Fast vergessenes Alltagsleben – Tante Emma, Friseur und Kino

Eine unglaubliche Sammlung in Münstermaifeld und in Uersfeld, im Ladenmuseum – Teil 1

Was ist wohl ein Ladenmuseum, noch das größte in Deutschland? Nie gehört, und auch die beiden Orte Münstermaifeld und Uersfeld entdeckt man nicht so schnell auf der Landkarte.

Aber genau in diesen beiden Orten gibt es eine einzigartige Ansammlung von Gegenständen aus dem Lebensalltag vergangener Jahrzehnte – nicht einfach in Vitrinen, sondern in kleinen Ladengeschäften zusammengestellt.

Hier gibt es dann, ganz wie früher ausgestattet, noch den Tante-Emma-Laden, das Milchgeschäft, die Schule, den Wäscheladen, den Schuster, den Friseur, die Post, das Farbengeschäft, den Spielwarenladen, die Kneipe und viel mehr. Erstaunlich, was da alles zu sehen ist – und vieles davon erinnert an die eigene Kindheit oder gar an das, was damals Eltern und Großeltern aus ihrer Vergangenheit erzählt haben.

Es geht auf Zeitreise, nicht nur in die Welt von Eltern und Großeltern, sondern auch in die eigene Vergangenheit. Fünfzehn Läden gibt es im Heimat- und Erlebnismuseum in Münstermaifeld zu sehen, untergebracht in der alten Probstei, mit Tausenden von Exponaten, zusammengetragen von einem privaten Sammler – der schon ganz früh erkannte, dass viele Dinge des Alltagslebens nicht auf den Müll gehören, oder wie es mal hieß, „ausgemistet werden“ müssen, sondern irgendwann einmal für all das stehen, was man Alltagsgeschichte nennen kann. Und später werden wir noch ein ähnliches Museum anschauen, das Nostalgicum in Uersfeld – auch voller Exponate, die dieser Sammler zusammengetragen hat.

Das Museum wird gerade geöffnet, als wir kommen. Schon im Eingangsbereich erwartet eine überbordende Fülle von so vielen Dingen, dass man jetzt schon fast den Überblick verliert – und zwischendrin steht derjenige, der das alles gesammelt hat. Schon jetzt berichtet er mit „Leib und Seele“ von all dem, was in seinen Läden steht, von Pappkartons und Fotos, von Ladeneinrichtungen und davon, dass er inzwischen nicht nur hier in der Probstei ausstellt, sondern dezentral im Städtchen einige alte Läden erhalten hat, samt Ausstattung. Die Ski-Schuhe, die er gerade mitgebracht hat, sind noch von der ganz alten Sorte, mit Stahlbügeln – er hat sie gerade am Morgen auf dem Flohmarkt erworben, wie er erzählt. Ziemlich lange gibt’s Geschichten über das Museum und private Sammler, alles hoch interessant, aber wir haben langsam Sorge, dass wir nicht viel weiter kommen als in den Eingangsbereich.

Aber es geht weiter. Angenehm – alles geht sehr geruhsam, und man kann sich auch wirklich Zeit nehmen. Wir sind die einzigen Besucher im Museum. Es geht los, direkt hinter der Kassentheke. Der schmale Flur steckt schon voller Exponate. An der Wand so ein wenig Ahnengalerie garniert mit alten Blech-Werbeschildern; ein Stück Flur musste herhalten als Kino mit einer alten Sitzreihe und vielen Filmplakaten.

Hier dominieren die 50er Jahre und auch ein wenig die Zeit davor. Aber die hölzernen Kino-Klappstühle kennt man selbst noch von den ersten eigenen Kinobesuchen, als man sich Winnetou und Old Shatterhand anschaute, also die Karl-May-Filme, die im Kino in der Kleinstadt gespielt wurden.

Erster Raum ist gleich der Friseur. Wasch- und Frisiertische, darüber ein Föhn und eine Trockenhaube, die weniger nach Haarpflege, weit mehr nach Bekleidungsstücken von Außerirdischen im Science-Fiction-Film ausschauen.

Passend dazu Utensilien, die ausschauen wie aus der Folterkammer, und bei denen man erst bei näherer Betrachtung erkennbar kann, dass damit Haare zu verschiedenen Formen gedreht, gerollt, gelegt oder gesträhnt werden können.

Eines der „Instrumente“ kennt man selbst noch, einst aktiv angewendet vom Vater, damit Jungs die richtige Frisur haben. Sieht aus wie eine Schafschere, mit der rundum am Kopf alles so knapp abgesägt und manchmal abgerupft wurde, dass obenauf nur ein Schopf auf dem Kopf übrig blieb. Mindestens eine Scherenbreite über den Ohren hatte der Kopf weitgehend blank zu sein. Eine gehasste Frisur, erinnernd an die Zeit, die zum Glück nicht lange, aber schon etwas zurück lag – also diejenige Frisur, die heute als so modisch und modern gilt.

Auch im anderen Museum in Uersfeld gibt es einen Friseurladen – und auch hier trifft man auf versammelten Alltag. In einer Ecke steht zum Beispiel ein Metallkasten, den man nicht beim Friseur erwartet – auf den ersten Blick schaut er aus wie ein uraltes Funkgerät aus Militärbeständen. Aber genauer betrachtet ist es eine wahre „Höllenmaschine“, mit der Locken produziert werden können.

