420 Kilometer deutsche Geschichte

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Das Bundesarchiv in Koblenz entdecken …

Bundesarchiv – das klingt so ein wenig nach verschlossenen Türen, Akten hinter Tresoren, vor allem nach sehr vielen Geheimnissen, so überhaupt nicht zugänglich für alle, die ein wenig neugierig sind. Aber weit gefehlt!

Das Bundesarchiv in Koblenz ist so etwas wie eine besonderes Ziel für alle, die eine ungewöhnliche Entdecker-Tour unternehmen möchten. Ein Ausflug in die Geschichte bei einer Führung durch das Archiv, oder bei einer der Veranstaltungen – und eine Fundgrube für all diejenigen, die aktiv auf Spurensuche gehen möchten. Aber dazu mehr in diesem Beitrag.

So richtig wussten wir eigentlich nicht, für was wir uns da anmelden: Eine Führung im Bundesarchiv. Gut, einmal kurz nachgesehen im Internet hätte geholfen – aber wir lassen uns lieber überraschen.

Am Rande von Koblenz, mitten im Stadtteil Karthause, der wie eine etwas moderate Trabantenstadt anmutet, erwartet uns ein mächtiges Bürogebäude. Die Archivtürme dahinter sind noch nicht in Sicht; die entdecken wir erst, als wir uns das Modell anschauen, das mitten in der Empfangshalle steht. Was sich von außen mehr wie ein großer Büroklotz zeigt, erweist sich in der Empfangshalle als durchaus lichtes, gegliedertes Gebäude mit unterschiedlichstem Lichteinfall, entstehend durch viele Winkel und schräge Fensterflächen.

Nach kurzer Wartezeit werden wir von einer Archivarin des Bundesarchivs begrüßt, die uns die Einrichtung vorstellen wird. Zunächst geht es in einen Seminarraum, für grundlegende Infos. Wieviel und was gesammelt wird, ist beeindruckend, fast unvorstellbar.

Eigentlich könnte man jetzt schon zusammen fassen und schreiben: Es gibt eigentlich nichts aus allen Behörden, was nicht gesammelt und archiviert wird, ausgenommen ein paar wirkliche Belanglosigkeiten, und nicht nur Akten, sondern auch Fotos, Filme, Plakate, Tonträger. All das, was relevant ist für den „Bund“, das landet im Bundesarchiv, genau so wie die Länder und die Kommunen sammeln. Archive gibt es auch bei Kirchen, Unternehmen, Privatleuten und wem auch immer, orientiert am jeweiligen Zuständigkeitsbereich, manchmal Interesse. Aber es gibt einen Unterschied: Bund, Länder und Kommunen müssen auf gesetzlicher Grundlage sammeln.

In Koblenz ist die Zentrale für den Bund; ein Teil der Akten steht dezentral nach Themen gegliedert an anderen Standorten. Was uns vorher nicht klar war: In Koblenz und den anderen Standorten des Bundesarchivs landet nicht alles, was für die Bundesrepublik insgesamt interessant ist, sondern alles, was auf Bundeseebene und zuvor im Deutschen Reich an Akten, genauer gesagt an Vorgängen produziert wurde. Konkret heißt das, dass die Akten im Bundesarchiv mit dem Jahr 1867 starten; aus der Zeit davor gibt es höchst vereinzelte Vorgänge.

Insgesamt sind es beeindruckende 420 Kilometer Archivmaterial, davon 330 Kilometer Akten, der Rest Filme, Plakate, Bilder und Tonaufzeichnungen. Gegründet wurde das erste Reichsarchiv 1919 in Potsdam; hinterlegt wurden Akten ab etwa 1871. Anlass der Gründung war die Dokumentation des 1. Weltkriegs. Obwohl einiges noch in Sicherheit gebracht werden konnte, wurde ein Drittel des Bestands im 2. Weltkrieg im Februar 1945 bei einem Bombenangriff vernichtet. 1945 wurden die Akten von den Alliierten beschlagnahmt; bei Gründung des Bundesarchivs wurden die Akten von den westlichen Alliierten zurückgegeben. Die Akten aus der damaligen sowjetischen Zone konnten erst nach Wiedervereinigung dem Bundesarchiv eingegliedert werden.

