Zeitreise in eine Tuchfabrik

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Ein Ausflug in die Zeit der Industrialisierung

Ein Ausflug in die Vergangenheit. Eigentlich wollten wir gar nicht so weit zurück reisen, zur Zeitwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert, sondern nur in die 68er-Jahre des 20. Jahrhunderts – genauer gesagt wollten wir uns eine Ausstellung über die Mode in dieser Umbruchzeit anschauen. Aber wie es sich oft so ergibt: Zum Interessanten gesellt sich schnell etwas Besonderes – ein Gang durch eine Tuchfabrik, die noch in einem Zustand wie in der Zeit der Industrialisierung ist.

Ein freundlicher Herr an der Museumskasse – die Mode-Ausstellung läuft im LVR-Industriemuseum in Euskirchen-Kuchenheim – hat es nicht einfach, uns zum Besuch der alten Tuchfabrik Müller, die eigentlich den Standort des Museums ausmacht, zu überzeugen, vor allem aus deshalb, weil das nur mit Führung möglich ist. Entscheidung getroffen, wir gehen durch einen kleinen Park über eine Brücke, vor uns ein hoher Fabrikschlot und ein Gebäudekomplex – wir sind angekommen im frühen 20. Jahrhundert. Und wir freuen uns, dass wir eine Führung ganz für uns, zu Zweit bekommen – sonst niemand da.

Erste Informationen gibt es im Innenhof der Anlage. Um uns herum das Fabrikgebäude, das Dampfmaschinenhaus mit dem hohen Schlot, die Büro- und Lagerräume, angebaut noch drei Toilettenhäuschen mit Herzchen. Eigentlich war dies einmal, erfahren wir, ganz zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Papierfabrik, bis es dann Mitte des Jahrhunderts zur Spinnerei und Walkerei wurde, zur Herstellung und Veredlung von Stoffen. Der Grund: Der kleine Bach, der zur Wasserversorgung und Entsorgung der Abswässer genutzt wurde, war über die Papierproduktion so verschmutzt, dass kein weißes oder helles Papier mehr hergestellt werden konnte. Für Stoffe, da hat die Wasserqualität noch gereicht. In den Walkereien wurden damals vor allem Wollstoffe warm und feucht gemacht und dann durch hin und her schieben, quetschen und stampfen so verfilzt, dass eine eine glatte Oberfläche entstand und der Stoff auch etwas wasserabweisend wurde.

1894 übernahm Ludwig Müller die Manufaktur, es entstand die Tuchfabrik für Wolltuche und Lodenstoffe mit einem damals hoch modernen Maschinenpark – so wie er heute noch zu sehen ist, nur ergänzt mit Maschinen, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dazu gekommen sind. Die Tuchfabrik Müller produzierte vor allem sehr robuste Stoffe, für den Alltagsbedarf und für das Militär. Der Maschinenpark des Vaters wurde dann in der Weimarer Zeit vom Sohn übernommen – und dieser sah keinerlei Anlass, die bewährten Maschinen auszutauschen.

Er produzierte weiter mit der robusten Mechanik, weiterhin auch die schweren, haltbaren Stoffe, für die es nach der Weimarer Zeit und noch mehr danach wieder erhöhten Bedarf gab – und es ging auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter mit den alten Maschinen, bis 1961. Eine neue Zeit mit verändertem Bedarf stand an – es waren neue, leichtere, bunte Stoffe gefragt. Das Werk wurde vom Besitzer geschlossen, erhalten und bewacht, nirgendwo geändert, da er sich sicher war, dass es irgendwann wieder in Betrieb gehen würde. Erst nach weiteren 27 Jahren übernahm es schließlich 1988 der Landschaftsverband Rheinland gewissermaßen im „Urzustand“ und wandelte es in ein Museum um – ein Museum, in dem nicht nur besichtigt werden kann, sondern im dem die Maschinen bei Vorführungen auch in Produktion sind, und in dem immer noch Garne und Stoffe entstehen.

Tatsächlich stehen wir also hier vor einem sehr ungewöhnlichen Industriedenkmal, das so, wie es dasteht, einzigartig sogar in ganz Europa ist. Man ist ja gewohnt, gerade bei Bauten und vor allem Maschinen aus der ersten Zeit der Industrialisierung auf Überreste und Ansammlungen zu treffen, zusammengesammelt und präsentiert. Aber hier stehen wir vor einer alten Fabrik, die in einem Zustand ist, als wäre vor wenigen Tagen noch produziert worden, und jetzt für Besucher alles nur ein wenig gesäubert und hergerichtet worden wäre. Hier steht noch die komplette Produktion, so wie in den Anfangsjahren, und sogar noch funktionstüchtig, wie uns später vorgeführt wird.

Gleich zum Start geht es in einen großen Raum, der Wolferei. Links steht eine Maschine, gespickt mit Stacheln unterschiedlicher Größe, angetrieben über lederne Transmissionsriemen – der Krempelwolf. Hinten im Raum stehen große prall gefüllte Säcke – an einem der offenen sehen wir, dass diese voller grober, ziemlich ineinander zerknuddelter, fast schon etwas verfilzter, jedoch gereinigter Wolle sind. Anscheinend gibt es unterschiedliche Qualitäten, auch verschiedene Wollfarben. In der Wolferei wird die Wolle für die gewünschte Stoffqualität zusammengestellt, vermengt, und vom Krempelwolf fein zerrupft und so vorbereitet für die weitere Verarbeitung zum Garn. Die Maschine wird für uns angeworfen. Die Lederkeilriemen setzen die Antriebsräder in Bewegung. Ein Arbeiter wirft das Wollgemenge auf ein Band – die Maschine zieht ein, rattert und rupft die Wolle. Weiter hinten im Raum schneit es dünne Wollflocken in einen Sammelsack hinein – die kommen über ein Gebläse, das alles, was klein genug gerupft ist, aus der Maschine pustet.

