London 1976 – Paläste, Kerker und das Britische Museum

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Ein wieder entdeckter Reisebericht – Rückblick Teil 2

Weiter geht es mit dem Reisebericht aus dem Jahr 1976 – eine für uns damals unglaublich erlebnisreiche Stadt. Musik-Pubs und Kneipen, Museen und prachtvolle Gebäude – alles mit dem Charme der Vergangenheit befrachtet, und doch in einem Aufbruch in eine neuTe, weltoffenere Zeit. Wir schwelgen ein wenig in diesem Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Zukunft.

26. Juli 1976:
London Tower, Tower Bridge und graue Fabriken

An diesem Tag fuhren wir mit der U-Bahn zum Tower, die längst Fahrt, die überhaupt möglich war. Das übliche Schlangestehen erwartete uns am Eingang. Taschendurchsuchung als Sicherheitsmaßnahme, diesmal sehr genau, weil sich die Cola-Büchse verdächtig anfühlte.

Wir spazierten durch die verschiedenen Gässchen und Gänge zum White Tower, in dem ein riesiges Museum untergebracht ist. Alte Waffen, Rüstungen, man findet fast kein Ende. Auf dem Towergelände mache sie heute noch Ausgrabungen. Man konnte den Archäologen beim buddeln zuschauen. Den Kronschatz schauten wir uns nicht an, da hierfür ein stundenlanges Anstehen nötig gewesen wäre. Auf dem ganze Towerglände kann man stundenlang Spaziergänge machen und die vielen kleinen Türme und Häuschen anschauen. Überall stehen auch die Posten herum, davon gleich drei Sorten: die mit der Pelzmütze, welche mit roten Gewändern und flachen Zylindern, weitere in schwarzen Umhängen.

Daraufhin gingen wir noch über die Tower Bridge, bei der sie die Stahlträger nun himmelblau anmalen. Aber in dieser Ecke der Stadt ist London wirklich trostlos. Schmutziggraue Fabrikbauten, Häuserblocks mit der gleichen Farbe. Uns hielts also nicht lange.

Auf in die U-Bahn und zum Charring Cross. Dort machten wir Vesperpause in den Embarkment’s Gardens, in denen zur gleichen Zeit ein Konzert war. Anschließend ein längerer Marsch durch kleine Gässchen zum Trafalgar Square und von dort zur London Information, da wir mittlerweile einen Ausflug nach Windsor planten.

Nach einem Gang durch Piccadilly Road war wieder unsere Kartenschreibpause im Hyde Park fällig. Hier schickten wir auch eine Karte ans Reisebüro Wahl, da die beiden Bürodamen sich sicher für untere Unterbringung interessierten (wegen der sie sich ja mit Air Conti herumgestritten hatten). Den Abend verbrachten wir wieder im Pub. Die Hardrock-Hämmer-Musik geht mir langsam auf die Nerven.

27. Juli 1976:
Königliche Gemächer, Rolls Royce und der Trafalgar Square

Vor dem Frühstück bin ich endlich dazu gekommen, einmal unsere Straße zu fotografieren. Sehr gut erkennt man die Pub-Reihe: „Western-Counties“, „Kebab-House“, „Littlewood“, „Kolossi“, „Sandwich-Bar“ usw.

Dieses mal gingen wir in eine uns bis dahin unbekannte Gegend. Quer durch den Hyde Park Richtung Kensington. Wir kamen am Round Pond vorbei, einem ovalen, vollkommen symetrischen Wasserbecken. Von da aus war es nah zum Kensington Palace. Am Weg schauten wir uns noch die zum Kensington Palace gehörenden Gärten an, die wunderbar angelegt sind. Die Wege rundum sind alle vollkommen zugewachsen. Im Palast sieht man verschiedene Gemächer von Königen und Königinnen. Das einzige wirklich bemerkenswerte waren die verschiedenen Schreibtische in den Drawing-Rooms, die mit allen Raffinessen ausgestattet waren. Von hier aus gingen wir zuerst einmal in die Bank. Das Geld war nämlich fast zu Ende. Dort hörten wir auch zum ersten Mal, daß in England überhaupt keine Eintauschmöglichkeiten für italienische Lira mehr bestehen.