Die Aufgaben des Bundesarchivs lassen sich einfach benennen: Akten übernehmen, bewerten, erschließen, auswerten und nutzbar machen. Klingt überschaubar. Die Einschätzung ändert sich jedoch, wenn man erfährt, dass diese Arbeit für eine Menge von etwa 900.000 Aktenordner jährlich gilt. Per Gesetz ist festgeschrieben, dass die Bundesverwaltungen alle Akten, die sie vor Ort nicht mehr benötigen, an das Bundesarchiv übergeben müssen. Im Raum, in dem wir sitzen, liegt eine solche Akte, die wir einsehen können – es ist diejenige der Schleyer-Entführung aus dem Jahre 1977, unter anderem mit den kompletten Notizen, Protokollen und dem Schriftverkehr aus dem Bundeskabinett, und immer wieder darin zu sehen die Notizen mit grünfarbenem Stift, den Bundeskanzler Helmut Schmidt für seine Anmerkungen auf den Papierstücken nutzte.

All die Akten, die in den Bundesbehörden entstehen, werden bei Übernahme in das Bundes auf Relevanz gesichtet – danach verbleiben etwa 80 % einer Anlieferung, die ins Archiv übernommen werden. Zunächst geht es dann mit dem Material ins Zwischenlager; es wird aufbereitet, und der Inhalt jeder Akte wird in einer kurzen Beschreibung zusammengefasst, die es erlaubt, die Akte inhaltlich zuzuordnen und nach Einlagerung wieder greifbar zu machen. Das Papier wird so aufbereitet, dass es möglichst für Hunderte von Jahren aufbewahrt werden kann – alle Metallteile wie Klammern werden entfernt, da sie das Papier zerstören könnten, Faxpapiere werden gesichert und stabilisiert, Plastikhüllen werden entfernt, bei Bedarf wird Papier entsäuert. Landet alles dann endgültig im Archiv, sind es jedes Jahr etwa 5 Regalkilometer, die neu dazu kommen.

Unser Weg führt uns in einen der Archivtürme, alle gebaut wie ein großer geschlossener Aktenbunker. Drei Archivetagen unter der Erde, zwei Etagen über der Erde, hinter der Aussenhülle zuerst einmal ein umlaufender Gang mit der Haustechnik. Dieser stellt auch schon die erste Stufe der Klimatisierung des Archivs dar, und ist zudem so angelegt, dass bei einem eventuellen Brand Rauch und Schadstoffe aus dem inneren des Archivs schnell abgeleitet werden können. Zur Innenseite befindet sich dann eine 65 cm dicke Wand, mehrschichtig mit verschiedenen Zwischendämmungen versehen, gebaut aus Ziegeln. Die spezielle Bauweise führt dazu, dass die Archivräume konstant bei einer Temperatur von 18 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 50 % bleiben, wie es für Papier für lange Lagerzeiten optimal ist – und das ohne Klimaanlage.

Drinnen im Archiv stehen dann dicht nebeneinander die Archivregale, so eng gereiht, dass begehbare Flure zwischen den Regalen nur durch ein Verschieben der Regale ermöglicht wird – sehr leichtgängig lässt sich das mit den Drehkreuzen am Kopf der Regale erledigen, obwohl in jedem der Regale fünf bis acht Tonnen Papier lagern. Die Regale, vor denen wir dann stehen, sind mit Namen beschriftet, von denen uns einige bekannt vorkommen – archiviert sind auch Nachlässe von bekannteren Persönlichkeiten, egal ob es sich dabei um Manuskripte, Notizen, Publikationen, Anweisungen oder um eher private Anmerkungen oder gar Liebesbriefe handelt. So soll es zum Beispiel sehr schöne Briefe des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss an seine Frau Elly geben.

Wir wandern weiter, kommen vorbei an einem Filmvorführgerät – aber Filme sind nicht hier, sondern werden am Standort in Berlin bearbeitet und archiviert. Jetzt kommen wir ins Fotoarchiv, einen Raum voller Metallkästen. Hier sind über 250.000 Fotos archiviert; wir schauen uns einige der ältesten Bilder an, aus dem Jahre 1864. In diesem Archivbereich sind auch über 35.000 Plakate erfasst, die als Übersicht mit Hintergrundlicht betrachtet werden können.

Unter Verschluss sind die Akten in der Regel für 30 Jahre. Bei Nachlässen prominenter Personen, die auch eingelagert sind, gelten andere, unterschiedliche Fristen. Interessant für uns ist – was wir nicht wussten: Auch Privatpersonen haben das Recht, Einsicht in die Akten zu nehmen, auf Antrag auch in jüngere Akten, wenn die jeweilige Behörde ihr Einverständnis gibt. Wer möchte, meldet mit Themennennung und kurzer Begründung das Interesse an Akteneinsicht an, und kann dann im Lesesaal des Bundesarchiv die gewünschten Akten durcharbeiten – und bekommt sogar eine Archivarin oder einen Archivar zugeteilt, der bei Bedarf weiterhilft.

