Fast vergessenes Alltagsleben – Spielwaren, Kleidung, Fotoladen, Maler

Eine unglaubliche Sammlung in Münstermaifeld und in Uersfeld, im Ladenmuseum – Teil 4

Tarzan, Sigurd und Ivanhoe im Comic, Plastikindianer und Blechautos, Kinderpost und Tipp-Kick, Fix & Foxi und Mecki, und viel mehr – wir kommen an bei all dem, was die Ladenmuseen in Münstermaifeld und Uersfeld für Kinder bieten. Aber auch das Bekleidungsgeschäft und der Fotoladen bringen einiges aus dem Alltagsleben vergangener Jahre wieder ans Licht.

Alles mögliche haben wir schon gesehen, einige Erinnerungen wieder geweckt, ob im Tante-Emma-Laden, beim Friseur, in der alten Schule und mehr. Gleich neben dem Nähladen und Hutgeschäft liegt der Zeitschriftenladen. Hier geht es jetzt weiter; auf zu neuen Entdeckungen.

Wieder geht man auf eine Reise in die Vergangenheit – nicht in die Welt der Sammler von Spielwaren und Zeitschriften in Hochglanz, die für die Vitrine gekauft wurden, sondern in die Welt der Kinder, ein wenig auch die der Erwachsenen. All den Gegenständen sieht man an, dass mit ihnen mit Begeisterung und viel gespielt wurde. Bücher sind zerlesen, Comics etwas zerfleddert und mit Eselsohren. Wie es sich für ein Museum gehört, das das Alltagsleben vorstellt.

Der Zeitschriftenladen in Münstermaifeld ist normalerweise nur durch Glasscheiben zu betrachten – anscheinend gab es eine Zeitlang zu viele Besucher, die nicht nur gerne in den Comic-Heften blätterten, sondern auch deren Bestand reduzierten. Aber wir dürfen zumindest ein paar Schritte hinein gehen und uns ein paar Minuten umsehen. Schade, dass der Raum so ein wenig im Halbdunkel liegt. Aber das hat den Vorteil, dass die Vitrinen, hinter denen viele Hefte und Gegenstände liegen, nicht all zu sehr spiegeln. In Uersfeld ist alles in vielen Regalen untergebracht, und auch da verständlicherweise fast durchwegs hinter Glas.

Angesammelt sind im Zeitschriften- und Bücherladen viele der Kinderbücher aus den 50er- und 60er-Jahren, natürlich Reihenweise die Karl May Bücher, daneben Fernsehhund Lassie, die Geschichten vom Pferd Fury, Fünf Freunde, Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Zu einigen Bilderbüchern gibt es Bildtafeln. Ein paar Ausgaben der Zeitschrift Bravo dürfen nicht fehlen, und auch nicht der typische Ständer mit den Arzt- und Heimatromanen.

Die 50er- und 60-er Jahre sind auch die ersten Boomjahre der Comic-Hefte. Man freut sich über Tarzan, Sigurd und Ivanhoe, Falk und Rikko in Comics, die noch im kleinen Langformat erschienen – und von denen heute kaum mehr jemand weiß. „Schund“ war das alles in den Augen der Eltern dieser Zeit, und wurden sie der Hefte habhaft, verschwanden sie ganz schnell im Müll.

Gespielt wurde mit Blechspielzeug, aber noch viel lieber mit den bemalten Plastik-Indianern und Cowboys mit ihren Pferden, ergänzt mit Ranch, Zäunen, Lagerfeuer, Zelt und allem möglichen aus Plastik. Auch die ersten Plastikbausteine hatten Hochkonjunktur – die ersten Legosteine in wenigen Standardgrößen und nur in den Farben weiß und rot lösten Begeisterung aus. Nebenbei: Legosteine waren damals noch Hohlsteine, die ziemlich instabil aufeinander standen.

Zu Weihnachten wurde für Jungs das Weihnachtsspielzeug aufgestellt – die elektrische Eisenbahn, meist ein Oval, vielleicht mit Abstellgleis, selten mehr, aufgeschraubt auf eine Holzplatte, gestaltet als Landschaft mit Dorf, und Bergen. Typisches Geschenk dazu waren Faller-Bausätze; vorgefertigte Plastikteile und Klebstoff ergaben all das, was zur Ergänzung der Eisenbahnanlage erforderlich war, Bahnhof, Wohnhäuser, Kirche, Kiosk, Gasthaus und vielleicht eine Schule.

