Kopf ab und in Stücke gerissen …

Besondere Entdeckungen auf dem Weg durch das Brohltal bis nach Fraukirch

Eigentlich waren es die Trass-Höhlen, die uns ins Brohltal geführt hatten – aber all das, was sonst noch zu sehen war, hat uns neugierig gemacht und uns nochmals ins Tal geführt. Und wieder gibt es besondere Entdeckungen, vieles schön, manches rätselhaft und fast absurd.

Dieses Mal ging es schnell an den Rhein, nach Brohl, vorbei an den Relikten der Schmalspurbahn, mit der der Trass einst transportiert wurde, am Schiffswrack, und an der Rampe, an der das Brohler Mineralwasser zum Transport auf Frachtschiffe verladen wird. Mitten drin im verwilderten Gelände hat anscheinend noch jemand ein ziemlich idyllisch aussehendes Plätzchen zum Wohnen gefunden, auf einem Schiff.

Wir steuern in Brohl die oben in den Hängen thronende Burg Brohleck an, die irgendwie unwirklich, wie ein Kontrastprogramm zum eher einfachen Ortsbild, über dem Ort prangt.

Steil geht es durch enge Straßen den Berg hinauf. Die alte Burg Brohleck war einmal; nur Überreste der Burg aus dem 13. Jahrhundert gibt es anscheinend noch. Wichtigster Bewohner war wohl der Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg, der im 14. Jahrhundert die Burg als Lehen des Burggrafen von Rheineck verwaltete. Aber sichtbar wird die Geschichte nur auf einer Plakette und am Wappenstein über dem Turmeingang aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Burg durch Friedrich von Metternich und seiner Frau Anna von Düsternau umgebaut wurde.

Die jetzige Anlage ist ein „Fabrikantenschloss“, weitgehend entstanden im 19. Jahrhundert, wie viele der Schlösser in dieser Gegend am Rhein. Seither hatte das Schloss eine höchst wechselhafte Geschichte – wechselnder Privatbesitz, Katholisches Knabenpensionat, Lagerschule für Führerinnen des Reichsarbeitsdienstes, im April 1942 Unterbringung von jüdischen Bürgern des Kreises Ahrweiler bis zu ihrem Abtransport in die KZs, danach wieder in Privatbesitz, später im Bestand der Gemeinde, die die Anlage völlig vernachlässigte ebenso wie der folgende private Besitzer, seit knapp zwei Jahrzehnten durch den neuen Besitzer weitgehend renoviert und eine Location für Feste und Feiern.

Das Tor wird bewacht von einem großen steinernen Tier – ein Drachen-Adler-Löwen-Huhn oder so etwas, in Bayern würde man es Wolpertinger nennen. Beim Blick ins Tal scheint es, als würde das Tierchen den alten Fabrikschornstein annagen, der hoch über den Ort ragt.

Am Schloss liegt ein kleiner Weinberg, mit vollreifen blauen Trauben dran. Aber ein Weinberg ist in dieser Region an sich nichts besonderes. Aber in Brohl doch – schließlich dürfte das so ziemlich der einzige Weinberg im Brohltal sein, obwohl hier der Weinbau einmal üblich war, so lange, bis andere landwirtschaftliche Nutzungen lukrativer wurden und schließlich auch die Reblaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Weinbau ein Ende setzte.

Der Blick hinunter in den Ort zeigt eine eher bunte Durchmischung von mehr oder weniger alter oder ältlicher und moderner Wohnbebauung mit Handwerks- und Industriegebäuden, die nicht alle so aussehen, als würde darin noch gearbeitet.

Noch ein kurzer Halt bei der Bahnstation des Vulkan-Express. Die Schmalspurbahn, die einmal Trass und andere Gesteine transportierte, bietet nun vor allem an Sommerwochenenden Touristen eine Ausflugsfahrt durch das Tal an, von Brohl aus 18 Kilometer durch die Vulkanlandschaft bis hinauf nach Engeln, das 400 Meter höher liegt. Manchmal wird der Zug noch von einer historischen Dampflokomotive gezogen.

Durch das Tal geht es weiter, vorbei an der Mosen-Mühle und an den Trass-Höhlen, die wir auf unserer letzten Tour angesehen haben, nach Burgbrohl. Wir wollen uns noch die Kaiserhalle ansehen. Am Ortseingang kommen wir bereits beim dritten Mineralwasseranbieter vorbei. Der Wasserreichtum und die Wasserqualität der Gegend zeigen sich heute noch darin, dass auf wenigen Kilometern gleich drei große Anbieter Mineralwasser abfüllen – Brohltaler Mineral- und Heilbrunnen, Tönnissteiner Sprudel und Rhodius Mineralquellen.

Oben auf einer Anhöhe sehen wir die freitragende Kuppelhalle, ein kreisrundes Bauwerk, strahlend weiß, immerhin mit einem Durchmesser von 20 Metern und 10 Meter hoch. Ein Blick durch die verglasten Türen zeigt, dass der Lichteinfall für dieses Gebäude nur durch ein kreisrundes Loch in der Decke vorgesehen ist, geschlossen mit einem Fensteraufsatz. Erstellt wurde dieses Bauwerk 1896 in nur drei Monaten und interessanterweise ohne Baugenehmigung; der Erbauer, Wilhelm Bell, wollte in einer Zeit, in der der Abbau des Trass immer mehr abnahm, den Nachweis erbringen, dass die lokalen Baustoffe Lavasand, Kalk und Trass auch für besondere Belastungen eingesetzt werden können.

