Fast vergessenes Alltagsleben – Tabakladen, Elektroladen, Schule

Eine unglaubliche Sammlung in Münstermaifeld und in Uersfeld, im Ladenmuseum – Teil 2

Es geht weiter, auf Erkundung durch das Ladenmuseum in Münstermaifeld. Den alten Friseur-Salon, den Tante-Emma-Laden und all das, was von einem ehemaligen Kino noch vorhanden war, haben wir uns angesehen. Jetzt geht es weiter, zu neuen Entdeckungen zum Alltagsleben vergangener Zeiten.

So richtig typisch war schon der Friseur-Laden, mit vielen Gegenständen, mit denen man auch eigene Erinnerungen wieder auffrischen konnte. Weiter geht es in das Tabakgeschäft – zurück in die Raucher-Gesellschaft der 50er- und 60er-Jahre, in den Elektroladen und in die alte Dorfschule.

Das Tabakwaren-Geschäft war einmal Standard in jedem größeren Ort. Die alten Filme, die manchmal noch zu sehen sind zeigen ja, dass die Zigarette oder Zigarre so ziemlich in jeden Mundwinkel zu gehören hatte. Wer nicht rauchte, musste sich dafür meist rechtfertigen – Nichtraucher waren die Ausnahme, für die manchmal besondere Nischen eingerichtet waren, wie Nichtraucher-Zimmer.

Wer Zigaretten rauchte, war eher auf Arbeit und angespannt; wer Zigarren oder eine Pfeife rauchte, war in der Phase der Entspannung. Männer hatten zu rauchen; bei Frauen war dies zunächst verpönt. Bei Männern war die Zigarettenspitze dazu da, eine Zigarette richtig fertig zu rauchen; Frauen, die mit gestylter Zigarettenspitze rauchten, galten als etwas verrucht – so lange, bis es sich gehörte, dass die „moderne Frau“ rauchte, genauso wie die Männer.

Dieses Leben spiegelt sich nun in all dem, was jetzt im Tabakwaren-Geschäft in diesem ungewöhnlichen Museum ausgestellt ist. Rundum im kleinen Laden die Regale mit Zigarettenpackungen, Zigarrenkisten, Tabakdosen, Pfeifen und allen möglichen Utensilien rund um das Rauchen. In der Theke unter der Glasscheibe Zigaretten- und Zigarrenspitzen, Stopfer für Pfeifen, Zündhölzer, Zigarrenanschneider und mehr. In einer Ecke stehen einige Erinnerungsstücke – Gold Dollar, das rauchte der Vater, danach Ernte 23, und später dann die Marlboro. Irgenwie sind die Packungen auch Zeichen der Zeit – zuerst die Goldmünze, dann der Getreidehalm, schließlich der qualmende Cowboy.

Rauchen war Kult. Entweder „gute“ Markenzigaretten rauchen oder Zigaretten selbst drehen war nur manchmal eine Frage der Sparsamkeit, weit mehr eine Frage des Stils. Tabak gab es fein geschnitten in Schachteln, Tüten und Dosen, dazu Zigarettenpapier, für die „weichen Raucher“ auch Filter, die mit eingerollt werden konnten – und für alle, die etwas auf sich hielten, das kultige Gerät namens Zigarettenroller, auf das Tabak, Papier und Filter aufgelegt wurde und mittels Rollband zur Zigarette geformt werden konnten.

Zigarren hatten eine Banderole, ein Markenzeichen und zugleich Statussymbol, das sogar gesammelt wurde. Wer auf sich hielt, beklebte speziell dafür vorgesehene Aschenbecher damit, abgedeckt mit Glas, auf das die Asche kam – nicht nur eine schön bunte Unterlage, sondern auch Beleg dafür, welche guten Dinge alle schon geraucht wurden.