Danach ein Bummel durch die Kensington High Street, in der auch neben kleinen Läden einige Großkaufhäuser stehen. Im Kensington-Market entdeckten wir unsere Schlüsselanhänger. Die Kings Road, in die wir mit dem Bus fuhren, ist das typische Bonzeneinkaufsgebiet. Auf den ersten Blick sehen die Läden nicht anders aus wie sonst. Aber wenn man die Preise sieht, weiß man, wo man ist. In der ganzen Straße gibt außerdem Rolls Royce am Stück. Von den Kutschen fahren wirklich Unmengen in London herum. Einmal hatten wir einen Rolls Royce Gebrauchtwagenmarkt entdeckt. Das teuerste Modell kostete 35.000 engl. Pfund (Anmerkung: damals war das englische Pfund etwa 4,50 DM wert – und als Auszubildender hatte man einen Verdienst von monatlich etwa 220 DM).

Nun spazierten wir noch eine Weile kreuz und quer durch Chelsea. Mit dem Bus wieder Rückfahrt zum Trafalgar Square. Dort wurden wir vom Platz gescheucht. Anscheinend war Bombendrohung; ein Bobby durchsuchte Büsche und Papierkörbe. Unterwegs machten wir noch einen Münzenwühltisch aus, an dem ich einige der alten englischen Pennystücke entdeckte und sogleich einkaufte.

Zurück im Hotel wurde zuerst einmal Kebab gefuttert. Im nahegelegenen Hyde Park, genauer gesagt im darin liegenden italienischen Garten, verbrachten wir die restlichen Abendstunden. Im Pub spielte nämlich eine scheußliche Gruppe.

Spätabends waren wir noch bei der Olympiade am Fernseher zu finden. Mittlerweile war der englische Sprecher für uns einigermaßen zu verstehen. Nur wenn ein Engländer in Medaillenposition kam, überschlug er sich fast. Seine Stimme wurde so schnell, daß ihn nicht einmal die im Raum anwesenden Engländer verstanden. Nett war auch, daß beim Medaillenspiegel nur das letzte Drittel angezeigt wurde, in dem England sich befand. Die oberen Positionen fielen unter den Tisch.

28. Juli 1976:
Ägyptische Mumien, griechische Vasen und die Gutenberg Bibel

Vom Euston Square aus gingen wir durch eine Straße, die von alten Universitätsgebäuden gesäumt ist, zum britischen Museum. Am Zugang wurden wieder einmal unsere Taschen sehr genau untersucht. Dann gings hinein. Im Museum könnte man sich fast verlaufen. Es ist festzustellen, daß das Museum aus verschiedenen Sammlungen zusammengestellt ist, manche Ausstellungsstücke stehen in ähnlicher Form etliche Male herum.

Zuerst schauten wir uns ägyptische Antiquitäten, meine besondere Leidenschaft, an. Die Gegenstände gehen zurück bis ins Jahr 5000 v. Chr. Im großen Saal sind Steinsarkophage, Statuen, teilweise beschriftete Steinblöcke ausgestellt. Die Statuen sind bis zu 10 m hoch; alles in allem lauter eindrucksvolle Steinmetzarbeiten. In den oberen Räumen sind Mumien und Sarkophage ausgestellt. Leider viel zu viel. Vor lauter Mumien sind keine Mumien mehr zu sehen. Ein einziger Wald. Einzeln sehen die Särge gut aus, sie sind von oben bis unten mit Hieroglyphen bemalt. Die ältesten Mumien und Sarkophage stammen aus der Zeit um 4500 v. Chr. Ebenso sind viele Grabmalereien ausgestellt, ferner Papyri, Totenbücher, Gegenstände des täglichen Lebens, von Toilettenartikeln bis zum Windmühlenrad. Schmuck aus Gold, Silber und Juwelen ist zu sehen aus sämtlichen Dynastien.

Weiters waren wir in Räumen, in denen Münzen und Medaillen aus allen möglichen Zeiten und allen Ländern der Welt waren. Manchen Metallstücken ist es kaum anzusehen gewesen, daß sie Münzen sein sollen.
Im Nordostsaal ist babylonische Kunst untergebracht. Es sind Schreibtafeln mit der dort üblichen Keilschrift zu sehen, ebenso Keramiken, Werkzeuge und Waffen.

Anschließend gingen wir in die griechisch-römischen Ausstellungsräume. Es gibt hier Götterbilder, Marmorreliefs, sogar Teile des Parthenons, des der Athene geweihten Tempel auf der Akropolis. Selbstverständlich sind wieder Unmengen von täglichen Gebrauchsgegenständen dieser alten Völker vorhanden. Am meisten gefielen mir die griechischen Vasen und Behälter mit ihren Abbildungen aus dem griechischen Leben. Leider standen davon hunderte herum, so daß man es nachher schade fand, nicht alles ausführlich angeschaut zu haben. Es bestand einfach keine Möglichkeit, sich mit allem, was herumstand, zu befassen bei diesen Unmengen.

