Mini, Maxi, Parka, Jeans – Modeprotest 1968

Rückblicke und Eindrücke – ein kurzer Spaziergang durch eine Modeausstellung

Kontraste allenthalben. Röcke werden zum Mini und immer kürzer – oder Maxi und bodenlang. T-Shirts und Blusen dürfen zeigen, was darunter ist. Schlaghosen werden immer weiter. Zivildienst ist anstelle der Bundeswehr angesagt, aber ein Bundeswehrparka sollte es trotzdem sein, mit abgeschnippeltem Hoheitssymbol, dafür mit Pelzstreifen entlang der Kapuze. Dazu natürlich halbhohe, schlabberige Lederschuhe, Clarks. Und natürlich die Jeans, die sich immer mehr durchsetzt, damals zum Schrecken der älteren Generation.

Wir sind wieder einmal unterwegs, in der Region, und machen eine kleine Zeitreise, gespickt mit Erinnerungen auch an das, was man selbst noch ein wenig mitbekommen hat – in die Mode, die sich in den 68er-Jahren entwickelt hat. Im LVR-Industriemuseum „Tuchfabrik Müller“ in Euskirchen-Kuchenheim wurden für eine Ausstellung einige Prachtstücke aus dieser Zeit zusammengetragen.

Wer kennt sie nicht, diese Zeit – von den einen mehr als geliebt und geschätzt, von den anderen als Anfang allen Übels angesehen. Viele haben die 68er noch „Live“ aus eigenem Erleben in Erinnerung, andere kennen die Zeit aus Berichten – mehr oder weniger verklärt oder verteufelt, auf jeden Fall inzwischen wie vieles, was längere Zeit zurück liegt, garniert und interpretiert, auch angepasst.

Wir machen uns auf, um uns einen kleinen Ausschnitt aus dieser Zeit anzuschauen, einen, der aufgrund all des politischen Geschehens in den 68er-Jahren ansonsten kaum Beachtung findet – und höchstens mal eher als Abschreckung über Geschmacksverirrungen erwähnt wird: Die Mode in dieser Zeit.

1968 – Aufbruchstimmung und Veränderung zeigt sich allenthalben. Protest gegen Kriege. Wilde Stilrichtungen in der Musik, zwischen Protestsongs von Joan Baez und Bob Dylan, Rock von Bands wie Deep Purple oder Led Zeppelin, und für die eher „Braven“ die Beatles oder etwas „weniger Braven“ die Rolling Stones.

Peace & Love, die neue Leitlinie. Neue Lebensstile und Formen des Zusammenlebens entwickeln, in Partnerschaft oder gleich in Kommunen. Kinder antiautoritär erziehen, auf jeden Fall nicht so, wie man es selbst noch „genießen“ durfte. Vielleicht auch neues Bewusstsein erlangen, je nachdem über endlose „herrschaftsfreie“ Diskussionen, indische Yogis oder Drogen. Neuen Welterklärungen und sozialistischen Ideen frönen, selbst wenn sich diese wie in Ostasien als menschenverachtend darstellen. So ein wenig sind die Cover des „Spiegels“, die in der Ausstellung zusammengestellt sind, auch ein Spiegel der Zeit. Und daneben steht so ein wenig ambivalent die Zeitschrift Bravo, die eine Millionenauflage erreicht, dagegen die gerne so bezeichnete „Kampfpresse“ aus dem Hause Springer.

Egal was auch immer – auf jeden Fall eine Gegenbewegung gegen all das, was sich als etabliert und konservativ darstellte. Abkehr von überalterten Frauenrollen und von Familienklischees, weg von autoritären Strukturen. Ausgedrückt in Sprüchen wie „Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren“ oder, nach vorne blickend Willy Brandt mit seiner zeitlos gültigen Aussage „mehr Demokratie wagen“.

Passend in diese Situation hinein: Die neue Mode, die sich gar nicht als Mode präsentierte, sondern als bunte Vielfalt den Protest der Zeit ausdrückte. Schrill, bunt, unförmig, ein Mix aus Stilen rund um die Welt, kombiniert mit kreativen Einfällen. Alle denkbaren Materialien, irgendwie verarbeitet – hauptsächlich anders.

Weg von Anzug, gebügeltem Hemd und Krawatte, die Schuhe auf Hochglanz poliert – eine Sache derjenigen, gegen die man sich absetzen wollte. Moderne Jungs im Stil der Zeit hatten nicht nur lange Haare, sondern auch T-Shirts, die von der älteren Generation noch als Arbeiter-Unterhemden angesehen wurden, schlabberige Hosen aus bunten Stoffen, die zuvor nicht einmal als Freizeithemd denkbar waren. Wurden Hemden getragen, dann hatten sie Muster, waren womöglich bestickt, und waren im edelsten Falle aus Nylonspitze. Das „muss“, dass der oberste Hemdknopf geschlossen zu sein hat, ist Vergangenheit – mindestens der Kragenknopf muss geöffnet sein, oder mehr, möglichst weit runter. Dazu eine Halskette.

Heute so, morgen so. Es darf bei den Jungs auch einmal das Batik-Hemd sein. Auf jeden Fall muss das Schuhwerk stimmen – nicht die glänzend polierten Lederschuhe, sondern ausgelatschte speckige Clarks, möglichst Wildleder, damit sie abgewetzter ausschauen. Zunächst etabliert sich die Jeans, aber dann kommen die Schlaghosen – und damit die Jeans die richtige Form bekommt, werden die Seitennähte aufgetrennt, ein Stück Stoff eingesetzt, wenn es edel sein soll farbig abgesetzt, womöglich bestickt. Die Cowboys lassen grüßen. Ebenso wie bei den Lederjacken, die bevorzugt Fransen vorweisen sollten.