Weiter geht es in die Färberei. Im Depot stehen noch Ballonflaschen mit den Farben. Diese Farben waren geheime Rezepturen, die vom Inhaber der Manufaktur gehütet wurden; gefärbt wurde nach Bedarf. In den Räumen standen dann immer dichte, auch giftige Dampfwolken – und entsorgt wurde alles einfach über den Bach, ohne jegliche Klärung. In einem ziemlich großer, kippbarer Bottich, der Küpenfärbemaschine, wurde die Wolle gefärbt, dann zum abtropfen über ein Lattengitter gezogen, schließlich trocken geschleudert. In der anderen Maschine im Raum, der Stückfärbemaschine, wurden fertig gewobene Stoffe eingefärbt.

So, wie es jetzt weiter durch die Hallen geht, hat der Ablauf kaum mehr etwas zu tun mit der Entstehung der Stoffe – die Abfolge der Räumlichkeiten ist eher orientiert am Wasserbedarf und sicherlich auch an der Statik der Gebäude. So geht es jetzt in die Wäscherei und Walkerei, die sogar tiefer gelegt ist als das Erdgeschoss, möglichst nahe am Wasser des Erftbaches. Hier werden zunächst mit fast archaisch aussehenden großen, mit hölzernen Walzen versehenen Waschmaschinen die Stoffe von allen Verunreinigungen befreit.

Gearbeitet wurde mit Seife und Soda – was mit Unmengen an Wasser wieder ausgewaschen wurde. Dann wurde gewalkt – der Stoff in Walkwerken über Walzen gezogen, gepresst, gezerrt, erwärmt, dazu kam ein Gemisch aus Wasser, Walkerde und Pottasche, später Soda. Der Stoff wurde so verdichtet und verfilzt; er wurde so haltbar und robust.

In der Krempelei werden die Wollflocken aus der Wolferei weiter verfeinert, so lange, bis Wollfäden entstehen, aus denen das Garn gewoben werden kann. Immer feiner wird die Wolle gekämmt, zerfasert, wieder gelegt, und wieder zerrissen und in neue Fasern gelegt. Über viele Walzen mit unterschiedlichsten Kämmen, Legemaschinen, Faserformen, Rechen und Spulen geht es über eine lange Maschinenstraße.

Weiter verarbeitet werden die Wollfäden in der Spinnerei. In langen Reihen stehen die mechanischen Spindeln auf den beiden Maschinen; insgesamt laufen hier etwa 250 Spindeln, drehen die Fäden und zwirbeln diese, so dass ein belastungsfähiges Garn entsteht, das in der Weberei zu Stoff verwoben werden kann.

Eine Ebene höher im Gebäude stehen aufgereiht die mechanischen Webstühle, von denen noch acht in Betrieb sind.

Auf fast allen werden Stoffe gewoben, bei einigen sind schon ansehnliche Stoffballen entstanden, mit unterschiedlichen Mustern. An der Seite sind die Starthalterungen für die Webschützen angebracht, mit denen die Schussfäden durch die Kettfäden geradezu katapultiert werden, mit einer Geschwindigkeit von immerhin 35 Stundenkilometern.

Die Rechen des Webstuhls und damit die Muster werden über eine Kette gesteuert. Am Webstuhl ist das Schusszählwerk zu sehen; die Weber wurden nach Anzahl der Fäden bezahlt, die sie in ihrer Arbeitszeit schossen. Wir bekommen noch eine Vorführung an zwei Webstühlen, und staunen nicht schlecht über den ohrenbetäubenden Lärm der Maschinen.

Noch eine Etage höher werden die Kettfäden für die Webstühle auf Rollen aufgezogen. Fein säuberlich aufgereiht sind die Fäden, eine großen Spule, präzise, da ansonsten kaum ein guter Stoff entstehen kann.

Hier sind dann weitere Maschinen, für eine zusätzliche Appretur der Stoffe, oder für Umspulung auf andere Spulengrößen. Die Stoffe werden, wenn erforderlich, ausgebessert, vermessen, abschließend Meter für Meter kontrolliert, und kommen schließlich ins Lager.

Angetrieben wurde die gesamte Tuchfabrik über eine Dampfmaschine aus dem Jahre 1903, die über einen Dampfkessel beheizt wird – und die immer noch in Betrieb genommen werden kann. Die 80 PS Leistung reichten aus, die Fabrik bis zur Schließung zu betreiben.

Einige Dinge können wir nicht besichtigen – Corona sei Dank … Wir hätten schon gerne noch das Stofflager, die uralten Büroräume oder das Kesselhaus gesehen, mit dem die Dampfmaschine angeheizt wird. Aber wir werden wiederkommen, und uns noch einmal ausgiebig umschauen.

Wir drehen jetzt die Zeit etwas weiter, ins Jahr 1968. Für uns geht es jetzt tatsächlich noch in die Modeausstellung.

Aber darüber werden wir eigens berichten.

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