Derzeit ist das Bundesarchiv dabei, all die Daten zu digitalisieren und so zugänglich zu machen, dass man sie auch als Privatnutzer direkt von Zuhause im Internet abrufen kann. Wer gezielt suchen möchte, für den ist schon einiges greifbar. Noch interessanter ist es, einfach in den Themen, die beispielhaft angeboten werden, zu stöbern – thematisch aufbereitet finden sich da die wichtigsten Dokumente, Filme, Plakate und weitere Infos zu verschiedenen Themenbereichen.



Zugang ist ganz einfach. Die Seite des Bundesarchivs aufrufen, http://www.bundesarchiv.de. Unter „Finden“ gibt es eine Übersicht, was schon nach Themenkreisen sortiert ist und sich so hervorragend einfach für Entdecker eignet. Wer sich lieber in den Gesamtakten umsieht, findet all das, was erfasst ist, auf einer weiteren Übersicht.

Einfach einmal beispielhaft die Zusammenstellung zur Weimarer Republik auf der Internetseite herausgepickt zeigt, was das Bundesarchiv alles bieten kann – nicht nur „trockene“ Dokumente, sondern auch Fotos, Filme und Plakate, die in dem Zeitraum, der im Archiv dokumentiert ist, entstanden sind.



So ein thematischer Einstieg geht los mit dem Menüpunkt „finden“ auf der Webseite. Hier gibt es eine Übersicht, welche Themen bereits digitalisiert vorliegen – ob Text, Film oder Plakate. Hier wird zum Beispiel als Menüpunkt die „Weimarer Republik“ aufgelistet.



Die erste Option ist der themen- oder sachbezogene Zugang. Orientiert an Daten und illustriert mit Foto und Kurzbenennung geht es zur Aufbereitung des jeweiligen Themas, anhand von Texten, Bildern, Filmen, je nachdem, was im Archiv greifbar ist.



Der Bereich „entdecken“ liefert weitere Themen; wer eher nach bestimmten Medien sucht, kann gezielt in diese Richtung starten – Akten, Filme, Karten, Fotos und mehr, alles wirklich gut zugänglich gemacht. Gerade die alten Filme sind nicht nur interessante Zeitzeugnisse, sondern einfach auch unterhaltsame Berichte über Politik, Gesellschaft und auch das alltägliche leben. Auch wer einfach Spaß und Freude an alten Filmen hat: Auf diesen Seiten sind sie zu finden.



Wer sich Akten komplett ansehen möchte, kann diese über einen weiteren Menü-Punkt abrufen und durchblättern.



Nebenbei: All die Abbildungen aus dem Internet sind ScreenShots von Webseiten des Bundesarchivs. Sie dokumentieren (sicherlich nur ausschnitthaft), wie informativ und auch unterhaltsam es sein kann, auf den Seiten des Archiv zu stöbern, ob bei konkretem Interesse oder nur aus Endeckerfreude – und wie einfach es ist, diese Seiten zu nutzen.



Wer einfach auf Entdeckung gehen möchte, ist am Besten auf den Seiten http://www.bundesarchiv.de aufgehoben.

Wer gerne historische Fotos anschaut oder auswertet, sollte sich die Seite http://www.bild.bundesarchiv.de vornehmen. Filme suchen und ansehen, dafür ist die Seite http://www.filmothek.bundesarchiv.de hervorragend. Und wer ganz gezielt in Akten und mit Stichworten recherchieren will, sollte dies auf http://www.invenio.bundesarchiv.de tun. Für all das, was noch nicht digitalisiert ist – dafür gibt es dann einen Besuch in Koblenz oder einer anderen Dienststelle des Archivs.



All diejenigen, die „richtig“ recherchieren wollen, werden wohl nach Koblenz fahren. 8.000 Privatpersonen nehmen jedes Jahr vor Ort Einsicht in die Akten, und diese Personen verbringen in der Regel fünf Tage im Archiv, genauer gesagt im Leseraum des Bundesarchivs, auf Spurensuche. Und diejenigen, die sich einfach einmal über die Arbeit des Bundesarchivs informieren wollen, melden sich für eine der Archivführungen an.

Wir haben einige interessante Stunden im Bundesarchiv verbracht, und inzwischen auch schon ein wenig auf den Seiten weiter recherchiert.

Und wir haben eine etwas umfangreichere Empfehlung: Wer sich für Geschichte, vielleicht sogar etwas konkreter dafür interessiert, was während des eigenen Lebens oder dem der Eltern oder Großeltern so passiert ist, sollte sich die Zeit nehmen, sich immer wieder einmal in den Akten des Bundesarchivs, vielleicht auch in denen der Landesarchive oder derjenigen der eigenen Heimatstadt, umzusehen.

Es ist ein wenig wie mit dem Reisen – die Blickwinkel, mit denen die Welt erfasst wird, erweitern sich.

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