahrt quer durch London zum Trafalgar Square. An diesem Platz sind Menschen aller Hautfarben samt Schattierungen zu sehen. Der Square ist umgeben von Kirchen, Nationalgalerie und Geschäftsstraßen. Auf ihm steht das Nelson-Denkmal, 55 m hoch. Vom Trafalgar Square geht eine Straße direkt auf das Parlamentsgebäude und die Themse zu. Dort liegen die Häuser der höheren englischen Politiker, vor denen Bobbys herumstehen. Wir spazierten dann noch ein Weilchen auf den Ufermauern und warfen ein paar Blicke auf das Parlamentsgebäude. Vor dort aus nahmen wir ein Taxi zur Speakers Corner.

Dort sprach ein Neger (Anmerkung: das war damals tatsächlich noch üblicher Sprachgebrauch) über die Bibel. Ich war überrascht, wie viele Leute zuhörten.

Anschließend noch ein kleiner Rundgang durch den Hyde Park. Wir gingen an der Serpentine entlang bis zum Lancaster Gate, von dem wir nur noch 10 Minuten zum Hotel hatten. Abends waren wir noch eine Weile im Pub, danach schauten wir uns einen Kriminalfilm im Fernsehen an. Der große Durchblick fehlte leider.

25. Juli 1976:
Parlament, Big Ben und der Hyde Park

Spaziergang durch Whitehall-Street. In der Downing-Street die Wohnung des Premierministers. Die ganze Straße ist gesäumt von Denkmälern. Am Eingang zur King Charles Street steht ein interessanter Torbogen. Ein Stück weiter stehen Tag für Tag die Horse Guards.

Am Ende der Straße liegt der Parliament Square, an dem auch der Zugang zur Westminster Abbey ist. Von außen macht die Kirche einen denkbar schlechten Eindruck, die ganzen Wände sind schwarz vor lauter Abgasen.

Der Innenraum ist voll von Altären, Denkmälern, Grabplatten. Besonders die Glasfenster sind sehr schön. In den „Abbey Treasures“ sind alte Kirchenschätze zu bewundern. Von der Westminster Abbey aus schauten wir uns das Parlamentsgebäude noch mal ausführlicher an. Es ist wirklich ein ganz toller Bau, leider aber auch total verschmutzt.

Nebenan in den Queen Victoria Gardens machten wir kurze Rast und schrieben auch die fälligen Postkarten. Briefe waren mir viel zu lang. Unsere Briefmarken hatten wir dieses mal aus dem Automaten.

Dann gings weiter. Eine kerzengerade, rot geteerte Straße führt auf den Buckingham Palace zu. Vor dem Palast steht, wie überall an größeren Plätzen, das übliche Denkmal.

Sonst ist der Palast nicht unbedingt sehenswert, ein eintöniger Bau. Nebenan beginnt der Green-Garden, wieder einer der großen Parks. Wir waren überrascht, als wir den Flohmarkt rund um den ganzen Park entdeckten. Bemerkenswert war, daß es diesmal keinen Ramsch gab, sondern lauter brauchbare Sachen. Anschließend aßen wir im Pancake House, jedoch keinen Pancake, sondern bacon and eggs.

Weiter gings wiederum mit einem Flohmarkt, rings um den Hyde Park herum. Es ist erstaunlich, wie viele Stände es gibt. Hauptsächlich die Portrait-Maler gefielen mir, in null-komma-nichts hatten sie ihre Bilder fertig. Ihre Zeichnungen hatten verblüffende Ähnlichkeit mit den Modellen. Außerdem wurden viel Lederwaren verkauft, jedes Stück handgeprägt und somit anders. Um 19 Uhr war der Flohmarkt zu Ende und wir begaben uns in das Innere des Hyde Parks. An der Speakers Corner stand ein Menschenauflauf. Unzählige Sprecher lockten die Spaziergänger an. Wir hielten uns dann noch lang im Park auf, so daß wir den Sonnenuntergang an der Serpentine noch anschauen konnten.

Wieder ein Abend im „Western Counties“. Zum Abendbrot aßen wir im „Kebab-House“. Es gab „Doner“, geschnetzelte Lammstücke vom Riesengrill in einer Art Pfannkuchentasche mit Zwiebeln und Salaten (Anmerkung: Döner gab’s 1976 bei uns noch nicht). Danach schauten wir uns noch ein Weilchen die Olympiade an.

Im nächsten Teil des Berichts wird es um weitere Entdeckungen in London gehen, in Parks und vor allem im British Museum, und um einen Ausflug nach Windsor Castle.

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