Ein wenig mutet das Bauwerk, das gerade renoviert wird, an wie eine Verkleinerung des Pantheons in Rom. Es sieht schon schmuck aus, das strahlend weiße Gebäude. Aber wir denken uns, ob das Gebäude nicht besser als Zeugnis der Vergangenheit im alten Zustand belassen worden wäre – und statt dessen das Geld, das die vielen Förderer beigesteuert haben, die auf dem Bauschild stehen, nicht weit besser als Investition in den dürftig bis kläglich ausschauenden Orten aufgehoben wäre. So ein wenig zugunsten der Wohnqualität.

Auf dem weiteren Weg geht es noch einmal durch Burgbrohl; dort liegt auf einer Anhöhe noch die Burg, aber von unserer Strecke aus gesehen sieht es aus als wäre sie in einer Senke gebaut worden.

Weiter geht es durch das Tal, vorbei an vielen Apfelbäumen, die anscheinend nicht abgeerntet werden und wo wir uns nicht verkneifen können, eine Apfelprobe zu machen. Schlehenhecken sind voller Früchte, so dass man überlegt, ob man nach dem ersten Frost hier nicht sammeln sollte. Ein Blick in die Ferne zeigt immer wieder die Vulkankegel und die Steinbrüche, an denen vor allem Basalt abgebaut wird.

Irgendwann ist ein Wegweiser zu sehen, zur Probstei Buchholz. Von der haben wir noch nie gehört. Wir fahren eine ziemlich lange Strecke auf einer schmalen Straße, eher ein Wirtschaftsweg, durch Wald, Felder und Wiesen, vorbei an einem Reiterhof, und kommen überraschend an einem recht großen Gebäudeensemble an, ein altes Gemäuer, für Wohnzwecke mehrerer Familien, wie es aussieht, und für landwirtschaftliche Nutzung hergerichtet, mittendrin ein altes Kirchengebäude.

Vor uns liegt eine richtig alte ehemalige Klosteranlage. Wir lesen, dass es eine Niederlassung der Benediktiner des Klosters Gladbach gewesen sei, schon im 12. Jahrhundert – gegründet, um das Koster mit Wein zu versorgen; Weinbau war ja in den Tälern bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts üblich. Zentral im Blickfeld steht der mächtige Kirchenbau, auf den ersten Blick verwittert und etwas verfallen.

Von der Kirche aus dem Jahre 1135 sind tatsächlich noch die Vierung mit ihrem Kreuzgratgewölbe und einige Teile des Langhauses und des Querschiffs erhalten, aber diese Reste spiegeln auch die wechselhafte Vergangenheit der Kirche, die einmal deutlich größer war – Plünderung im dreißigjährigen Krieg, Abriss eines Teils der Kirche wegen Geldmangel, Aufhebung der Probstei und Verkauf, Nutzung der Probstei als Bauernhof, der Kirche als Scheune, Abriss der Hauptapsis und so weiter, und jetzt Denkmal.

Eine traumhafte Anlage. Irgendwie schaut alles aus wie nach dem Spruch „neues Leben in alten Gemäuern“ gestaltet – stilvoll und mit Atmosphäre, nicht alles auf Hochglanz poliert und modernisiert, sondern den Charakter der alten Gebäude erhalten, und all das, was nicht benötigt wird, alt und sogar ein wenig zerfallen gelassen. Mittendrin in der Anlage der alte Brunnen. Drumherum Obstwiesen und große, sehr naturnah bewirtschaftete Bauerngärten.

Es geht weiter. Wir steuern einen Flecken namens Fraukirch an, irgendwo im nirgendwo bei Mendig. Unterwegs gibt es aber noch einen kurzen Stop an der alten Laacher Mühle, längst stillgelegt, auf einem verwilderten Grundstück mit riesigen alten Bäumen; hinter dem Gebäude führt ein ins Brennessel-Dickicht eingeschlagener Pfad zu einem großen bunten Bienenhaus.

Wären da nicht die Schilder an der Straße von Mendig nach Thür, so würde man sie nicht finden, die Wallfahrtskirche Fraukirch – inmitten von Wiesen und Feldern, versteckt in einem kleinen Baumbestand, wie auf einer Insel. Eine Kirche, ein Gasthaus mit Biergarten, ein Gehöft und ein alter Friedhof auf kleinstem Raum.

Die Fraukirch ist eine der ältesten Kirchen der Eifel. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde die heutige Fraukirch erbaut. Die Kirche war später dann so verfallen, dass 1718 und 1829 der Westturm und die Seitenschiffe abgerissen werden mussten; die offenen Seiten wurden einfach zugemauert. Die Fraukirch steht, wie Ausgrabungen ergeben haben, auf den Fundamenten einer fränkischen Saalkirche aus dem 8. Jahrhundert. 1764 entstand dann auch das heutige Gasthaus an der Stelle des alten Gerichtshofs.