Gespielt wurde ziemlich alltagsnah – Häuser bauen, Einkaufen, Alltag organisieren, Geld verdienen, also Lego und Faller, Kaufladen, Brettspiele wie Kinderpost und Kinderschule, natürlich Monopoly und Konkurrenz und Frustration üben mit „Mensch ärgere Dich nicht“. So ein wenig durften die damaligen „Traumberufe“ der Kinder noch in Spielform mit dabei sein – der Lokomotivführer nicht nur mit der Eisenbahnanlage, sondern auch mit Schaffner-Mütze, Spielfahrkarten oder Schaffner-Koffer, der Fussballer mit dem Tipp-Kick-Spiel, der Arzt mit dem Kinderarztkoffer, der Pilot mit Koffer und Pilotenmütze, die Stewardess mit Köfferchen, Hütchen, Jacke und allem, was man am Abfertigungsschalter so brauchen könnte.

Aber so wirklich sind Spielsachen in Richtung Traumberuf für Frauen kaum zu finden; ganz zeitbezogen auf diese vergangenen Jahrzehnte gruppieren sich Spielsachen für Mädchen fast ausschließlich um all das, was erforderlich war, um sich auf das Frauenleben vorzubereiten – so wie man sich das in den 50ern und den beginnenden 60ern vorstellte -, also die Puppenstube, Strickliesel, Webrahmen, auch den Spiel-Küchenherd, bestenfalls mit Esbit-Würfel beheizbar. Etwas ganz besonderes waren die großen Plastikpuppen mit passender Kleiderkollektion, mit den Schlafaugen, die sich schlossen, wenn die Puppe hingelegt wurde; die Luxusversionen machten bei Bewegung Geräusche, sollte Mama oder so heißen, klang aber mehr nach „Muh“. War es für die Jungs an Weihnachten die Eisenbahn, so gab es für die Mädchen die Puppenstube und auch den Kaufladen, letzterer für die kleineren Jungs noch interessant, und je älter sie wurden desto verpönter.

Oben auf den Regalen ist all das zu sehen, was gerne gesammelt wurde, und was aus Comics und Bilderbüchern bekannt war – Fix & Foxi, Fred Feuerstein, Micky Mouse, Kater Sylvester, A-Hörnchen und B-Hörnchen oder Poppeye als Plastikfiguren, und der Mecki aus dem Bilderbuch, natürlich ordentlich angezogen und mit Igelfrisur, durfte nicht fehlen.

So wirklich viel zu sehen ist in den beiden kleinen Bekleidungsgeschäften, die es auch gibt, nicht – da wurde in den Haushalten wohl zu wenig aus der Vergangenheit aufbewahrt, eher in Altkleidersammlungen gegeben oder vernichtet. Aber das, was hier noch zu sehen ist, zeigt einiges vom Alltag, ob Unterwäsche oder Lederhose. Erstaunlich, dass es sogar noch Schmuckverpackungen gibt, in denen vor allem wertigere Wäsche verkauft wurde.

Wie schick die Mode sein konnte, zeigen auch die beiden Schilder, die in diesem Bereich hängen – zum einen für die Mutter mit ihrem stylischem Kinderwagen, zum anderen für die mobile Frau, unterwegs auf dem Fahrrad, die erstaunlicherweise zum Tennis spielen fährt, worauf der Tennisschläger unter dem Arm hinweist.

Die kurze Lederhose weckt Erinnerungen. So etwas war einmal Pflicht-Alltagskleidung für jeden Jungen, vor allem in Süddeutschland. Robust, unbequem und unmodern, und nie und nimmer Kult, wie heute.

Kurze Hose, Lederhosenträger dran, die oben auf dem Querstück ein Schmuckmedaillon aus Horn haben, meist ein Hirsch, die „Sonntagshose“ mit abgesetztem Schmuckleder. Wichtig natürlich der etwas labberige Sitz an den Beinen und die verstellbaren Knöpfe am Hosenbund – Kinder wachsen, und so eine Hose muss schließlich für möglichst viele Jahre halten. Ein Jahrzehnt später zeigten sich schon modernere Zeiten – als Werbeartikel tauchten die ersten Flip Flops auf und konnten zwischen die Zehen geklemmt werden.