Auf Packungen, Dosen, Schachteln und Schildern rundum viel Werbung, die darauf verwies, dass rauchen einfach so etwas wie Lebensstil ist – und gutes Leben symbolisiert. Wer erinnert sich nicht an die Zigarettenwerbung mit dem Cowboy, der für Freiheit und Abenteuer durch die Prärie reitet, oder das Kamel, das vor den Pyramiden posiert, oder die rote Hand, die nur die Zigarette hält und so Bedeutung signalisiert, oder das Männchen, das sich so aufregt, dass es in die Luft geht und sich erst mit einer Zigarette wieder beruhigt, oder eine längst vergessene Marke, die noch mit Goldschätzen aus alter Seefahrerzeit warb. Warum allerdings ein Walross mit abgebrochenem Zahn werbewirksam eine selbstgerollte Zigarette raucht, das erschließt sich nicht zwingend.

So viel „altes Gerümpel“, kreuz und quer im Laden verteilt, in Regalen und auf dem Boden, hat man tatsächlich im „Elektro-Fachgeschäft“ vor über einem halben Jahrhundert zum letzten Mal gesehen.

Auffallend natürlich eine Sammlung alter Röhrenradios, aber auch Elektro-Plattenherde, eine Wäscheschleuder, Glühbirnen, Schallplatten, ein Tonbandgerät, Staubsauger, Haartrockner, Kabelrollen, Lampen, Sicherungen, Rasierer, Ventilatoren, Kaffeemühlen, allerhand Ersatzteile – einfach alles, was mit Strom und Steckdose zu tun hat, findet sich hier in schönster Eintracht.

Der Plattenspieler und das Spulen-Tonbandgerät sind in tragbaren Koffern untergebracht. Musik ist eben nicht nicht gedacht zum beschallen der eigenen Ohren, sondern für Unterhaltung, Tanz und Party. Dazu dient die Musikbox in der Kneipe, und vor allem das Koffergerät, das überall dahin getragen wurde, wo gerade Musik benötigt wurde – vor allem in Jugendräume, Partykeller oder in die selbstorganisierte Disco. Abgespielt wurden vor allem Singles, und aufgezeichnet wurde die Musik aus Radiosendungen – ärgerlich, wenn mal einer der Moderatoren in die geliebten Songs „hineinquatschte“.

Die Werbung für solch moderne Gerätschaften ist jugendlich-frisch; im krassen Kontrast dazu zeigen sich die etwas älteren Werbeplakate für Waschmaschinen.

In einem Raum ist eine Dorfschule untergebracht. Unterrichtet wurden hier in kleinen Gemeinden auf dem Land alle Schüler in einem Raum, weitgehend gleichzeitig, alle acht Jahrgangsstufen, bis in die 60er-Jahre hinein – mehr Schuljahre gab es in der „Volksschule“ nicht.

Ausgestattet ist der Schulraum mit den typischen Schulbänken mit schrägem Pult und Sitzbank, oben im Pult eine Rinne für die Stifte, damit sie nicht runter fallen, und die Halterung für’s Tintenfass. In den ersten Jahren wurde mit Griffel auf der Schiefertafel geübt – oft mit schrecklichem Quietschgerräusch. Danach kam der Füllfederhalter, längst noch nicht mit Tintenpatronen, sondern mit Füllrad, mittels dem Tinte aus dem Tintenfass aufgesogen werden konnte – Garant für blaue Finger und Kleckse im Heft. Die wuchtigen Lederschulranzen wirken im Vergleich zu den heutigen Riesen-Schulrucksäcken der Kinder wie kleine Taschen.

An den Wänden hängen Karten und Bildtafeln, das Lehr- und Anschauungsmaterial, und in der Ecke steht einer der Öfen, mit denen damals nicht nur Schulräume beheizt wurden. So ein wenig anderes Lehrmaterial ist auch noch vorhanden, ein paar Schulbücher. Was fehlt, ist das „Rohrstöckchen“, mit dem damals noch dizipliniert wurde; ein Lineal, mit dem auch „Tatzen“ verteilt werden konnten, liegt auf einem der Pulte – und was nicht zu sehen ist: wer sich nicht wie vorgegeben verhielt, musste den Rest der Schulstunde stehend in der Ecke des Klassenzimmers oder vor der Tür verbringen.

Unser Weg durchs Ladenmuseum führt uns weiter in den Landladen, in dem es allerhand für den landwirtschaftlichen Betrieb und privaten Garten gibt, in die Dorfkneipe und in das Nähwarengeschäft. Darüber wird es im nächsten Bericht gehen.

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