Weiter gings zu den Räumen, in denen Uhren ausgestellt sind. Von den Anfangszeiten des Uhrenbaus bis zu neuzeitlichsten Konstruktionen ist alles zu finden. Das größte Modell war eine Uhr, die in einem Segelschiff eingebaut war. Je nach Uhrzeit bewegten sich auch die angebrachten Seeleute.

Zur Zeit war im Museum eine Art Wanderausstellung zu Tolstoi. Aber sich auch noch mit einem Schriftsteller zu beschäftigen, das wäre wirklich zu viel geworden, und so sind wir einfach durchgerast ohne viel umzublicken.

Am Eingang befand sich noch eine Bibliothek mit ein paar Millionen Bänden. Die interessantesten befanden sich in Schaukästen. Darunter war sogar eine Original Gutenberg Bibel. Aber lange hielts uns nicht mehr im Museum. Für heute hatten wir genug besichtigt. Das Britische Museum wäre uns aber für ein paar Tage gut, wer hat aber schon so lange Zeit, um das alles anzuschauen. Einen richtig faulen Nachmittag hatten wir uns nun ehrlich verdient. So kauften wir ein paar englische Zeitungen, ich hatte außerdem noch meinen Museumsführer, und legten uns in den Hyde Park.

Den Abend verbrachten wir im „Western Counties“, die Gruppe „Summit“ spielte, die beste, die ich während meinem Englandaufenthalt gehört habe.

29. Juli 1976:
Windsor Castle und Queen Mary’s Dollhouse

Zuerst hatten wir vor, mit der Bahn nach Windsor zu fahren, doch als uns gesagt wurde, daß wir umsteigen müßten, ließen wir uns lieber mit dem Bus befördern. So starteten wir von der Victoria Station aus mit der Green Line. Die Vororte bestanden großteils aus lauter kleinen Backsteinhäuschen mit mindestens einem Erker. Vorbei gings am Londoner Hauptflughafen Heathrow. Unzählige große Flugzeuge standen herum. Jede Minute startete ein Flugzeug und brauste über unsere Köpfe hinweg. Nach 1 ½ Std. Fahrt kam Windsor in Sicht.

Über eine Mauer hinweg, die quer durch die Landschaft führte, war die Burg zu sehen. Vom Bus aus begannen wir sofort den Rundgang. Zuerst sahen wir die Gebäude des ehemaligen „Horseshoe Cloister“. Im Hintergrund der Zapfenstreichturm („Curfew Tower“), der aus den ältesten Mauerteilen des Schlosses erbaut ist.

Von dort aus gingen wir weiter zur St. Georgs Kapelle. Sie ist die schönste Kirche, die ich je gesehen habe. Am Hauptportal ist ein riesiges Glasfenster mit farbigen Malereien, die Bischöfe, Heilige, Könige usw. darstellen. Im Mittelschiff der Kirche war während unseres Besuchs ein Kirchenspiel, in dem Studenten einer Schauspielschule mittelalterliche Bibelszenen aufführten. Verschiedene Könige sind in der Kirche bestattet, unter anderen Eduard IV, Georg V, …

Das Mittelschiff besitzt eine prächtige Decke, die zu den schönsten ihrer Art gehören dürfte. Im Chor steht ein mächtiges Gestühl, auf dem hunderte von Szenen aus dem Leben des hl. Georg zu sehen sind. Über dem Chorgestühl hängen die betreffenden Banner. Über dem Hauptaltar ist ebenfalls ein mächtig großes Fenster, das in allen Farben schimmert.

Anschließend liegt die Albert Memorial Chapel, eine toll ausgestattete Kapelle. In dem Mittelteil steht das Ehrengrabmal des Prinzen Albert, die Wände sind geschmückt mit Mosaikbildern. Zwischen St. Georgs und Alberts Chapel ist ein Kreuzgang aus dem Jahr 1356. An den Wänden sind Statuen von Ordensrittern angebracht. Von der Nord-Terrasse hat man auf Eton eine sehr gute Sicht, hauptsächlich auf die Kirche des dortigen Colleges. Wieder erheben sich entlang der Mauer einige Türme. Nach einem Rundgang auf den Festungsmauern gingen wir zum normannischen Tor, das der Zugang zum „Runden Turm“ ist, der leider geschlossen war. Von hier aus wäre die Sicht sicher noch um einiges besser gewesen.