Von außen macht die Kirche einen eher unscheinbaren Eindruck, und wird eng umrahmt von hohen Bäumen. Durch eine kleine Seitentür gelangt man ins Kirchenschiff – und ist beeindruckt von einem Altar, wie man noch nie einen gesehen hat. Fein ausgearbeitet und doch etwas grobschlächtig, vielfältig mit Darstellungen versehen, von Engeln umkränzt, und alles in fast schrill zu nennenden Pastellfarben bemalt – Farben und Formen erinnern ein wenig an eine Mixtur aus ägyptischer Wandmalerei mit farbenfrohem hinduistischem Tempel.

Der so den Raum dominierende Altar zeigt eine fast verwirrende Vielfalt an Motiven und scheint doch eine Geschichte zu erzählen – aber eine Darstellung, die nicht wenig Raum einnimmt, drängt sich besonders auf: Die Vierteilung eines Menschen. Vier stramme Ochsen ziehen an einem Seil, das an Arme und Beine gebunden ist; Männer sorgen dafür, dass die Ochsen ihren Dienst tun. Dass Heilige gefoltert werden und das auch mal auf einem Seitenaltar dargestellt wird, hat man ja schon einige Male gesehen. Aber eine Vierteilung haben wir als sehr zentrale Abbildung noch nie auf einem Hauptaltar in einer Kirche gesehen.

Die Geschichte dahinter: Golo ist, der Legende nach, der untreue Hofmarschall des Pfalzgrafen Siegfried von Brabant. Golo versuchte, während der Pfalzgraf auf einem Kriegszug war, die Frau des Pfalzgrafen für sich zu gewinnen, gelang jedoch nicht. Genoveva hatte während der Abwesenheit des Grafen einen Sohn geboren, Vater der Graf. Golo verbreitete jedoch, dass es das Kind eines anderen sei. Genoveva wurde zum Tode verurteilt; die mit der Vollstreckung beauftragten Jäger ließen sie und das Kind jedoch entkommen. Sie überlebten mit Hilfe einer Hirschkuh, die Jahre später vom Grafen bei einer Jagd verfolgt wird und diesen zu Genoveva führt, die er erkennt. Die falschen Anschuldigen klären sich auf, Golo wird verurteilt. Und diese ganze Geschichte findet sich dann auf dem Altar wieder. Die Kirche wurde an dem Ort erstellt, an dem Siegfried seine Genoveva wiederfand.

Das Interessante: Historiker sind sich einig, dass diese Genoveva nie existierte, und auch ein Siegfried von Brabant nicht nachzuweisen ist. Niedergeschrieben worden sei die Legende von einem Laacher Mönch im 15. Jahrhundert. Und trotzdem: Genoveva wird als Heilige über Jahrhunderte von der Bevölkerung verehrt. Es gibt Wallfahrten nach Fraukirch, und es wird ein reger Ablasshandel betrieben.

Zur Wallfahrt kam die Kirmes hinzu; in der Koblenzer Volkszeitung von 1925 wird von der Alt-Fraukircher-Kirmes berichtet, dass um das Gerichtshaus und die Kirche herum ein reges Kirmesleben brandet. Es heißt „Das Volk aus allen 13 Dörfern der Pellenz und darüber hinaus noch vom Maifeld und aus der Voreifel, vom Rhein und von der Mosel, ist zusammengeströmt und drängt und schiebt sich scherzend und lachend über den Platz. Bude reiht sich an Bude. Hier gibt’s beim Bäcker allerhand leckeres Backwerk, besonders Lebkuchen: Siegfried und Genoveva stellen die Formen dar, auch ihr kleiner Sohn Schmerzensreich ist in Lebkuchen gebacken. Auch der böse Golo. Den kaufen die Kinder am liebsten und beißen ihm in ehrlicher Entrüstung erst den Kopf ab, dann zerreißen sie ihm Arme und Beine. So muß er immer wieder sterben, wenn auch nur als Lebkuchenmann.“

Was den 1664 erbauten Altar noch ganz besonders macht ist, dass die ganze Szenerie eine Bildhauerarbeit aus Tuffstein ist, eine prächtige, plastische Darstellung mit ausgeprägter Ornamentik. Der Tuffstein bedingt aufgrund seiner Struktur die gröberen Formen und auch die pastelligen Farben, die entstehen, weil auf einem leicht gräulichen, saugfähigen Untergrund gemalt wird. Auf der Rückseite des Altars sind die Tuffsteine, aus denen er zusammengesetzt ist, gut zu sehen.

Eigentlich war noch eine kurze Rast im Biergarten eingeplant – aber dieser ist nicht geöffnet. Noch ein kurzer Gang um die Kirche; auffallend die uralten Grabkreuze, die meisten mit Datum um das Jahr 1660.

Wir verlassen die „Fraukirch-Insel“ inmitten der Felder und fahren nach Hause. Ein langer Tag mit vielen Entdeckungen geht zu Ende.

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