Muss es einmal Anzug oder Kombination sein, wie bei vielen Berufen zwingend vorgeschrieben war, hielt auch der Zeitgeist Einzug. Die Farben der Jacken schräg und schrill, Farben wie flieder, himmelblau, sonnengelb, knallorange oder giftgrün – keine Seltenheit. Dazu Krawatten in poppigen Mustern und Farben, breit wie Kinderlätzchen.

Wird es kälter, kommt der Protest noch mehr zum Ausdruck, bei den Jungs wie bei den Mädels – der Parka, bevorzugt das Modell Bundeswehr, wohin die Mädels nicht wollen und dürfen, die Jungs eigentlich müssten aber sich immer mehr dagegen entscheiden und den damals noch mühsamen Weg über Verhandlungen gehen, um Zivildienst machen zu dürfen. Aber der Parka – olivgrün, möglichst aus dem Second-Hand-Shop, der damals noch nicht so hieß, die auffallende Flagge am Ärmel und an der Brust auffallend rausgeschnitten oder abgerupft, und manchmal das schmückende Pelzchen an der Kaputze. Protest pur – im damaligen Verständnis.

Interessant, dass die Ausstellung im Museum auch das Kontrastprogramm zeigt, und an der Wand nicht nur das bekannte Poster mit Che Guevara hängt, symbolisch für die revolutionäre Haltung der Zeit, sondern nicht unweit davon auch das Filmposter zum ersten James Bond Film, der ein paar Jahre vor 1968 erschien – verhaftet in alten Klischees und Rollenbildern und doch zugleich so ein wenig Trendsetter für Veränderungen und Moden. Aber auch diese Kombination zweier Welten ist ein gewisses Zeitzeichen – der eine will die Welt retten, der andere diese verändern.

Die Jungs zeigen sich, was die Mode betrifft, als Jungs, eher „brav“ mit zurückhaltenden Versuchen, modisch zu werden – die Mädels dagegen offensiv, mit einer modischen Palette, die kaum weiter ausgereizt werden können hätte. Vielfalt ist angesagt, rundum – einfach die Abkehr von all den Konventionen, die die bisherige Mode den Frauen auferlegte. Weg vom Kostüm, vom standardisierten Kleid, vom Rock und der Bluse, auch weg davon, den Körper zu verstecken.

Das lange, fallende, heftig gemusterte Maxikleid war angesagt, konnte sich aber nie durchsetzen gegen den immer kürzer werdenden Minirock. Handbreit über dem Knie war anfänglich schon skandaltauglich. Da diese Rocklänge aber bald vom Alltag eingeholt wurde, mussten die 68er ziemlich nachlegen – besser gesagt kürzen. Die Materialien – ob Baumwolle, Polyester oder Leder, alles keine Frage. Wenn es sein musste, wurden auch aus dicker Wolle Mäntel und Hotpants gestrickt. Bunt und ungewöhnlich musste es sein.

Kaum zu glauben – bis in die 68er-Jahre war es kaum üblich, dass Frauen Hosen trugen; es gehörte sich nicht. Oder schlabberige Pullover – undenkbar. Der Bikini – gerade erst erfunden. Aber genau diese Jahre lebten auch von den Kontrasten – edle Stoffe, getragen für besondere Anlässe, mit immer gewagteren Mustern.

Die Anzahl der Kleidungsstücke, die eine Frau zu tragen hatte, wurde drastisch reduziert, vor allem bei der Unterwäsche – und gab es diese doch, wurde sie modisch vorzeigbar.

Natürlich stimmte der Rahmen insgesamt – Musik, Literatur, Zeitschriften, alles passte zusammen. Schallplattencover wurden gestaltet von denen, die später als Künstler Weltruhm erlangten. Die Zeitschrift „Spiegel“, wurde zur Pflichtlektüre, fast Kult, der Träger eines kritischen Zeitbildes. Musik, die sich als Protestsong gegen den Vietnamkrieg und gleichzeitig für Schmusepartys eignete. Ein Umbruch im politischen System, ausgelöst von den Unruhen in den 68er-Jahren. Verehrung von Helden, die ganz sicherlich keine solchen waren. Der Versuch, eine Gesellschaft für Morgen aufzubauen.

Schade, dass es nicht weit mehr Exponate gibt. Aber es ist ja nur die Mode dieser Zeit, von der nicht wirklich viel aufgehoben wurde, auch nicht von uns selbst – schließlich haben wir auch einiges von dem gerne getragen, was jetzt im Museum zu sehen ist.

Im Rückblick gesehen war das alles vielleicht ja auch in den Augen derjenigen, die einmal von dieser Mode begeistert waren, viel zu gruselig, was da angezogen worden ist – gut, dass es nicht nachhaltig wirkte, um ein Wort zu bemühen, das es damals noch nicht gab. Weit wichtiger ist der gesamte Rahmen, in dem diese Mode steht; diese Zeit prägte die Gesellschaft, brachte vieles voran. Aber es war wieder einmal schön, nicht nur an die „große Geschichte“ erinnert zu werden, sondern einfach auch mal an den Alltag, an die „Klamotten“.

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