Im Ladenmuseum in Uersfeld, das in einem alten Wohnhaus eingerichtet ist, hat sich noch ein Badezimmer aus vergangenen Zeiten erhalten. Beheizt werden Wasser und Raum noch mit dem sogenannten Holzofen, rundum sind Utensilien vor allem aus den 50er-Jahren versammelt, und eine Puppe und die Wäscheleine veranschaulichen, was damals „drunter“ getragen wurde.

Auf den Regalen stehen stylische Rasierer und man ist überrascht, was an Pflegeartikeln in altertümlichen Verpackungen herumsteht. Was 8×4 ist kann man rechnen – aber dass Anfang der 50er-Jahre das erste Deo mit diesem Namen zunächst als Pülverchen und dann als Spray erfunden und verkauft wurde, das war nicht mehr in Erinnerung. Haarshampoo, Seifen, Cremen, Putzmittel tragen noch bekannte Namen, aber die Verpackungen zeigen sich doch recht altertümlich. Interessant, dass sich die Wäscheschleuder, ein Gerät, das heute kaum mehr jemand kennt, noch „Frauenlob“ nennen darf.

Etwas weiter den Flur entlang liegt das Fotogeschäft, leider alles komplett hinter Glas, so dass man nur so ein wenig oberflächlich schauen kann. Gerne würde man die alten Kameras etwas genauer betrachten, beim einen den Balg ausklappen, beim anderen versuchen, die Belichtungszeiten vom separaten Belichtungsmesser auf den Foto zu übertragen, oder wieder einmal in das Innenleben einer alten Kamera schauen, bei der noch richtig Filme eingelegt werden mussten.

Die kleine Dunkelkammer, die hier auch zusammengestellt ist, liegt wie erforderlich auch im Halbdunkel. Für all diejenigen, die nicht mehr wissen, was das alles ist, das da herumsteht, ist mittendrin ein kleines Schild mit der Aufschrift „Dunkelkammer“. Aber ob das wohl denjenigen eine Erklärung bietet, die mit Digitalfotografie groß geworden sind, sei dahingestellt.

Kaum in Erinnerung ist noch das umfassende Angebot, das einmal die Malergeschäfte boten. Von Farben und Lacken für Gartenzäune und Möbel über Wandfarben und Weißkalk für Innenräume und Keller bis zum Außenanstrich für Häuser – alles gab es in diesen Geschäften zu kaufen, samt der für die Anwendung erforderlichen Pinseln, Reinigern und anderen Materialien. Farben gab es in Fertigmischung, aber ebenso auch als Pulver zum anrühren oder zum einrühren in eine Grundfarbe. Bei den meisten Malern gehörte mit dazu, dass sie als Handwerker auch die Arbeiten bei Bedarf ausführten.

Wände wurden gestrichen, mit Grundfarbe, und wer sich eine schickere Wand wünschte, rollte mit Gummiwalzen und Schmuckfarbe ein Muster drauf. „Schöne“ Tapeten waren zunächst eher den besseren Räumen, also dem Wohnzimmer und natürlich dem repräsentativen Eingangsbereich vorbehalten.

Später wurden gerne die Raufasertapeten eingesetzt – die unruhige Wand wurde zum Vorbild, und mit der darüber geklebten wandähnlichen Tapete konnten Risse und Unebenheiten gut kaschiert werden. Zunächst waren die Tapeten mit im Leistungsangebot der Maler, später tauchten dann Tapetengeschäfte und die Tapezierer auf.

Immer wieder staunt man darüber, dass es noch weitere Ecken und Nischen im Gebäude gibt, in denen Läden oder ein paar besondere Exponate ausgestellt sind. Anscheinend wird einfach gesammelt, was interessant scheint, und sobald es sich lohnt, wird ein neuer Laden zusammengestellt. Auch ein nettes Sammlerkonzept.

Wir starten auf jeden Fall weiter durch – zur Post, zum Haushaltswarengeschäft, zum Schuster und allem möglichen weiteren.

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