Im Regal liegt eine alte Tube Frisiercreme; heute wird so etwas modisch als Mittel zum Haarstyling eingesetzt, damals war es eine glibberig-schmierige Creme, die von den älteren Herren eingesetzt wurde, um die Haare am Kopf mehr oder weniger fest zu kleben, so wie in ganz früheren Zeiten, von denen man sich eigentlich längst verabschieden wollte. Natürlich gibt es auch die Schermaschine und die merkwürdig aussehenden Klammern, mit denen Haare in Form gelegt werden konnten.

Die alten Regale im „Tante-Emma-Laden“ sind vollgestopft mit Schachteln und Dosen. Die typische Waage und die Tüten für all das, was lose aus den Schubladen verkauft wurde, fehlt nicht – Mehl, Zucker, Linsen, Bohnen, Nudeln, Reis, Erbsen und mehr wurden ja mit kleinen Schäufelchen in Papiertüten verfrachtet und ausgewogen. An der Seite steht eine Reihe Bonbon-Gläser – Bonbons und andere kleine Süßigkeiten wurden ja auch stückweise ausgesucht und gekauft.

Auf den Werbeschildern für all das, was zum kleinen Luxus gehörte wie Kekse und Kaffee, und auf den Blechdosen, in denen die Ware gelagert wurde, sind fröhliche Familien, lachende Kinder oder auch schöne Städteansichten zu sehen. Zu unserer Überraschung entdecken wir eine alte Keksdose, auf der groß das Ulmer Münster abgebildet ist. Nicht zu übersehen sind die gelben Plüsch-Bären, mit denen für die allseits bekannten Gummibärchen geworben wird. Bärenlebkuchen kennt heute wohl niemand mehr.

Faszinierend für alle, die damals den Haushalt managen mussten, sind die Regale mit all den Namen, die heute noch die Werbung mit beherrschen, allerdings inzwischen mit den angeblich vielfach verbesserten Wirkungsformeln, die alljährlich die beste Version von Waschmittel, Spülmittel, Reiniger und was auch immer versprechen, und heute natürlich alles kaum mehr in Pappe, sondern in Plastik verpackt.

Im Einkaufsnetz ist außer Seife noch eine Packung Linde’s, der längst vergessene Kaffee-Ersatz aus Getreide zu entdecken. Puddingpulver, südseeverklärte Pflanzenmargarine, günstige „gute“ Erbswurstsuppe, Waschmittel für strahlend sauber gewaschene Kleidung hinter dem Bananenjungen, auch ein besonders freizügiges prickelndes Mineralwasser – alles zu haben, im Tante-Emma-Laden der 50er- und 60er-Jahre.

Fast schon nach Reisen und Abenteuer sieht das Design auf all den Blechdosen aus, in denen eher die besonderen Dinge aufbewahrt wurden, vor allem der Kaffee. Da sieht man Szenen mit Menschen, die heute korrekt „People of Colour“ genannt werden, die damals einfach „Schwarze“ oder „Neger“ waren – heute politisch völlig inkorrekte Bezeichnungen, korrekt abgelöst von Sprachunfähigkeit. Auf der Sinalco-Schirmmütze durften ziemlich klischeehaft umgesetzte Menschen, gut erkennbar aus allen möglichen Kontinenten, noch völlig ungeniert miteinander fröhlich tanzen.

Nah beieinander im Regal stehen Schwarzwaldmädel, Schwarzafrikaner, Turbanträger, Osterhase und Eisbär – was damals kein Problem gewesen sein dürfte, aber heute nachdenkliche und kritische Diskussionen auslösen könnte. Genau so wie der „Sarotti-Mohr“, damals durchwegs positiv bewertet und Symbol für Qualität – heute undenkbar und höchst kritisch diskutiert, überall verschwunden, nur noch im Museum zu sehen. Wer würde es heute noch wagen, mit einer dunkelhäutigen, fröhlichen lachenden Dame für Bananen zu werben? Undenkbar. Nach fernen Abenteuern sehen auch all die Dosen aus, die mit Segelschiffen und Piratenabbildungen glänzen.

Mehr als makaber wirkt ein Schild mit davorstehender Bananenkiste. Auf dem Schild darüber der Spruch „Esst Bananen, sie sind gut!“; davor die Kiste mit dem Aufdruck aus der Kolonialzeit „Deutsche Kamerun-Bananen – Grossmarkt-Ges. Ulbricht & Kohl“. Wohl dem, der da nicht auf merkwürdige Gedankenspiele kommt …

Aber auch an anderer Stelle fühlt man sich nicht nur ein wenig an Kekse, Bonbons und Süßigkeiten aus vergangener Zeit erinnert, sondern auch ein wenig an die aktuelle Politik. Da hat anscheinend jemand schon vor Jahrzehnten vorausgesehen, wer in Bayern irgendwann einmal Ministerpräsident wird …

So viel erst einmal zu den ersten Räumen in diesem ungewöhnlichen Alltagsmuseum. Im nächsten Teil wird über den Tabakwarenladen berichtet, ein Elektrogeschäft, wie es früher mal war, und die alte Schule.

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