Den Abschluß des Schlosses bilden die Staatsgemächer, aber um in diese zu kommen, hieß es erst einmal wieder Schlange stehen. Gleichzeitig kauften wir uns Karten für Queen Marys Doll House. Die Staatsgemächer sind immer bei Abwesenheit der Queen zu besichtigen, da sie diese sonst bewohnt. Im ersten Raum ist wertvolles Porzellangeschirr ausgestellt.

Danach kommt das große Treppenhaus, in dessen Mittelpunkt eine Statue von Georges IV steht. Ebenso sind Waffen und Rüstungen zu sehen. Weiter gings in den King’s Dining Room. Der Raum hat eine bemalte Decke. Sonst sind Gemälde in ihm von bekannten Künstlern (a. a. van Dyck).

Anschließend der Rubens-Saal, der ehemalige Empfangssaal des Königs. Wie der Name des Raums sagt, gibt es hier zahlreiche Gemälde von Peter Paul Rubens. Im folgenden Raum, dem Königskabinett wiederum zahlreiche Gemälde (Dürer, Rembrandt, Rubens …). Das Königinnenkabinett und die Bildergalerie sind voll von Gemälden, also reine Ausstellungsräume. Daraufhin der van Dyck Saal, der ganz von diesem bekannten Maler ausgestaltet ist Im Empfangskabinett der Königin sind Gobelins zu sehen, im Empfangszimmer ebenso. Der Wartesaal, der vor Waffen strotzt, diente dazu, die Besucher zuerst einmal nach Waffen zu durchsuchen, bevor sie zur Königin vorgelassen wurden.

Die St. Georgs Hall diente für Zusammenkünfte der Ritter des Hosenbandordens. Dort sind die Banner der ersten 26 Ritter des Ordens zu sehen. Am Ende des Saales stehen die Thronsessel. Im Waterloo-Saal ist der Sieg über Napoleon in einer großen Gedächtnisgalerie festgehalten. Das „Große Vestibül“ enthält eine wertvolle Waffensammlung und Beutestücke aus Kriegen und Schlachten. Der älteste Teil der Staatsgemächer ist die Eingangshalle. Deckengewölbe und Teile des Mauerwerks stammen noch aus dem Jahr 1363. Hier sind wertvolle Gemälde ausgestellt, u. a. von Raffael, da Vinci, Holbein. Anschließend an die Staatsgemächer liegt noch der zum Hause gehörende Park.

Nach einer Pause schauten wir uns Queen Marys Doll House an. Das Puppenhaus ist eine teilweise Abbildung des Palastes. Schon die Ausmaße sind verblüffend. Eine Puppenstube mit einer 2 x 1 m großen Grundfläche und so vielen Stuben, wer hat das je einmal gesehen. Gemälde, Einrichtungsgegenstände, alles sieht wie echt aus. Sogar die Bücher sind richtig gebunden.

Später schauten wir noch eine Weile dem Wachsoldaten zu, der auf- und abmarschiert. Er hat (natürlich seine Vorgänger) schon einen richtigen Weg in die geteerte Straße getrampelt, was ihm natürlich nicht so schwer fällt angesichts der dicken Nägel in der Schuhsohle. Seine Trampelei hört man weit; wenn er wieder hinsteht, rutscht die Fellmütze vor lauter stampfen schief. Am Tor konnten wir sogar eine Wachablösung sehen. Vier Mann marschierten stramm durch die Gegend, der, der die Wache zu übernehmen hatte, wurde noch einmal genauestens kontrolliert und durfte dann alleine stehen bleiben.

Nach dem Schloß schauten wir uns noch das Städtchen Windsor an, setzten und eine Weile in den Park und fuhren dann wieder mit unserem Bus Nr. 705 zurück nach London.

Um den großen Durst zu löschen, wurden erst einmal ein paar Büchsen Bier eingekauft. Danach gings mit der U-Bahn zur Paddington-Station und von da aus zum Hotel. Zuerst schauten wir ein weilchen Fernsehen, gingen dann in den Pub, futterten schließlich Kebab und wanderten wieder ins Hotel zurück. Dort wieder fernsehen; ohne Olympiade geht’s eben einfach nicht.

Das war der zweite Teil des London-Reiseberichts von 1976 – im dritten und letzten Teil wird es um eine weitere „große“ Sehenswürdigkeit, St. Paul’s Cathedral, und um weitere viele „kleine“ Entdeckungen gehen.

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